Reise : Am Rande der Welt

Glambeck ist ein winziges Dorf in der Schorfheide. Seen, Wälder und Felder locken rundherum – und die „Claviermusiken“.

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Turmlos. So schlicht wie heute war das Kirchlein von Glambeck schon im Jahre 1708. Ausreichend für die „Arme-Leute-Gemeinde“, hieß es damals. Fußbodensteine, mundgeblasene Fensterscheiben, Kirchenbänke und Deckenleuchter blieben erhalten. Foto: Berkholz
Turmlos. So schlicht wie heute war das Kirchlein von Glambeck schon im Jahre 1708. Ausreichend für die „Arme-Leute-Gemeinde“, hieß...

Schmal ist die Straße und holprig dazu. Rechts und links nur Wald, durchbrochen von einer Lichtung, hier und da. Endlich: Glambeck, eine winzige Gemeinde in der Schorfheide. Ein Ort am Rande der Welt. Dass er seit 1998 immer wieder von sich reden macht, liegt am rührigen Verein „Denkmale Glambeck e.V“. Kulturinteressierte Menschen aufs Land zu locken, das war die Idee. Aber wie soll das funktionieren, wenn alle ehrenamtlich arbeiten und um jeden Euro betteln müssen? Vielleicht hätte der Verein mit den rund 15 Mitgliedern im Dorf längst kapituliert, wäre da nicht die nimmermüde Vorsitzende Heimtrud Eichhorn. „Manche behaupten, ich bin der Motor des Vereins“, erzählt sie lächelnd und fügt hinzu: „Na ja, vielleicht so eine Art Seele“. Das klinge doch viel netter.

Die gebürtige Sächsin hatte Glambeck 1967 entdeckt und kam fortan regelmäßig. Ein Mann und „die große Liebe“, wie sie sagt, war dran schuld. Damals existierte hier sogar noch ein Schloss. Friedrich Wilhelm von Redern, einflussreiche Person bei Hofe, Generalintendant der Königlichen Schauspiele und reicher Großgrundbesitzer hatte es 1862 erworben. Eher ein märkisches Gutshaus, ein schlichter, ländlicher Bau von jener Art, die Theodor Fontane häufig beschrieben hat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss erst als Lazarett, dann als Scheune und Konsum genutzt. Formal stand das Gebäude unter Denkmalschutz, doch was an der Fassade bröckelte oder abbrach, wurde nicht mehr ausgebessert. In den 70er Jahren kam die Weisung von oben: „gesperrt aus baupolizeilichen Gründen“. 1978 wurde der Denkmalschutz aufgehoben, vier Jahre später folgte der Abriss. „Man wollte hier nichts, was Neugierige anzog“, weiß Heimtrud Eichhorn. „Es war schließlich das Staatsjagdgebiet von Erich Mielke.“

Der verwilderte Schlosspark, einst von Lenné angelegt, wurde nach der Wende behutsam wieder zugänglich gemacht. Nach wie vor führt eine Kastanienallee zum Glambecker See. „Früher standen dort unten drei Datschen“, erzählt Heimtrud Eichhorn, „die Fundamente könnte ich Ihnen noch zeigen.“ Auch diese bescheidenen Hütten mochte die Staatssicherheit nicht mehr dulden. Die Platanen, Kastanien, Linden und Blutbuchen durften weiterwachsen, auch die dicke Eiche konnte bleiben, deren Alter auf rund 460 Jahre geschätzt wird. Sogar ein Eiskeller kann – im Sommer – noch besichtigt werden. In der kalten Jahreszeit wohnen Fledermäuse drin – und die sollen nicht gestört werden.

Das Kleinod des Dorfes aber ist das Gotteshaus, erstmals erwähnt Mitte des 16. Jahrhunderts. Ein Kirchlein ohne Turm. Den trug es nie, denn der kleinen Ansiedlung mitten im Wald hatte man nur eine „Filia“, eine schlichte Tochterkirche zugestanden. Den Küster bezahlten die Einwohner mit „fünf Scheffel Roggen“. Für eine Beerdigung war ein Silbergroschen zu entrichten, bei „einer alten Leiche“ etwas weniger. Damit zu den großen christlichen Festen überhaupt ein Pfarrer kam, musste ihm die Gemeinde „Weihnachtsbraten und Ostereier“ offerieren.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden Dorf und Kirche bei einem Brand zerstört, erst 1708 wurde ein neues Gotteshaus gebaut – aus Feldsteinen, Kiefernholz, Lehm und selbst gefertigten Dachziegeln. Ganz ähnlich, wie damals beschrieben, sieht sie heute noch aus. Oder genauer: sieht sie nun wieder aus. Denn im April 1945 wurde das Kirchlein bei der Sprengung einer benachbarten Brücke arg in Mitleidenschaft gezogen. Der Dorfchronist notierte akribisch: „Der hölzerne Altar stürzte um und zerbrach, die Südseite des Gebäudes senkte sich um 20 Zentimeter, in den Fachwerkwänden entstanden Risse, durch die später Efeu eindrang und das Mauerwerk brüchig machte.“

Die Glambecker wollten das nicht hinnehmen – und ihr Kirchlein retten. Also organisierte der Bürgermeister den Reparaturtrupp: „Harken, Spaten, Besen als Handwerkzeug etc. sind freundlich mitzubringen.“ 1979 hielt man das provisorisch geflickte Haus für einsturzgefährdet – und versperrte es. Im Grunde war 1998 nicht mehr viel übrig von der Kirche, als sich der neue Verein gründete, um sie zu „retten“. Eine akribische Restauration erfolgte, im Grunde ein Wiederaufbau.

Ein schöner Erfolg, doch Heimtrud Eichhorn war das nicht genug. „Während der Sanierung machen alle mit“, sagt sie, „aber dann geht den Leuten die Puste aus.“ Der resoluten alten Dame – „die 80 blinzelt mich schon an“– reichte es nicht. Sie wollte, dass die Kirche auch als Musikort genutzt wird, wollte Kultur nach Glambeck holen. Ein ehrwürdiger Theodor Steinweg-Flügel von 1860 fand auf verschlungenen Wegen nach Glambeck, dazu andere Instrumente aus alter Zeit. „Die Glambecker Claviermusiken“ wurden aus der Taufe gehoben. „Das C beim Wort Klavier haben wir gewählt, weil doch auf historischen Instrumenten gespielt wird“, erklärt die Vereinsvorsitzende.

Einmal im Monat, das ganze Jahr über, wird nun musiziert in dem Kirchlein. Knapp 100 Zuhörer finden Platz. Solisten aus namhaften Orchestern treten auf, junge Künstler mit besten Referenzen und ältere mit beachtlichen Karrieren. „Wir legen großen Wert auf Qualität“, sagt Heimtrud Eichhorn. Und schafft es mit Charme und Beharrlichkeit, dass sie den Weg nach Glambeck finden. Eine, wie man heute sagen würde, begnadete „Netzwerkerin“, die nicht aufgibt, bis das Ziel erreicht ist. „Unser Verein hat ja nichts, wir müssen alles erbetteln“, sagt sie.

Heimtrud Eichhorn ist so etwas wie eine Nervensäge für den guten Zweck. Ihr Elan, das spürt man im Dorf, ist ansteckend. Das winzige Kirchencafé ist ein gutes Beispiel für Engagement. Karin Bernickel führt es seit einem Jahr. Hin und wieder stoppen Radler hier – der Fernweg Berlin–Usedom führt hier vorbei. Doch richtig voll wird es nur einmal im Monat, vor oder nach den Konzerten. Dann läuft Karin Bernickel zur Hochform auf: Sie schneidet Stücke vom selbst gebackenen Kuchen, macht Würstchen heiß, füllt frisch gebrühten Kaffee in Warmhaltekannen, kassiert, wäscht ab – und bleibt stets freundlich dabei.

In Glambeck, so scheint’s, wird alles mit Liebe angepackt. Der Taubenturm des Grafen von Redern wurde restauriert und informiert in seinem Inneren über den einstigen Besitzer. Ein kleines Museum erzählt mit Briefen, Utensilien und Schautafeln vom entbehrungsreichen Landleben früherer Zeit. Der Besucher erfährt darin, dass es in Glambeck einst eine große Maulbeerplantage gab. Draußen, neben dem Museum, wurden fünf neue Maulbeerbäumchen gesetzt, „um an die Geschichte zu erinnern“. Zahlreiche Tafeln im Ort informieren über die Sehenswürdigkeiten, über Flora und Fauna der Umgebung. Die Tafeln, andernorts oft vernachlässigt oder verschmiert, wirken hier wie frisch geputzt.

Als Bischof Huber das Kirchlein im Jahre 2000 geweiht hat, verglich er Glambeck mit dem Bethlehem vergangener Zeiten. Ein friedlicher Ort. So wirkt auch Parlow, die Nachbargemeinde. Familie Jaensch vermietet Ferienwohnungen und wundert sich fast über die vielen Stammgäste. „Hier in der Gegend ist doch nichts los“, sagt die Chefin. Hinten, auf der Wiese, stakst ein Kranich herum, in den Gärten der Parlower picken Hühner, ein paar Zicklein kommen neugierig ans Gatter, auf der Nachbarwiese grasen Schafe.

Man könnte sich niederlassen – am Rande der Welt. „Im Dorf ist kein Haus frei“, sagt Heimfried Jaensch schmunzelnd. Er richtet gerade Spargelbeete her, zwei Nachbarn sind zum Plausch gekommen. Nichts frei – das wundert nicht.

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