Bali : Die Flucht der Dämonen

Auf Bali beginnt das neue Jahr erst Anfang März – mit dem Tschingderassabum der Gamelanorchester. Dann heißt es innehalten: Am Tag der Stille darf niemand aus dem Haus gehen.

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Gläubige Gastgeberin: Ida Ayu Putri, die in ihrem Haus Touristen aufnimmt, opfert dem Elefantengott Ganesha Räucherstäbchen.
Gläubige Gastgeberin: Ida Ayu Putri, die in ihrem Haus Touristen aufnimmt, opfert dem Elefantengott Ganesha Räucherstäbchen.Foto: Helge Bendl

Morgen müssen sie Ruhe geben, so wie alle auf der Insel. Doch am Abend vor Nyepi, dem Tag der Stille, geben die Musiker des Gamelanorchesters noch einmal Vollgas. Holzxylophone klappern in hektischem Rhythmus, Bambusflöten tuten. Gut zwei Dutzend Jugendliche und junge Männer, in Wickelröcken und gebatikten Kopftüchern, ziehen schwitzend durch die Straßen. Dann legt das Ensemble noch einen Zahn zu. Jetzt hauen sie voller Inbrunst auf die Trommeln und Glockenspiele, hämmern auf die Klangplatten, klopfen auf die Gongs, schlagen die Becken. Wenn die eine Gruppe erschöpft pausiert, legt sofort die nächste los. Es ist ein Höllenlärm.

Sind das tatsächlich traditionelle Stücke? Gibt es wirklich Solisten im Orchester, die mit ihren Blasinstrumenten über der rasenden Kernmelodie improvisieren? Oder wollen die Leute vielleicht einfach nur sehr, sehr laut sein? Für Touristenohren klingt das alles so, als fielen pausenlos Pfannen und Töpfe krachend vom Himmel.

Hochbetrieb im Tempel von Mas.
Hochbetrieb im Tempel von Mas.Foto: Helge Bendl

Wer nun überlegt, einen Reisemangel zu reklamieren, weil man in dieser Nacht selbst mit Ohrstöpseln kein Auge zubekommt, sollte an sein Karma denken und den Einheimischen viel Verständnis entgegenbringen. Denn nur mit ohrenbetäubender Musik können die Balinesen jenen finsteren Dämonen, die leider ihre schöne Insel heimsuchen, den Marsch blasen.

Tödliche Waffen und gigantische Brüste

Gestalten, die sonst im Verborgenen leben, werden durch die Klänge aufgeweckt und versammeln sich an diesem Abend überall auf Bali. Sie erobern die Dörfer, ob an der Küste oder in den Bergen, vor allem aber das Städtchen Ubud, das auch als kulturelles Herz der Insel gilt. Hier tanzen Riesenfiguren aus Pappmaché zum Getrommel der Gamelanorchester durch die Straßen.

Die monumentalen Puppen – die Balinesen nennen sie Ogoh-Ogoh – haben spitze Krallen und Teufelshörner, Affengebisse und Schlangenzungen. Der mythische Vogel Garuda breitet seine Schwingen aus, hinter ihm kämpfen gute Geister gegen Verwünschungen böser Zauberer. Tödliche Waffen und gigantische Brüste sind im Spiel, und wenn es dunkel wird, dann blinken in den schrecklichen Gesichtern funkelnde Augen wie glühende Kohlen. Viele Stunden dürfen sie sich austoben, die ganze Nacht lang gefeiert von einer riesigen Menschenmenge, und gehen dann im Morgengrauen in Flammen auf.

Um sechs Uhr in der Früh ist allerdings Zapfenstreich, mit eiserner Konsequenz: An Nyepi macht Bali Pause, und zwar einen ganzen Tag.

„Die Götter ändern sich nicht. Und solange sie noch in tausend Tempeln thronen, in jedem Fluss und Berg und Baum und Feld, so lange wird auch Bali sich nicht ändern. Die Insel lebt noch nach dem alten Gesetz, das unangetastet geblieben ist.“ Vicki Baum hat diese Zeilen geschrieben, in ihrem Roman „Liebe und Tod auf Bali“, der zwar auch ein bisschen von Liebe und Tod, vor allem aber von den Ritualen eines balinesischen Dorfes erzählt – und davon, wie die holländischen Kolonialherren die traditionelle Ordnung mit ihren Kanonen zerschießen.

Laute Musik und offenes Feuer sind verboten

Vicki Baum sah Bali in den 1930er Jahren durch die Augen des deutschen Malers und Musikers Walter Spies. Natürlich hat sich Bali seither dramatisch gewandelt, nicht zuletzt durch den Massentourismus: 45.000 Hotelzimmer sind offiziell registriert, und wie viele Einheimische ihre Zimmer und Ausländer ihre Villen illegal vermieten, weiß niemand so genau. Mehr als 3,7 Millionen internationale Touristen landeten im vergangenen Jahr auf der Insel, dazu kamen über sechs Millionen Gäste aus Indonesien.

Die Balinesen machen Geschäfte mit den Besuchern und haben ihre Reisfelder an Investoren verkauft. Anscheinend aber noch nicht ihre Seele: Sie zelebrieren weiterhin ihre traditionellen Riten, als wollten sie der an die Ufer der Insel brandenden Moderne trotzen.

Auch die Kleinsten sind dabei: Vater mit Sohn bei der Melasti-Zeremonie.
Auch die Kleinsten sind dabei: Vater mit Sohn bei der Melasti-Zeremonie.Foto: Helge Bendl

Nyepi, das balinesische Neujahr, wird nach dem überlieferten Saka-Kalender am Tag nach dem Neumond im März gefeiert. An diesem Feiertag müssen sich nicht nur Hindus, die 90 Prozent der Inselbevölkerung stellen, an strenge Vorschriften halten. Die Regeln gelten auch für Muslime, die aus anderen Teilen Indonesiens eingewandert sind, und für Besucher. „Man darf nicht reisen oder arbeiten. Laute Musik und offenes Feuer sind per Dekret des Gouverneurs ebenfalls verboten“, erklärt Nyoman Wardawan vom Bali Government Tourism Office.

Zweieinhalb Millionen Autos und Mopeds verstopfen normalerweise die Straßen der Insel. Doch an Nyepi darf, außer in Notfällen, niemand aus dem Haus. Das war nicht immer so: Früher spielten Kinder am Nachmittag noch in den Gassen. Als Reaktion auf die 2002 und 2005 von Islamisten verübten Bombenanschläge wurden die Regeln aber wieder verschärft: Die Regierung hat sich auf die Fahnen geschrieben, ortsübliche Rituale wie Nyepi möglichst korrekt zu erhalten.

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