Chinatagebuch 5 : Die Stadtmauer

Die Stadtmauer ist eine chinesische Tradition. Fast alle Städte und Dörfer sind von Mauern und Türmen umgeben. Wir wandern auf der 2.800 Jahre alten Stadtmauer von Pingyao.

Christina Franzisket
Die Stadtmauer von Pingyao. Foto: Christina Franzisket
Die Stadtmauer von Pingyao.Foto: Christina Franzisket

Sie hat die Form einer Schildkröte, die Eingangstürme bilden Gliedmaßen, Kopf und Schwanz. Die Schildkröte steht für ein langes Leben, erklärt unser lokaler Gudie Ju. Innerhalb der Mauer liegt die Altstadt, hier leben etwa 40.000 Menschen. Sie verdienen ihr Geld heute ausschließlich durch den Tourismus. 1,3 Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Pingyao. Die meisten davon sind Chinesen, nur 6 Prozent sind Ausländer aus dem Westen, so wie wir. Die Häuser sind klein, die Ecken an den Dächern ziehen sich spitz nach oben. In den Gassen fahren nur wenige Autos, die Händler breiten ihre Souvenirs bis auf die Straßen aus. Wir entdecken Buddhastatuen, Maobibeln, Taschenspiegel und bunt bestickte chinesische Schuhe. Hier ist hartes Handeln um den Preis erlaub. Ja zahlt man den ersten Preis wird sich sogar lustig gemacht. Überall hängen Bilder von Mao Zedong: Sein Gesicht auf Papier, auf Streichholzschachteln, auf dem Ziffernblatt von Uhren, den rechten Arm hält er grüßend und wippend im Sekundentakt. Ich frage Ju und er erklärt, dass besonders alte Menschen in China Mao noch sehr verehren. Die Jungen hingegen wissen, er ist ein Topseller. Ich entdecke einen Panzer aus Holz auf dem „Victory“ steht. Die Verkäuferin nimmt ihn und dreht das Kanonenrohr, jetzt spielt das Ding „Für Elise“.
Ju erlebte die Kulturrevolution. Seine Familie war sehr arm, sie musste all ihren Besitz abgeben. Sie litten oft an Hunger. Und gab es etwas zu essen, dann nur Kartoffeln und Chinakohl. Das habe ihm zum Halse raus gehangen, sagt er. Heute ginge es ihm viel besser.


Wir besichtigen einen Tempel. Während der Kulturrevolution waren Religionen verboten, dass Ergebnis ist heute noch zu spüren: Die meisten Chinesen sind Atheisten. Die, die ihren Glauben wieder gefunden haben, beten zu vielen verschiedenen Göttern des Buddhismus, Taoismus oder Konfuzianismus. Die Tempelanlage ist ruhig und besinnlich. Es richt nach Räucherstäbchen. Im Inneren knien wir vor einer großen Statue des Dorfgottes nieder, mit drei Räucherstäbchen in der Hand und verneigen uns drei Mal. Einmal für Glück, einmal für die Familie und einmal für ein langes Leben. Es gibt hier keine Mönche mehr, doch ein Angestellter, der aussieht als wäre er ein Mönch, segnet uns. Danach führt er uns zur Spendenbox.

Morgen fahren wir mit dem Nachtzug nach Shanghai. Das wird sicher ein harter Kontrast zu dem gemächlichen Pingyao.

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