Birma : Hoffnung am Fluss

Berliner unterstützen seit einem Jahr in Birma eine Klinik für die Ärmsten.

Richard Licht
Birma
Krankenstation am Fluss. Den Patienten werden weite Wege erspart. -Foto: Licht

Der Lärm ist für westliche Ohren betäubend. Lautsprecher rufen den Schmerz hinaus. Der Mann war erst 30 Jahre alt. Bei einem Unfall auf dem mächtigen Fluss, der sein Viertel vom Stadtkern Ranguns trennt, ist er umgekommen. Trauer ist in Birma keine leise Angelegenheit.

Die Klagefeier dröhnt aus der neuen Siedlung zu der kleinen Klinik herüber, die mit Spenden des Berliner Asienspezialist Geoplan und dessen Kunden für die Opfer der Wirbelsturms „Nargis“ entstanden ist. In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2008 war auch dieser Vorort von Birmas Metropole verwüstet worden. Hunderte flüchteten damals zu den Mönchen ins Kloster Chaungwa und in eine große Lagerhalle; ihre Behausungen waren unbewohnbar. Geoplan-Chef Stefan Kraft beriet damals mit seiner Partnerin in Birma, wie den Menschen am besten geholfen werden könnte. Schon zwei Wochen nach dem verheerenden Wirbelsturm wurde hier gebaut, am 17. Juni, also fast genau vor einem Jahr, eröffnete die Klinik.

So klein das Häuschen mit der überdachten Veranda und dem kleinen Vorgarten auch ist, es hat sich rasch herumgesprochen, dass Patienten nicht mehr über den Hlaing-Fluss fahren müssen. Nicht nur aus dem Armenviertel Kyimyindine kommen sie her, auch aus den umliegenden Ortschaften. „Oft warten morgens schon zehn Patienten vor der Tür“, sagt die Ärztin Annie. Die 55-Jährige kümmert sich jeden Vormittag mit einer jungen Kollegin, einer Krankenschwester und einer Hilfe um etwa 30 Patienten. Die meisten kommen mit Durchfall oder Asthma. Wegen der schlechten Luft, sagt Annie. Sie stammt aus dem Stadtzentrum, hat aber schon vor 25 Jahren Kontakte zu den Menschen hier geknüpft. Im Gebäude nebenan hatte sie ein eigenes Schulprojekt. Das Haus ist seit „Nargis“ allerdings nur noch ein Skelett.

Annie hat Krebs – und seit einer Chemotherapie nicht mehr das Geld, um das weitgehend zerstörte Gebäude wieder herzurichten. Viele Kinder gehen inzwischen im Kloster kostenlos zur Schule. Dort besteht der Fußboden zum Teil nur aus Sand, in der Regenzeit waten die Kinder durch Matsch. In der Schule finanzieren die Berliner auch eine Englischlehrerin. Annie würde aus dem verbliebenen Gebäude-Skelett nun am liebsten eine Versammlungsstätte für das Viertel machen.

Das Stadtviertel hat sich seit dem Zyklon vor einem Jahr rasant entwickelt. Hinter der Klinik sind Palmhütten und Holzhäusern errichtet. Natürlich ist kein wohlhabendes Quartier entstanden, aber die Entwicklung ist nicht zu übersehen. Der Weg vom Pier und zum Nachbarort wird soeben verbreitert – damit auch Fahrräder passieren können. Am Teich gibt es jetzt eine Filteranlage. „Seither haben wir weniger Durchfälle“, sagt Ärztin Annie. Auch Strom gibt es nun, jedenfalls Leitungen – „dafür ist allerdings auch noch der letzte Baum gefallen“, beklagt einer, während er sich mit einem grünen Plastikfächer Luft zuwedelt. In der Stadt und ihren Ausläufern fehlen seit dem Wirbelsturm ungezählte Bäume, die Schatten spenden könnten. „Auch für uns ist es jetzt viel zu heiß hier.“ Fast aufs Stichwort legt sich einer der Honoratioren auf die Behandlungspritsche. Annie prüft den Blutdruck und schickt ihn nach Hause. Demnächst soll die Geoplan-Klinik erweitert werden, damit Patienten auch ein paar Stunden liegen bleiben können, wenn sie zum Beispiel eine Infusion brauchen. Stefan Kraft hat dafür finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt.

Hier sind sie alle stolz auf ihre Klinik. Viele Patienten könnten sie behandeln, sagt Annie mit ruhiger Stimme und lugt über den Rand ihrer Brille. Schwere Fälle müsse sie natürlich in die Stadt schicken, aber das seien vielleicht neun oder zehn im Monat. Lehrer, Mönche, Schüler und Alte werden kostenlos behandelt, andere müssen einen Dollar für eine Behandlung zahlen. Das ist in dieser Gegend, wo Familien mit fünf bis sechs Personen von zwei oder drei Dollar am Tag leben, die der Vater vielleicht als Lastenträger auf einem der Transportkähne als Tagelöhner verdient, eine erhebliche Ausgabe. Doch so bleibt ihnen die Fahrt mit dem Boot erspart – und damit die Angst, die in den wackeligen Nussschalen auf dem Hlaing-Fluss meistens mitfährt.

In ganz Birma leidet die Bevölkerung weiter darunter, dass in der vergangenen Saison Touristen fast völlig ausblieben. Ob sich im kommenden Herbst die herbei gesehnten Gäste wieder einstellen, ist weiter ungewiss. Dabei ist Birma weiterhin sicher zu bereisen, und die attraktivsten Regionen des Landes waren von „Nargis“ nie beeinträchtigt.

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