Malediven : Rendezvous am Riff

Die Malediven im Indischen Ozean gelten heute als Luxusziel. Das war vor 30 Jahren anders. Unser Autor hat den Vergleich.

Stefan Quante

Wir waren jung, mussten scharf rechnen. Und welcher Student kann schon zu drei Dollar Vollpension inklusive Transfer zu einer Fischerinsel im Nord-Malé-Atoll nein sagen? Knapp 30 Jahre ist das her. Wir waren jetzt wieder auf den Malediven und haben dabei auch zurückgeschaut.

Der Agent im Hafen des damals noch recht beschaulichen Malé (kein Haus hatte mehr als zwei Stockwerke, die Straßen waren aus weißem Sand und niemand hatte ein Auto) schwärmte uns von den Schönheiten Himmafushis vor. Die Insel ist nur fünfzehn Kilometer entfernt. Zwei wettergegerbte Fischer in Sarongs (einer trug seine Barschaft im Ohr bei sich – nur Münzen) nahmen uns in ihrem winzigen Segelboot mit. Bei Flaute. Die Fahrt dauerte fünf Stunden.

Heute kommt kaum ein Tourist mehr nach Malé, die angeblich am dichtesten besiedelte Stadt der Welt. Die Häuser sind inzwischen bis zu zehn Stockwerke hoch, die Straßen sind asphaltiert und der Verkehr ist, sagen wir mal, eindrucksvoll. Der tamilische Chauffeur auf der Flughafeninsel Hulule klärt uns bei der kurzen Fahrt zum Steg für die Wasserflugzeuge auf: „Ein Mediziner hat den einzigen Ferrari des Landes, es gibt außerdem sieben Jaguarfahrer und 15 BMWs, außerdem noch ein paar Sportwagen.“ Und die Höchstgeschwindigkeit? „25, aber die erreicht man nur, wenn nicht so viel Verkehr ist. Das ist allerdings sehr selten.“ Willkommen im Inselparadies.

Himmafushi war wirklich schön. Die Häuser in traditioneller Bauweise aus Korallengestein mit Palmdächern. Im kleinen, sorgsam gefegten Innenhof ein kleiner Brunnen für die Morgentoilette. Ein Stab mit angebundener Konservenbüchse ersetzte die Dusche. Öllampen sorgten für ein wenig funzeliges Licht. Kanalisation gab es natürlich nicht, aber einen geeigneten Strand und die Gezeiten. Das war gewöhnungsbedürftig.

Der Flug nach Dhuni Kolhu im nördliche Baa-Atoll dauert heute gut 30 Minuten. Zur Begrüßung spielt eine Drei- Mann-Kapelle „Island in the Sun“. Ein Page bringt uns direkt zu einer Villa – keine überflüssigen Check-In-Prozeduren sollen die lange Anreise aus Deutschland unnötig verlängern. Ein stattlicher Obstkorb und ein frischer Fruchtcocktail stimmen auf entspannte Tage ein. Die pfahlgestützte Lagoon Villa misst 123 Quadratmeter, ein Sonnendeck mit eigener Badeleiter gibt’s und einen kleinen Pool. Außerdem Minibar, Espressomaschine, W-Lan und – Klimaanlage.

Das Feldbett auf Himmafushi war 20 Zentimeter zu kurz für einen Europäer. Das Räumchen (natürlich) ohne Ventilator, von anderem Komfort ganz zu schweigen. Die Fischerinsel kannte elektrischen Strom noch nicht. Da endeten die Abende zwangsläufig früh. Lesen im Schein des Öllämpchens klappte nicht wirklich. Unterhaltungen mit den Einheimischen gestalteten sich auch schwierig. Mehr als barabaru („sehr gut“) und sukuriya („danke“) hatten wir auch nach der langen Überfahrt mit den freundlichen Fischern nicht auf der Festplatte. Was natürlich ausschließlich an der Hitze lag….

Das beste Restaurant der Insel heißt Cornus und bietet authentische siamesische Küche – nur etwas weniger scharf als in Thailand üblich. Die Weinkarte beginnt mit sieben verschiedenen Champagnern – von der halben Flasche Lanson Brut zu 85 Dollar über 1999er Dom Pérignon zu 375 Dollar bis zu 695 Dollar für einen 1998er Pommery Cuvée Louise. Preis-Leistungs-Schnäppchen geradezu im Vergleich zum einzigen deutschen Wein auf der Karte – dem berüchtigten „Blue Nun“ aus Rheinhessen zu 66 Dollar. Die streng, aber nicht fundamentalislamischen Malediven erheben hohe Einfuhrzölle auf Alkohol. Doch es wird schon irgendwie ohne gehen.

Der Speisezettel auf Himmafushi anno 1979 hat sich nachhaltig eingeprägt. Die Vollpension beinhaltete ein mildes Fischcurry zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend. Dazu eine Art Tee. Uns kam das entgegen. Bloß keine Experimente, Hauptsache, der Magen spielte mit. Nach zwei Tagen bot unser Vermieter (Korallentaucher von Beruf) uns an, mit ihm und einem Freund zum Nachtfischen zu gehen. Die Rollenverteilung war schnell klar. Die Herren fischten, wir sahen zu. Den Fang behielten sie, wir bezahlten den Ausflug – fünf Dollar.

Für diese Summe gibt es heute auf Dhuni Kolhu, das zu den preiswerteren Fünf-Sterne-Resorts der Malediven gehört, gerade mal ein kleines Bier. Im Spa kommt man damit nicht weit: Ein „Coco Journey“ kostet 109 Dollar für 60 Minuten Massage, ein „After Sun Cucumber Wrap“ 88 Dollar und das „Nirvana Healing Treatment“ schlägt mit 126 Dollar für 85 Minuten zu Buche. Spitzenreiter ist die „Anti-Cellulite-Therapie“ für 144 Dollar pro 90 Minuten – erstaunlich, dass es dafür Bedarf gibt auf einer Insel, die vor allem junge Flitterwöchner anzieht. Jedenfalls ist der Spa auf Tage ausgebucht.

Die Sehenswürdigkeiten Himmafushis lagen, von der kleinen Moschee und einem uralten Friedhof abgesehen, unter Wasser. Mitgebrachte Flossen, Tauchermaske und Schnorchel genügten. Jeder einzelne Ausflug zum intakten Hausriff blieb für immer im Gedächtnis. Schon im Flachwasser intakte Hartkorallen, ein Überfluss an farbenprächtigen Fischen, zwei große Muränen in einem Korallenblock und an der Riffkante Schildkröten und stattliche Haie im Dutzend.

Heute sind die Haie fast verschwunden. Der fernöstliche Appetit auf Haifischflossensuppe hat auch auf den Malediven schlimme Spuren hinterlassen. Die freundlichen Tauchlehrer von Dive Ocean machen die Unterwasserausflüge trotzdem zu etwas Besonderem. Beginnen wir mit dem Service: Freundliche Malediver bringen das Gerät aufs Boot und montieren es. Sie präparieren die Masken mit Antibeschlagmittel und helfen beim Ausstieg. Nach dem Tauchgang reichen sie Handtücher, demontieren das Gerät und servieren Tee, Kaffee und frisches Obst. Und auch das Ausspülen und Aufhängen der Tauchklamotten können wir getrost ihnen überlassen.

Die Farben der Korallen und ihre Vielfalt überwältigten uns. El Niño und die folgende Korallenbleiche waren noch in weiter Ferne. Einzig die maledivischen Kinder nahmen Notiz von uns, wenn wir an den Strand zurückkehrten. Ohne zu betteln. Nur so, weil es ihren Tag etwas auflockerte. Gerne probierten sie unsere Sonnenbrillen aus, ließen sich fotografieren und bestaunten die mitgebrachte Hängematte. Irgendwann wurde es ihnen dann langweilig mit uns, und sie gingen wieder spielen. Einmal schaute ein älterer Mann mit beeindruckender Zahnlücke vorbei und bot uns an, eine Kokosnuss vom Baum zu holen. Sein Arbeitsgerät: eine eindrucksvolle Machete und eine Schlinge aus Kokosfasern als Steighilfe an den Füßen. Der Saft der frischen Nuss war die größte Köstlichkeit während der zwei Wochen Aufenthalt.

Der Tauchlehrer schüttelt ein Metallröhrchen mit kleinen Kugeln – solche Geräusche macht hier sonst niemand: Es gibt also etwas zu sehen. Ein mächtiger Napoleonfisch steuert ziemlich gelassen auf uns zu. Seine markante Stirn verrät das angejahrte Tier. Er schaut, wir schauen, dann zieht er weiter. Im Roten Meer würde er uns in der Hoffnung auf Futter weiter folgen. Wenn er dort noch leben würde. Denn das Füttern mit hartgekochten Hühnereiern ist in Ägypten schon so manchem Napoleon zum tödlichen Verhängnis geworden. Auf den Malediven ist Füttern zum Glück verboten. Die Tiere sollen ihr natürliches Verhalten nicht ablegen. Was wir noch sehen: mehrere kleine Muränen, ein paar muntere Putzergarnelen, einen großen Barrakuda und eine sich langsam wieder erholende Korallenwelt. Farbe und Vielfalt kommen anscheinend schneller zurück, als viele befürchtet haben. Der Höhepunkt steht bei der Rückfahrt im Flachwasser bevor: Zwei kleinere Mantas lassen sich von uns anschnorcheln und bestaunen. So etwas vergisst man nicht.

Ja, ein Zeitenwechsel: Die alte Idylle kommt nicht zurück, selbst wenn die Unterwasserwelt sich wieder erholt. Der Meeresspiegel steigt, Evakuierungspläne liegen in der Schublade. Drei- und Vier- Sterne-Resorts sind selten geworden. Die Malediven sind heute eine Luxusdestination. Vielleicht auf Abruf. Leider.

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