Reise : Apfelsinen im Kleid

Schutz für Zitrusfrüchte: eine Ausstellung zeigt exotische Verpackungskunst

Reinhart Bünger

Es ist eine bizarre Bilderwelt, die einem da unter dem Titel „Verhüllt, um zu verführen“ begegnet: Barbusige Pin-up- Girls hängen neben Heiligenfiguren, Rotkäppchen neben Lili Marleen, Säuglinge, die Zitronen für Mutters Brust nehmen, und – politisch völlig unkorrekt – Mohren, immer wieder Mohren. Dirik von Oettingen gibt in der Galerie Mutter Fourage einen knisternden Einblick in seine 40 000 Stück umfassende Sammlung von Orangenpapieren.

Einerseits als Werbemittel in alle Welt gedacht, bietet diese Mutter aller Verpackungen Zitrusfrüchten Schutz beim Transport und verhindert, dass faul oder schimmelig gewordene Früchte ihre gesunden Nachbarinnen anstecken. Zum Export trüber Novembergedanken und zum Import von Urlaubsgefühlen sind die Papierchen natürlich auch bestens geeignet.

Um 1890 hatten italienische Erzeuger begonnen, ihren Namen oder den Namen ihrer Firma auf die Einwickelpapiere zu drucken. Das Apfelsinenpapier wird häufig als „Seidenpapier“ bezeichnet. Anfangs wurde sehr leichtes saugfähiges Papier eingesetzt, vergleichbar mit der Lage eines Papiertaschentuches. Später ging man zum Zwei-, Drei- und Vierfarbendruck über; die Papiersorten änderten sich. Es hat sich Gebrauchsgrafik darauf entwickelt, ja die Zitruspapierbildchen lassen sich sammeln wie Briefmarken. Die gewählten Motive entstammen meist den Exportregionen in Spanien und Süditalien: Sagengestalten in südlicher Flora und Fauna sind hier zu sehen, auch dunkelhaarige Schönheiten bei der Ernte, sie stehen in einer Reihe mit Robin Hood und dem Alten Fritz, mit Donald Duck und Marco Polo – allesamt finden wir, sie „von der Sonne geküsst“, auf Papier wieder. Reinhart Bünger

Die Ausstellung in der Galerie Mutter Fourage, Chausseestraße 15 a, Berlin- Wannsee ist noch bis zum 17. November donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 12 bis 17 Uhr zu sehen. Über die Sammlung ist ein soeben erschienenes Buch unter dem Ausstellungstitel im Vacat-Verlag (Potsdam) für 28 Euro erhältlich. Weitere Informationen unter: www.opiummuseum.de

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