Ayurveda auf Sri Lanka : Die Therapie des Lächelns

Früh aufstehen fürs Yoga, heißes Wasser trinken und keine aufwühlende Literatur lesen: Die fernöstliche Heilmethode erfordert viel Disziplin. Dafür fühlt man sich nach einigen Tagen leichter, jünger und voller Energie.

Kirsten Schiekiera
Entspannt wie Buddha. Diesen Zustand wünschen sich viele nach einer Ayurveda-Kur. Wie lange die Wirkung anhält, kann jeder durch seine Lebensweise bestimmen. Alkohol ist strikt zu meiden. Foto: imago/CHROMORANGE
Entspannt wie Buddha. Diesen Zustand wünschen sich viele nach einer Ayurveda-Kur. Wie lange die Wirkung anhält, kann jeder durch...Foto: imago/CHROMORANGE

Am dritten Tag kommt das Öl. In sanftem Strahl läuft es aus einer Metallschale auf die Stirn der Ayurveda-Patientin. Zunächst rattern noch überflüssige Gedanken durch den Kopf. Reicht das Öl in der Schale wirklich für eine Stunde? Wie soll man reagieren, wenn die körperwarme Flüssigkeit in die Nase läuft? Verstohlene Blicke zur Therapeutin am Kopfende verraten, dass sie die Schale nachfüllt und den Guss mit einem Docht gezielt über die Stirn lenkt.

Der Stirnölguss ist, zumindest in der westlichen Welt, das bekannteste Ayurveda-Ritual. Der sogenannte Shirodhara wurde tausendfach fotografiert und gilt weltweit als Sinnbild der Heilkunst. Was auf den Fotos niemals zu sehen ist: Nach dem Guss zwirbeln die Therapeuten ein Tuch fest um die Köpfe der Patienten, weil das Öl volle drei Tage lang seine Heilkraft im Haar entfalten soll.

Deshalb begegnet man in Ayurveda-Resorts vielen Menschen, deren Haare unter Kopftüchern verschwunden sind und die eine Duftwolke aus Sesamöl umgibt. An dieser Stelle sei noch verraten, dass der Moment, in dem eine extragroße Portion Shampoo das Öl wieder aus den Haaren vertreibt, einfach großartig ist.

Eine Ayurveda-Kur auf Sri Lanka – das klingt nach perfekter Entspannung in exotischer Umgebung. Wer in einem der vielen Resorts an der Westküste rund um Colombo eincheckt, wird nicht enttäuscht sein. Die meisten der großzügigen Anlagen, die auf europäische Touristen spezialisiert sind, stehen an breiten, goldgelben Sandstränden. Vom Indischen Ozean her weht eine leichte Brise, Affen springen zwischen den Palmen am Pool herum.

Für Ausflüge zu Tempelanlagen oder Nationalparks bleibt wenig Zeit

Auch die freundlich lächelnden Therapeuten und die Ölmassagen entsprechen exakt den Erwartungen. Womit Neulinge nicht rechnen: Eine Ayurveda-Kur ist alles andere als ein Verwöhnprogramm. Herzstück der Kur ist das Panchakarma, eine „Entgiftung“, die meist mit Einläufen oder Abführmitteln angekurbelt wird.

Die Anwendungen sind eingebettet in einen streng geregelten Tagesablauf. Patienten sollen früh aufstehen: Die erste Yogastunde beginnt um sieben Uhr. Die Hauptmahlzeit sollten sie vor 14 Uhr einnehmen und nach einem leichten Abendessen zeitig ins Bett gehen. Baden ist an manchen Tagen verboten. Mitunter wird auch von „aufwühlender Lektüre“ abgeraten. Für Ausflüge zu Tempelanlagen oder Nationalparks bleibt wenig Zeit.

Ayurveda heißt auf Hindi „Weisheit des Lebens“, mitunter wird die Lehre auch als „Wissenschaft von der Verlängerung des Lebens“ bezeichnet. „Im Grunde ist Ayurveda eine Philosophie und ein Lebensstil“, sagt Dr. Dinushka Dissanayaka, die als sogenannte Vaidya, als ayurvedische Ärztin in Negombo arbeitet. „Ayurvedische Grundsätze fließen in alle Aspekte unseres Lebens ein. Die Lehre regelt auch, was wir essen, wie wir unseren Tag gestalten und wen wir heiraten sollen.“

Dissanayaka ist eine schöne Frau mit straffen Schultern und makelloser Haut. Unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Die Singhalesin strahlt eine beneidenswerte Ruhe aus und vermittelt ihren Patienten das schöne Gefühl, sie habe alle Zeit der Welt. Die meisten Menschen, die von ihr behandelt werden, sind Deutsche, Österreicher und Schweizer. Einige wollen sich einfach nur erholen, andere wollen ihre Rückenschmerzen oder Schlafstörungen loswerden.

Natürlich sei es gut, einmal im Jahr für zwei oder drei Wochen den Körper zu entgiften, sagt ont Dissanayaka. Noch besser aber sei es, Körper und Seele generell in Einklang zu bringen. „Wir möchten unseren Gästen einen Anstoß geben, ihr Leben zu ändern“, sagt sie.

Auf den Büfetts liegen Blumenbuketts und große Platten mit frischem Obst

In den Resorts werden Ayurveda-Gäste auf sanfte Weise gezwungen, wenigstens vor Ort „vernünftig“ zu leben. Raucher werden von Ärzten und Yogalehrern immer wieder über die Schädlichkeit ihres Tuns aufgeklärt, bis ihnen die Lust an der Zigarette am Pool endgültig vergeht. In vielen Hotelanlagen wird grundsätzlich kein Alkohol ausgeschenkt, sogar Kaffee und der herbe Schwarztee, der in den Plantagen im Hochland der Insel wächst, sind mitunter tabu.

Auf den Büffets liegen hübsche Blumenbuketts aus Frangipani-Blüten und Palmwedeln und große, verführerische Platten mit frischem Obst. Und sonst? Zu jeder Mahlzeit werden blasse Gemüsesuppen, gekochter Reis, gedünstetes Gemüse und scharfes Kokusnuss-Chutney gereicht. Den indischen Hülsenfrüchtebrei Dal gibt es mit Kichererbsen, Linsen oder Mungobohnen. Fleisch, Fisch und Brot sind dagegen rar.

Wer zu Hause zum Frühstück ein Schinkenbrot mag, entwickelt sich hier zum Veganer auf Zeit. Am meisten aber leiden viele Ayurveda-Patienten zunächst unter dem spärlichen Getränkeangebot. Zu jeder Mahlzeit wird heißes Wasser ausgeschenkt. Das schmerzt besonders beim Abendessen, wenn die Sonne im Indischen Ozean versinkt. Ein Ginger Ale oder ein alkoholfreies Bier wären jetzt eine feine Sache, ganz zu schweigen von einem kühlen Weißwein.

Zu Beginn jeder Kur steht die Einteilung in drei verschiedene Typen, genannt Doshas: Vata-Typen sind wach und voller Lebensfreude, neigen mitunter aber zu Ängstlichkeit und Depressionen. Menschen mit einem Pitta-Dosha sind energiegeladen und begeisterungsfähig, aber auch neidisch und eifersüchtig, während die Kapha-Typen bodenständig und zuverlässig, oft aber auch träge sein sollen.

Nach der ayurvedischen Lehre steckten in jedem Menschen zwar alle drei Doshas, doch eins überwiege. Man muss aufpassen, das ein Dosha nicht irgendwann übermächtig wird. Dann drohen Erschöpfung, Missstimmungen, Zipperlein und schließlich ernsthafte Erkrankungen.

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