Reise : Ankern beim Impressionisten

Da Avignon, dort Arles: Entlang der Rhône liegen viele Schätze. Die „Arosa Stella“ macht immer fußläufig fest

Hella Kaiser

Oben auf der Rhône-Brücke weist ein Schild zur Altstadt von Lyon. Noch schnell hinlaufen? Geht nicht. Denn unten, am rechten Flussufer, liegt die „Arosa Stella“, unsere schwimmende Bleibe für die kommenden Tage. Pünktlich um 17 Uhr will das Schiff ablegen, und die meisten der rund 120 Gäste sind schon an Bord. Lächelnd haben sie ihre rote Begrüßungsrose in Empfang genommen und erst mal ihre Zimmer inspiziert. „Gemütlich und schön geräumig“, lobt eine Dame. Stimmt. Ein Doppelbett steht darin, überwölbt von einem romantischen Baldachin, eine Spiegelkonsole, ein Sesselchen und sogar ein schmaler Schreibtisch. Die freundlichen Farben, warme Rot- und Orangetöne, stimmen schon mal ein auf die bevorstehende „Route Méditerranée“.

Gut 125 Meter lang ist das Schiff, elf Meter breit, und knapp sechs Meter schaut es aus dem Wasser raus. Passend gebaut für die Rhône, heißt es. Vorsichtshalber ducken wir uns an Deck trotzdem, als eine niedrige Brücke naht. Uuih, das war knapp. Jetzt sind die Sonnensegel eingeklappt, und der kleine Pool ist aus Sicherheitsgründen gesperrt. Morgen früh, ganz bestimmt, werden wir ihn einweihen. Den kleinen Fitnessraum im Bauch des Schiffes wollen wir – Faulenzerferien! – ignorieren.

Nach dem Abendessen sind wir da nicht mehr so sicher: Du lieber Himmel, was haben sie alles angerichtet im „Marktrestaurant“? Knackige Salate, Schaumsüppchen mit Räucherlachs, Kalbsrücken mit grünem Spargel, Rosmarin-Lamm, Mousse au Chocolat … Die Käseplatte kommt leider wenig französisch daher. „Ab und zu kaufen wir Landestypisches dazu wie etwa Austern“, sagt der österreichische Hotelmanager Gerald Hauswirth. Aber das meiste werde eben gleich in Deutschland geordert.

Rechts und links des Ufers scheint Frankreich zum Greifen nah und ist doch weit entfernt. „Bonjour, ça va?“, ruft man dem netten Kellner zu, der so fleißig die Drinks an Deck schleppt. „Wie bitte? Ich spreche kein Französisch“, sagt Tomas lächelnd. Er kommt, wie die meisten der 45 Mitarbeiter an Bord, aus Ungarn. Einzig der Kapitän ist Franzose. Das, so wird erklärt, gebietet die eherne Regel auf einem französischen Fluss.

Unten in der gemütlichen Bar rüstet sich Gerd aus Hannover mit seiner Hammondorgel für eine lange Nacht. Die Hits aus den 50er und 60er Jahren spielt er wirklich gut, und vier, fünf Paare lockt er damit auf die Tanzfläche. Das Durchschnittsalter auf den Rhône-Schiffen beziffert die Reederei mit 56 Jahren, also deutlich unter dem auf den Donau- Routen. Angelika und Kathrin, zwei Freundinnen aus Freiburg, sind Anfang vierzig. Sie meiden Gerds Unterhaltungsprogramm und schauen an Deck lieber still in den Sternenhimmel. „So eine Flusskreuzfahrt ist Erholung pur“, sagt Angelika und lehnt sich genießerisch zurück.

Die erste Nacht an Bord ist ein bisschen aufregend, weil die „Stella“ wieder mal eine Schleuse passiert. Viele Meter geht es da abwärts, und es wird schrecklich eng. Ein Wunder, dass das Schiff nicht an die Mauer schrammt. Zwölf Schleusen werden es sein auf unserer Reise bis Port St. Louis, dem letzten Hafen vor dem Mittelmeer.

Der nächste Morgen kann herrlicher nicht beginnen: Die Sonne lacht. Also eine Schale mit köstlichem Beeren-Birchermüsli gefüllt, einen Kaffee eingegossen und rauf aufs Deck. Wer noch Brötchen, Käse, Wurst oder gar Rührei will, muss eben mehrmals laufen – oder gleich unten im Speisesalon bleiben. Gegen Mittag erreichen wir Avignon und „parken“ mit Blick auf den Papstpalast.

Klar, dass jetzt jeder in die Stadt spaziert. Die Frauen haben Pech. Es ist Sonntag, und alle Läden sind geschlossen. Auf der Place de l’Horloge steht ein weiß gekleideter Harlekin und pustet Seifenblasen in die Luft. Erstaunlicher ist, dass das erste Haus am Platz, das Hotel du Palais des Papes, nur zwei Sterne hat. Der Kaffee auf dem Schiff ist nicht übel, aber jetzt soll es ein französischer „Café Crème“ sein. Vier Euro kostet das laue Gebräu. In Avignon können sie das nehmen, die Stadt ist ein Touristenmagnet.

Hinter dem Palast erheben sich die Montée des Moulins. Auf den Hügeln gibt es keine Mühlen mehr, aber sonst wird Nostalgie hier zauberhaft gepflegt. Neben einer Eisbar werden Spielzeuggefährte vermietet. Kleine Jungs stürmen Miniautos im 60er- Jahre-Stil, Mädchen nehmen in Wägelchen hinter reizenden Holzschimmelchen Platz, die sie mit Pedalen bewegen können. „Jacqueline, pas si vite“, warnt eine Mama, aber das vielleicht fünfjährige Töchterchen hat den größeren Bruder im Auto schon überholt.

Schluss mit lustig. Im Papstpalast lassen sich Arosa-Gäste von einer kundigen Führerin Geschichtsunterricht geben. So viele Säle, so viele Päpste, so viele Daten. Ein Audioguide wäre hier wohl hilfreicher als eine Führerin, deren Stimme nur die ersten beiden Zuhörerreihen erreicht. Und man sich erst mühsam nach vorn kämpfen muss, um das eine oder andere Gemälde an der Wand genauer zu sehen.

Wohin verschwinden eigentlich all die Touristen, wenn die Tour durch den Papstpalast zu Ende ist? An der Place Cloitre Saint Pierre, von vier riesigen Platanen gerahmt, ist es ganz still. Ebenso an der Place Jerusalem, wo noch eine Synagoge steht. Zu wenig Zeit, um die Stadt zu entdecken, adieu Avignon. Das Abendbuffet an Bord ist längst angerichtet.

Am nächsten Morgen fährt die „Stella“ weiter nach Arles – und lässt einen Teil der Gäste zurück. Die haben den Landausflug Pont du Gard und Uzès gebucht. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Denn so haben wir das römische Brückenkunstwerk, Weltkulturerbe seit 1985, fast für uns allein. Es war die höchste Wasserleitung des römischen Imperiums, erklärt die Führerin. Dass es wohl die am besten erhaltene ist, sehen wir selbst. Eine Million Besucher werden hier jährlich gezählt, die beiden riesigen Parkplätze sind ein gutes Indiz.

Uzès entpuppt sich als ein nettes kleines Landstädtchen mit Patrizierhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. In den Zeitungsläden gibt es angestaubte Ansichtskarten und ein, zwei Souvenirgeschäfte finden sich auch. Davon abgesehen wirkt Uzès, als hätte es sich bislang vor Touristen erfolgreich versteckt. Die Speisekarten der Restaurants versprechen einiges, aber das darf uns nicht interessieren. Denn in der Küche der „Stella“ werden sie jetzt schon wieder Leckeres zusammengebruzzelt haben. Mit seinen nunmehr hungrigen Gästen erreicht der Bus Arles, biegt dort zum Fluss ab, und eine Frau jubelt: „Da ist ja unser Schiff.“

Die Siesta nach dem Mittagessen fällt aus. Marco, Fitnesstrainer und Ausflugschef, bietet eine Biketour an. Zum Glück ist die Camarque so eben, dass man sich nicht anstrengen muss, um vorwärtszukommen. Weiße Pferde sehen wir, Silberreiher und, ganz in der Ferne, sogar französische Kampfstiere. Alles wie im Bilderbuch. Nur der Regen stört. „Bitte, keinen Umweg mehr durch Arles, Marco, ich will nach Hause“, mault Manfred, ein sportlicher Mittfünfziger. Wir tropfen schweigend vor uns hin und denken wie er. Marco hat ein Einsehen. Und sorgt dafür, dass wir an Bord gleich heißen Tee mit Rum bekommen.

Abends spazieren wir, mit großen Regenschirmen bewaffnet, doch noch in die Stadt. Das Café la Nuit, von Vincent van Gogh gemalt, müssen wir sehen. Die Stadtführerin erzählt, dass sie damals „diesen verrückten Holländer“ nicht mochten in Arles. Wir spähen durch den Garten des Hotel Dieu, wo er sich einst kurieren wollte. Die Klinik hat van Gogh gemalt. Und nun haben sie im Garten eine Reproduktion dieses Bildes aufgestellt. Es ist, als blühten noch dieselben Blumen …

Als wir gegen 21 Uhr zurückkehren, spendiert der Himmel einen grandiosen Regenbogen. Fliederfarben, Altrosa und mattes Orange bilden den Hintergrund. „Jetzt haben wir wohl das Licht, von dem die Maler so schwärmten“, sagt Gerda aus Offenbach. Am liebsten würde sie sich gleich vor die Staffelei setzen. „Aber selbst wenn ich die Farben richtig mische, glaubt mir doch kein Mensch, dass es wirklich so ausgesehen hat“, seufzt sie. Wir schwelgen bei einem Glas Wein an Deck.

Allmählich sind wir reif für einen faulen Tag an Bord. Ab in den Liegestuhl, den dicken Krimi aufgeschlagen und bei Tomas einen bunten Cocktail bestellt. Aber jetzt riecht man es schon, das Mittelmeer. Von Port St. Louis ist es ein Katzensprung zur Plage Napoleon, einem Naturstrand ohne Buden und anderen Firlefanz. Wer’s nicht lassen kann, fährt nach Marseille. Der Hafen, die Plage des Catalans mitten in der Stadt, das ist wirklich mediterran. „Salut“, ruft die hübsche Fischfrau und wiegt einen Seeteufel. Die auf einem Hügel gelegene Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde gehört natürlich zum Besichtigungsprogramm. Alles ist hier monumental. Die Statue der Heiligen ist mehr als elf Meter hoch, das Handgelenk des Jesuskindes auf ihrem Arm rund einen Meter dick. Keine Zeit mehr zum Schlendern durchs maghrebinische Viertel und auch nicht für eine teure Bouillabaisse.

Ein paar Eindrücke vermitteln die Landausflüge, gewiss. Aber wirklich genießen kann man Frankreich mit der Uhr in der Hand nicht.

„Wir haben Urlaub, wir bleiben an Bord“, sagt ein Ehepaar aus Bremen am nächsten Morgen. Andere, die Monaco und Nizza gebucht haben, sitzen pünktlich um sieben Uhr im Bus. Vier Fahrstunden bis Monaco, kein Pappenstiel. Am Ort erhaschen wir, neben hunderten anderen Touristen, einen Blick auf die Wachablösung. Kaum bleibt noch Zeit fürs Grab von Fürstin Gracia Patricia in der Kathedrale. Vor Monte Carlo stehen wir im Stau und können ausgiebig die Jachten bewundern, groß genug für den privaten Helicopter an Deck. Im Hotel de Paris kostet ein Gemüsesüppchen, nun ja, mit schwarzen Trüffeln, 78 Euro. Aber in einem sehr dezent beworbenen Supermarkt souterrain in der Hauptstraße finden wir appetitlich belegte Riesenbaguettes für vier Euro. Wir verspeisen sie – sehr passend – vor den typisch dicken Skulpturen von Botero im Park.

Schon geht es weiter nach Nizza. „Alles zu schnell und zu viel“, murrt eine Frau, doch ein Reisegefährte sagt streng: „Das haben wir alle vorher gewusst, das stand genau so im Programm.“

Nach 14 Stunden entern die Ausflügler völlig erledigt wieder ihr Schiff. Wie erholt das an Bord gebliebene Bremer Ehepaar aussieht. „Alte Schiffshasen“, befinden wir und beschließen: keine Experimente mehr. Bis zum Ende der Reise in Lyon legen auch wir jetzt die Beine hoch. Aber dann fragt Marco: „Kommt noch jemand mit, morgen früh, zum Sonnenaufgangsradeln?“ Seufzend melden wir uns an. Das mit dem Faulenzen an Bord üben wir bei der nächsten Reise.

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