Appalachen : Begegnungen am Bärenpfad

Der Appalachian Trail von Georgia nach Maine ist eine 3500 Kilometer lange Herausforderung für Extremwanderer.

Philipp Eins

Als David Ackerley aufwacht und aus dem Fenster seiner Holzhütte blickt, schneit es noch immer. Der Wanderweg, auf dem er in den vergangenen Monaten 2000 Kilometer mit seinem Rucksack durch ein Dutzend US-Bundesstaaten gegangen ist, liegt unter einem tiefen Schneeteppich begraben. Es ist einer der wenigen Momente auf seiner Reise, an denen Ackerley daran denkt aufzugeben. Der Weg nach Süden führt schnurstracks zum Great Smoky Mountains National Park, einem 2000 Hektar großen, bergigen Waldgebiet in den Bundesstaaten North Carolina und Tennessee, dichtbewachsen mit mächtigen Ahorn-, Kastanien- und Pinienbäumen. Sollte Ackerley im Schneetreiben vom Pfad abkommen und sich in der Wildnis verirren - es wäre schwierig, ihn zu finden. Außer vielleicht für einen hungrigen Schwarzbären, der etwas zu früh aus seinem Winterschlaf erwacht.

Das Raue, Ursprüngliche - dafür sind die südlichen Appalachen seit jeher bekannt. Der US-amerikanische Pionier Daniel Boone, der sich Erzählungen zufolge im 18. Jahrhundert mehrere Kämpfe mit den Bären geliefert haben soll, beschreibt einige Gebiete als "so wild und grauenhaft, dass man nicht ohne Erschauern davon berichten kann". Auch David Ackerley schüttelt es beim Anblick des weiß bedeckten dichten Waldes vor seinem Fenster. Er zieht es vor zu warten. Vorräte hat er genügend.

Nach einigen Tagen ist der Schnee geschmolzen, David schultert den Rucksack erneut und zieht weiter. Der Appalachian Trail, der ihn vom Bundesstaat Maine im Norden über 3440 Kilometer nach Georgia in den Süden der USA führt, hat ihn zurück. Die Riemen des Rucksacks schneiden in seine Haut, die Schritte werden immer schwerer. Allein der Weg durch die Smokys schlängelte sich über 16 Gipfel, darunter der 2025 Meter hohe Clingman's Dome. Der Marsch über den schmalen und oft stark abschüssigen Trail ist eine Tortur, die reich belohnt wird: Der Nationalpark ist ein Naturereignis.

Mehr als 1500 Arten von Wildpflanzen wachsen hier, außerdem 130 Baumgattungen - in ganz Europa soll es gerade mal 85 verschiedene Gehölze geben. Auch die Vielfalt an Reptilien, Säugetieren, Fischen und Vögeln ist beeindruckend. Murmeltiere, Streifenhörnchen, 80 verschiedene Amphibien- und 30 Salamanderarten sind in den Wäldern, Flüssen und Seen der Smokys zu Hause.

Doch es ist nicht nur die ungezähmte Natur, die dem Besucher in den Great Smoky Mountains begegnet. Wer sich zu Fuß durch die Wildnis schlägt, spürt auch, wie schutzbedürftig sie ist. Der Clingman's Dome etwa ist umgeben von abgestorbenen Bäumen, die Smog und sauren Regen nicht überstanden haben. Vom 16 Meter hohen Aussichtsturm bekommt man einen guten Eindruck davon. In Naturschutzgebieten wie dem Joyce Kilmer Memorial Forest im Süden der Smokys sind sogar die bis zu 1000 Jahre alten Hemlocktannen von der Umweltzerstörung betroffen. Der Wald reagiert. Er ist wie ein lebendiges Labor.

Die Wanderung durch das Gebirge hat David Ackerley so sehr beeindruckt, dass er auch nach seinem neuneinhalb Monate langen Trip bis Georgia keine Ruhe findet. Es zieht ihn zurück nach North Carolina. Die Great Smoky Mountains haben es ihm angetan. Er beschließt zu bleiben - das ist nun acht Jahre her.

Heute lebt Ackerley in Hot Springs, einer kleinen Ortschaft an der Grenze zu Tennessee. Eine Hauptstraße, das war's. Viel mehr gibt es hier nicht: zwei Coffeeshops an der Main Street, wo sich müde Ventilatoren unter altmodischen Deckenlampen drehen. Dann das United States Post Office, das mit seinen roten Ziegelmauern und dem sandsteinfarbenen Flachdach von weitem aussieht wie ein verlassener Bunker. Wenn es dunkel wird, die Zikaden in den Bäumen zirpen und das Licht der Wohnhäuser erlischt, scheint Hot Springs mit der Landschaft zu verschmelzen.

"Als ich zu meiner Reise aufbrach, ging's mir richtig dreckig", sagt David Ackerley und streicht sich über den stoppeligen Dreitagebart. Wir lernen ihn kennen bei seiner Arbeit in "Bluff's Mountain Outfit", einem Trekkingausrüster an der Main Street, die ein Teil des Appalachian Trail ist. "Ich war damals 29 Jahre alt, jobbte in einem gottverlassenen Nest in Iowa." Sein Leben trottete dahin. Bis er eines Tages eine junge Frau traf. Sie erzählte ihm von der harten Tour über den Trail - und Ackerley war wie elektrisiert. Er träumte von radikaler Veränderung.

Daniel Gallagher, der Inhaber des Trekkingladens, kennt einige solcher Geschichten. Fast täglich kommen Wanderer zu ihm, die den gesamten Appalachian Trail bezwingen wollen. Aus welchem Grund auch immer. Sie kaufen neue Pullover oder decken sich mit Zelten und Schlafsäcken ein, die selbst Dauerregen standhalten. Gallagher sitzt Tag für Tag hinter seiner Kasse und hört so manches über den Trail. An den schwarz gestrichenen Holzbalken über sich hat er Fotos von Wanderern gepinnt. Auch David Ackerley ist dort zu sehen. Auf dem Bild trägt er einen flauschigen Bart und lange, verfilzte Haare.

"Von denen, die in Georgia gestartet sind, halten 70 Prozent höchstens bis Hot Springs durch", erzählt der graubärtige Geschäftsmann. "Und nur fünf Prozent schaffen es bis nach Maine." Viele sind offenbar schlecht vorbereitet. Sie schleppen zum Beispiel 15 Kilogramm schwere Rucksäcke, obwohl mehr als zehn nicht ratsam sind. Einige Wanderer lassen Ballast dann in Gallaghers Shop. "Vor einigen Jahren traf ich ein Paar, das ein Schwert mit sich führte", erinnert er sich. "Ich fragte: Was zum Teufel wollt ihr mit dieser Waffe? Sie sagten: Wir müssen uns doch schützen, wenn wir durch den Wald gehen." In Virginia legten sie das Schwert schließlich ab.

Die Angst vor Wildtieren begleitet viele Wanderer auf dem Trail. Brad Free, Ranger vom National Park Service in der Kleinstadt Gatlinburg, beruhigt jedoch: Im Vergleich zu den Grizzlybären im Westen der USA seien Schwarzbären in den Smokys relativ ungefährlich. "Die wollen dein Essen, aber nicht dich", sagt Free. Meistens haben sie sogar Angst vor Menschen. Nur wer seine Lebensmittel über Nacht im Zelt versteckt, könnte von einer kalten Bärenschnauze geweckt werden.

Die überwiegende Zahl der Wanderer schläft nicht in Zelten - auch, um zusätzlichen Ballast zu vermeiden. Sie logieren in Motels oder Gasthäusern, die in der Nähe des Appalachian Trail liegen. Oder sie schlafen auf Holzbänken in den "Shelters" - notdürftigen Schutzhütten am Wegesrand. Großen Komfort gibt es dort nicht. Die Hütten sind spartanisch eingerichtet und meist an einer Seite offen. Sicher ist man dort also nicht vor Bären und Schlangen.

Brad Free sieht das gelassen. Er ist im Laufe seines Lebens schon öfter Schwarzbären begegnet. "Wenn das Tier vor dir steht, stellen sich deine Nackenhaare auf", erzählt der Ranger und kneift die Augen zusammen. Die wichtigste Regel: Drehe dem Bären nie den Rücken zu, sondern behalte ihn im Blick. Dann geh in kleinen Schritten rückwärts. Wer sein Essgeschirr mit lautem Krach gegeneinanderschlägt, kann Glück haben: Die Bären suchen das Weite. Nur ein einziger Besucher des Nationalparks ist in den vergangenen 35 Jahren durch eine Schwarzbärattacke ums Leben gekommen.

Ob der Ranger von Georgia nach Maine wandern würde? Brad Free lacht, schüttelt den Kopf. "Wenn ich losziehe, will ich Flusswege abwandern, Blumen anschauen - und zwar ganz entspannt." Um den Appalachian Trail zu bezwingen, müsse man ein Getriebener sein. Wie jener Blinde, der die dreieinhalbtausend Kilometer vor zwei Jahren mit seinem Hund ging und dann ein Buch über seine Erlebnisse schrieb. Oder der 80-Jährige, der den Fußmarsch auf sich nahm. Für alle anderen, die nach etlichen Wochen und unzähligen Schritten die Hoffnung verlieren, doch noch ihr Ziel zu erreichen, gibt es Ranger wie Brad Free. "Wir sammeln alle ein, die auf der Strecke bleiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben