Ammerland : Aal ohne Messer und Gabel

Moorkuren in Bad Zwischenahn sind beliebt. Doch das niedersächsische Städtchen lockt auch Tagesgäste – gern zum Fischessen.

Wolfgang Stelljes
Frisch aus dem Rauch. Jürgen Oetken und seine Familie sind die letzten Berufsfischer am Zwischenahner Meer.
Frisch aus dem Rauch. Jürgen Oetken und seine Familie sind die letzten Berufsfischer am Zwischenahner Meer.Foto: Wolfgang Stelljes

Das Erste, worüber man sich wundert, wenn man sich Bad Zwischenahn nähert, sind die Bäume. Es sind Bäume, die nicht einfach dem Himmel zustreben dürfen, sondern die von Menschenhand immer wieder kunstvoll zurechtgestutzt werden – eine Landschaft voller runder oder auch eckiger Bäume. Auf die „Parklandschaft Ammerland“ weisen bereits an der Autobahn große Schilder werbewirksam hin.

Das Nächste, worüber mancher sich vielleicht wundert, ist das Wörtchen „Bad“ vor dem Ortsnamen. Ein Kurort hier, in dieser unspektakulär flachen Gegend zwischen Oldenburg und Ostfriesland, wo doch die meisten Kurorte hier an der Küste liegen? Ja, allerdings nicht, weil frische Nordseeluft herüberweht oder irgendwelche Sole- und Schwefelvorkommen ihre gesundheitsfördernde Wirkung entfalten – es ist das Moor, dem Zwischenahn den Titel „Heilbad“ verdankt. Und reine Moorheilbäder sind selten.

Womit wir bei Rudolf Lüers wären. Lüers gehört zu den Menschen, deren Wirken öffentlich kaum wahrgenommen wird, die jedoch maßgeblich dazu beitragen, dass im Moorheilbad alles seinen geregelten Gang geht. Der Arbeitsplatz von Lüers liegt am Ende einer langen Straße, holprige Spurplatten führen zu einem einsamen Gebäude mitten im Kayhauser Moor. „Außenstelle Moor, Lüers. Moin“, so meldet sich der 63-Jährige, wenn das Handy klingelt. Es ist gewissermaßen seine Verbindung zur Außenwelt. Seit 33 Jahren arbeitet Lüers im Moorabbaugebiet des Rehazentrums Bad Zwischenahn. Wobei auch er einen Winter wie den vergangenen noch nicht oft erlebt hat.

Der Frost hat ihm das Leben schwergemacht. Umso froher war er, als er Anfang April endlich ein „Kiwitt, Kiwitt“ vernahm. Der Kiebitz ist ein Frühlingsbote – und endlich konnte Lüers den wärmenden Filzhut absetzen. Und im Mai wieder auf den Bagger klettern und Bademoor abgraben. Der Rohstoff für die Behandlung rheumatischer und anderer Erkrankungen wird mit Trecker und Anhänger ins Kurzentrum am Zwischenahner Meer befördert und dort für Packungen auf 42 Grad erhitzt oder aber für Moorbäder mit Wasser verdünnt. „Sonst kann man da nicht drin baden“, sagt Lüers.

Zurechtgestutzt. Gartenkultur wird im Ammerland großgeschrieben.
Zurechtgestutzt. Gartenkultur wird im Ammerland großgeschrieben.Foto: Wolfgang Stelljes

Wenn die Kurgäste dem wohltuenden Bad wieder entstiegen sind, wird das Moor über eine Pipeline zurück zu Rudolf Lüers befördert. Der lagert es ein, in riesigen Moorschlammbecken, hundert mal hundert Meter groß, vor denen Schilder mit der Aufschrift „Achtung, Lebensgefahr“ stehen. Nach gut zehn Jahren kann in dem Moor dann erneut gebadet werden. Es gab Zeiten, da hat Lüers mehr als 10 000 Kubikmeter Bademoor im Jahr geliefert. Jetzt sind es vielleicht noch 1500. Doch selbst wenn es jetzt kürzere Kurzeiten und weniger Moorbäder gibt – ruhig geht es deshalb im Kurort noch lange nicht zu. Denn es gibt ja auch noch andere Therapien im Rehazentrum. Und es gibt nicht nur die Kurgäste, sondern auch ganz normale Urlauber. Und Tagesgäste. Viele Tagesgäste.

Wer Bad Zwischenahn an einem gewöhnlichen Sonntag im Frühling besucht, kann sich über den Andrang nur wundern. Sicher, die Geschäfte dürfen sonntags öffnen, wie in anderen niedersächsischen Kurorten auch. Doch das allein kann den Reiz nicht erklären, den der Ort vornehmlich auf ältere Menschen ausübt. Vielleicht ist es der Hauch von Urlaub, noch dazu vor der eigenen Haustür, der Naherholungssuchende in Scharen nach Bad Zwischenahn treibt. Wohl kein Besucher versäumt, durch die Peterstraße zu flanieren. Dabei mutet der Ort hier an wie eine ganz normale Kleinstadt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben