Indien-Blog (8) : Bollywood in Kalkutta

1500 Kilometer will Christina Franzisket gemeinsam mit einer Freundin durch Indien reisen, um den Mythos des Ganges zu ergründen. In ihrem Blog berichtet sie von ihren Abenteuern. Diesmal ist sie in Kalkutta unterwegs.

Christina Franzisket
Rikschaläufer in Kalkutta.
Rikschaläufer in Kalkutta.Foto: Christina Franzisket

Der Kinosaal ist ausverkauft, das Licht geht aus, der Vorhang öffnet sich. Sofort geht es los, uns fliegen in der dritten Reihe beinahe die Ohren weg vor lauter Getöse. Eine Gruppe Bewaffneter begeht einen brutalen Banküberfall, sie schießen, schreien und schlagen. Es ist lauter als in jeder Disko und ich wünsche mir Ohrenstöpsel.

Im Versteck zählen die Ganoven ihre Beute, plötzlich fliegt mit einem lauten Knall die Tür auf. Im Gegenlicht steht er, breitbeinig und breitarmig. Er sieht aus wie Bruce Willis, nur mit schwarzen Haaren und Schnauzer. Unter der getönten Pilotenbrille mit Goldrand ein grimmiger Blick, im Polizeioverall stecken Waffen. Er sagt etwas auf Hindi, wahrscheinlich etwas wie „Yippie, yai, yeah, Schweinebacke“, und dann vermöbelt er sie alle einzeln und gleichzeitig. Er holt aus zum Drehkick, sein Lederstiefel trifft das bärtige Gesicht eines Schurken, in Zeitlupe spitzt der Rotz aus dem deformierten Gesicht. Nachdem er die Bande alleine ausgeschaltet hat, tanzt und singt der harte Bulle erstmal eine Runde. Eine Heerschar strammer Burschen mit ihm. Sie hüpfen, schütteln ihre Hände und greifen sich an den Gürtel. Eine Hymne auf Dabangg, den Helden des neuen Bollywoodstreifens.

Wir sehen ihn in Hindi, verstehen also kein Wort, aber doch die ganze Geschichte. Der Held ist zwar Polizist, streicht aber die zurückeroberte Beute selbst ein. Seine ebenfalls korrupten Kollegen beschenkt er mit Schweigegeld. Eine Liebesgeschichte kommt vor, ganz unschuldig, ohne Sexszene, ja nicht mal ein inniger Kuss. Ein Tabu in Indien. Es wird stattdessen gleich geheiratet. Dabanggs Mutter wird ermordet, das denkbar schlimmste Verbrechen. Der Bruder gerät in Verdacht. Der alkoholsüchtige Schwiegervater nimmt sich aus Rücksicht das Leben. Die Männer betrinken sich, benehmen sich wie Idioten, haben Spaß - die Frauen haben keinen. Am Ende klärt sich alles, der Bruder ist unschuldig und der wahre Muttermörder wird von Dabangg hingerichtet. Der Zusammenhalt der Brüder zermalmt alles Böse - mit Fäusten und lässigen Sprüchen.

Gekringelt vor Lachen verlassen wir das Kino und stehen auf einer dunklen Straße in Kalkutta. Aus einem Innenhof tönt Musik. Susanne und ich landen auf einem Kindergeburtstag. Zur Musik eines dröhnenden, röchelnden Radios tanzen Kinder von vier bis fünfzehn Jahren unter freiem Himmel. Wir machen mit, die Tanzszenen des Bollywoodkrachers sind noch frisch und wir steifen Deutschen versuchen unsere Hüften und Arme kreisen zu lassen.

Auf dem Rückweg überrascht uns ein später Monsunregen. Es gießt wie aus Eimern und wir sind nass bis auf die Unterwäsche. Auf einem weitläufigen Platz vor dem „New Market“ Einkaufszentum Kalkuttas haben Kinder ihre Sachen ausgezogen und rutschen auf nackten Pos über die nassen und glatten Bodenplatten. Sie nehmen weit Anlauf, lassen sich fallen, rutschen und jauchzen. Ein Polizist unter einem Schirm kommt und schimpft, die Kinder lachen ihn aus. Später im Hotel bestellen wir Bier auf unser Zimmer und tanzen auf dem Bett.

Am nächsten Tag erkunden wir Kalkutta im Morgengrauen. Das Leben auf den Straßen erwacht nur langsam. Einige Marktverkäufer haben ihre Waren schon auf dem Boden ausgebreitet, andere Menschen liegen noch in tiefem Schlaf auf ihren Nachtlagern. Die Häuser der Stadt stammen zu großen Teilen aus der britischen Kolonialzeit, viele sind verfallen, nur provisorisch geflickt. Wären die Straßen nicht voller Menschen, wäre Kalkutta die Stadt der bösen Geister. Die Häuser sehen aus, als wäre schwarzes Pech über ihre Fassaden geflossen.

Hier in der Innenstadt gibt es Rikschas, die von Läufern gezogen werden. Nur in dieser Gegend ist diese Art von Beförderungsmittel noch erlaubt. In schmutzigen Hemden, mit dürren Gliedmaßen und barfuss zieht ein Mann seinen Passagier auf einer Holzbank mit Rädern durch die Strassen. Vorbei an den Fisch- und Hühnerverkäufern.

Am Boden liegen Hühner, sie sind an den Füßen zusammengebunden. Einige sind bereits tot, andere zucken nur und eines kämpft noch wild um sein Leben. Uns schlägt ein süßlicher Verwesungsgeruch ins Gesicht. Wir betreten den gigantischen Fleischmarkt von Kalkutta. Hier werden Tiere geschlachtet, auf alten Baumstümpfen ausgenommen und die Filets an Fleischerhaken zur Schau ausgehängt. Es ist etwa vierzig Grad und die Fliegen freuen sich über dieses Festmahl. Eine Frau kauft ein Kilo. Wir müssen raus, der Gestank ist nicht auszuhalten.

Hausfassaden in Kalkutta.
Hausfassaden in Kalkutta.Foto: Christina Franzisket

Kalkutta war unter den Briten die Hauptstadt Indiens. Hier ließen die Kolonialherren ein Denkmal zu Ehren Königin Viktoria erbauen. In der Abenddämmerung besichtigen wir es. Einheimische zahlen zehn Rupies, wir zahlen 150. In einem angrenzenden Park lassen Männer selbstgebaute Drachen steigen. Wir gesellen uns einen Moment dazu. Ein Mann mit Chai, dem indischen Tee, kommt vorbei und ein anderer möchte uns Chips verkaufen. Indien ist ein wahres Dienstleistungsland. Man muss sich um nichts bemühen, alles wird irgendwann von irgendjemandem gebracht.

Wir haben das erste Ziel der Reise erreicht. Nahe Kalkutta mündet der Ganges in den Ozean.  Wir werden einen Nachtzug zurück nach Neu Delhi nehmen und von dort aus in den Himalaja fliegen. Nach zwanzig Tagen im indischen Alltagsleben sehnen wir uns nun nach Ruhe.

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