Jakutien : Eierkuchen für den Feuergott

In Jakutien ist es meist kalt – und deshalb etwas unwirtlich. Gäste werden im heißen Sommer umso herzlicher begrüßt.

Ines Steger
Harte, lange Winter setzen den traditionellen Häusern in Jakutsk zu. Die Sommer im „Sibirien von Sibirien“ sind nur kurz. Offenbar in vielerlei Hinsicht. Foto: Mauritius Images
Harte, lange Winter setzen den traditionellen Häusern in Jakutsk zu. Die Sommer im „Sibirien von Sibirien“ sind nur kurz. Offenbar...Foto: mauritius images

Der Algüstschyt entfacht in einer kleinen Wanne ein Feuer. Vor sich hin murmelnd füttert er die Flammen mit kleinen Eierkuchen und vergorener Stutenmilch. Dabei bewegt er eine Rute aus Pferdehaar auf und ab, ein Büschel Haare wird verbrannt, beißender Geruch breitet sich aus. Keineswegs ein unfreundlicher Akt, sondern vielmehr das übliche Ritual, wenn in Jakutien Gäste begrüßt werden. Der Segenssprecher, übrigens kein Schamane, wie uns versichert wird, kommt in Jakutien zu vielen wichtigen Anlässen wie Hochzeiten und eben der Begrüßung von Gästen.

Es ist nicht so einfach, nach Jakutien zu reisen. Die russische Teilrepublik im Nordosten des Landes soll erst – wenn alles gut geht – 2012 an die Transsibirische angeschlossen werden. Bis dahin bleibt Besuchern nur das Flugzeug. Gewiss, ein touristischer Hotspot ist dieser Teil Russlands nicht. Da hilft auch schiere Größe nichts: Jakutien ist nahezu zehnmal so groß wie Deutschland und mit gut drei Millionen Quadratkilometern das flächenmäßig größte Mitglied der Russischen Föderation. Selbst in Moskau sind nur wenige brauchbare Informationen über diesen Teil des Landes erhältlich. Wie sollen da Touristen aufmerksam werden? Wer sich dennoch aufmacht, wird ein ganz besonderes Stückchen Russland entdecken.

In der 250 000-Einwohner-Hauptstadt Jakutsk lässt sich in ein paar Tagen alles sehen, worauf die Jakuten stolz sind: zahlreiche Museen, die neu aufgebaute Altstadt, sogar ein Zoo. Außerdem kann die Republik mit Rekorden aufwarten. Der Temperaturunterschied zwischen Sommer und Winter kann zwischen plus 35 und minus 70 Grad betragen, kein Wunder, dass der Kältepol der Erde in Jakutien liegt; hier ist das „Sibirien von Sibirien“ sozusagen. Das Gebiet der Republik erstreckt sich über drei Zeitzonen, hat jedoch nur rund eine Million Einwohner; durchzogen wird das Land von der 4400 Kilometer langen Lena, einem der zehn längsten Flüsse der Welt.

Damit die Menschen aus dieser Gegend, in der der harte Winter acht Monate dauert, nicht ins westlichere Russland abwandern, wird Sacha – so heißt die Republik auf Jakutisch – von Moskau stark unterstützt. Was Wunder, liegen hier doch unermessliche Bodenschätze wie Gold und andere Edelmetalle, Erdöl, Kohle und Diamanten. In dem Zusammenhang wird gern eine Legende zum Besten gegeben: Als Gott die Erde erschuf, schickte er einen Engel mit einem Sack voller Reichtümer über Sibirien. Als dieser Jakutien überflog, wurden ihm vor Kälte die Finger steif, und er ließ alles fallen. Die Reichtümer, Gold, Silber und Platin, fielen auf die Erde. Aus Zorn über den Verlust strafte Gott die Region schließlich mit „ewigem Winter“.

Im Vergleich zum Rest der Russischen Föderation ist der Lebensstandard in Jakutien relativ hoch. Vielen Gebäuden sieht man an, dass sie frisch renoviert sind. Die Löhne liegen weit über russischem Durchschnitt. Allerdings: Die Preise in Jakutsk sind ähnlich gepfeffert wie in Moskau, schließlich muss so ziemlich alles in den fernen Osten transportiert werden.

Ein Jakutsker, der sich immer besonders über Besuch aus Deutschland freut, ist der Germanist Wladlen Kugunurow. Gemeinsam mit seiner Kollegin Larissa Solojowa betreut er auch gerne Individualtouristen, dolmetscht für sie und zeigt ihnen die schönsten Ecken seiner Heimat. Mit ihrer Hilfe kann man Flussfahrten auf der Lena buchen oder einen Sprachkurs besuchen.

Auch Reisen aus der Stadt heraus organisieren sie gern, denn Wladlen selbst ist kein echter Jakutsker. Er stammt aus dem Dorf Amga, das sich stolz als die „Perle Jakutiens“ bezeichnet. Jedem Besucher legt er eine Reise dorthin sehr ans Herz. Zu Recht, wie sich herausstellt. In Amga leben die Menschen vor allem von der Landwirtschaft und hoffen jetzt, sich durch den Tourismus ein zweites Standbein aufbauen zu können. Von Jakutsk aus fahren Minibus-Taxen nach Amga. Die in ganz Russland verbreiteten, meist privat betriebenen „Marschrutki“ sind günstige Verkehrsmittel. Und schon die Fahrt ist ein Abenteuer.

Für die 200 Kilometer lange Strecke sollte man früh morgens aufbrechen, denn die Anreise dauert oft länger, als zu erwarten ist. Dabei ist die Lena, wo man auf die Fähre warten muss, noch das kleinste Hindernis. Bei Hochwasser im Sommer ändert sich zudem nahezu stündlich die Anlegestelle. EIne Brücke über den Fluss gibt es in ganz Sacha nicht.

Im Bus bleibt Zeit, die unendliche Weite der Landschaft bestaunen – über hunderte von Kilometern gibt es hier nichts. Nichts als unberührte Natur. Bis an den Horizont erstrecken sich kleine Hügel, dazwischen immer wieder Seen. Diese außergewöhnliche Landschaft während der Sommermonate entsteht durch das Schmelzen des Permafrostbodens. Wo kein Wald mehr den Boden bedeckt, taut er schnell auf, in den Senken zwischen den Hügeln bilden sich mehr oder weniger große Wasserflächen. Deshalb ist Sacha so ausgesprochen reich gesegnet mit Seen – fast jeder Einwohner der Republik könnte seinen eigenen besitzen, wie immer wieder stolz betont wird. Die scheinbare Idylle ist jeoch schon manchem zum Verhängnis geworden. Wer vor dem Bau eines Hauses den Boden nicht genau untersucht und an der falschen Stelle gründet, sackt im schlimmsten Fall mit aller Habe ab und versinkt im Wasser. Wer Geld hat, setzt sein Haus auf Stelzen.

Auch der schlechte Zustand der (wenigen) Hauptstraßen geht auf das unwirtliche Klima zurück. Durch das ständige Auftauen und Gefrieren bilden sich Risse im Asphalt, er bricht auf, ist zerstört. Auch für Berliner kein fremdes Phänomen, obwohl bei uns die Straßen noch nicht zu Staub- beziehungsweise Schlammpisten verkommen sind.

Die Fahrt nach Amga lohnt auch, um dem von sowjetischer Plattenbau-Architektur dominierten Jakutsk für eine Weile zu entkommen und das ursprüngliche Leben der Jakuten kennen zu lernen. Eigentlich ist Amga mehr als ein Dorf, schließlich ist es das Verwaltungszentrum der Region. Dennoch begegnet man immer wieder frei laufenden Kühen oder auch Pferden, die mit ihren Fohlen abends ins Dorf kommen. Amga ist sehr weitläufig, da die Mehrzahl der 6500 Einwohner in einstöckigen Holzhäusern lebt. Nur im Ortskern findet man Betonklötze.

Besucher können etwas außerhalb des Dorfes im Sommerlager Üüneejis unterkommen. Das Lager wurde im Jahr 1994 errichtet – damals lernten hier jakutische Schüler mit Hilfe von Lehrern aus Darmstadt intensiv Deutsch. Doch noch heute bekommt man wegen der vielen zu „tadellosem Verhalten und Eifer“ aufrufenden Plakate den Eindruck, man befände sich in einem sowjetischen Ferienlager.

Amga ist schon eine andere Welt. Es gibt es kein fließendes Wasser und in jedem Hof steht ein Plumpsklo, doch die zahlreichen Tante-Emma-Läden sind bis spät abends geöffnet – und es gibt mehrere Museen. Etwa das des alten Ehepaares Slepzow. Dieses „ethnografische Museum“ ist in einem ausgebauten Bus untergebracht. Die beiden Museumsgründer und -besitzer begrüßen die (eher seltenen) Besucher mit breitem Goldzahn-Strahlen, in traditionelle Kluft gekleidet. Alle Ausstellungsstücke haben die Slepzows selbst hergestellt, aus natürlichen Materialen. Da gibt es liebevoll angefertigte Bilder aus Eierschalen-Mosaik, Stiefel aus Fischhaut und Hüte aus Rinderblasen. Nach ausgiebiger mit Stolz vorgetragener Präsentation aller Museumsstücke – zum Verkauf steht kein einziges – gibt es Kumys, einen Schluck des Nationalgetränks aus vergorener Stutenmilch. Das Trinkgefäß ist dem Ereignis angemessen: Der Becher hat einen goldenen Rand und trägt die russische Aufschrift: „60 Jahre großer Sieg“.

Am abendlichen Lagerfeuer im Sommerlager nimmt man den unendlichen Sternenhimmel wahr. Kaum eine Lichtquelle stört. Hier kommt die Köchin vorbei und bringt Eierküchlein, die sie dem klein gehaltenen Feuer opfert. Das ist besonders wichtig, denn die Gäste sind an einem neuen Ort und machen zum ersten Mal Feuer. Nur so ist sicher, dass sie sich mit Göttern und Natur gutstellen.

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ANREISE

Ab Tegel mit Air Berlin nach Moskau. Für den Weiterflug den Flughafen wechseln. Für die Fahrt innerhalb Moskaus muss man rund zwei Stunden rechnen. Weiter mit S7-Airlines nach Jakutsk. 1194 Euro.

EINREISE

Ein Visum ist nötig, Informationen gibt es beim Russischen Konsulat, Behrenstraße 66, 10117 Berlin; Telefon: 030 / 22 65 11 84.

ORGANISATION

Individuelle deutschsprachige Reisebegleitung und Unterstützung bei der Organisation bietet Larissa Solojowa an; E–Mail: lara_solo@mail.ru, Telefon: 007 / 914 / 100 71 18

VERANSTALTER

Olympia-Reisen in Bonn ist der deutsche Partner für Kreuzfahrten auf der Lena. Telefon: 02 28 / 40 00 30, Internet: www.olympia-reisen.com

Der Veranstalter Garisont Reisen (Dorfstraße 26, 15806 Zossen; Telefon: 03 37 31 / 705 51) bietet vom 17. bis 31. August eine Reise nach Jakutien bis zur Lena an. Preis pro Person im Doppelzimmer: 3490 Euro (Einzelzimmer: 3990 Euro), Visaservice: 89 Euro. Inklusive aller Flüge, Bahnfahrten, Übernachtungen in Mittelklassehotels, Halbpension (an drei Tagen Vollpension), Reiseleitung. Die Reise führt über Moskau nach Krasnojarsk, Baikalsee, Novaya Chara, Nerjungri, Tommot, Amga nach Jakutsk.

Unter dem Titel „Mächtige Lena – einsamer Strom“ hat der Veranstalter Paradeast. com (Adlerweg 6a, 92637 Weiden; Telefon: 09 61 / 634 41 68 eine Reise im Programm. Reisetermin ist allerdings bereits vom 20. Juli bis 3. August. ab 4699 Euro. Im Preis enthalten: Flüge ab Deutschland mit Lufthansa, Schiffsfahrt, Vollpension, Besichtigungen, Deutsch sprechende Reiseleitung ab Moskau.

LITERATUR

Bodo Thöns: Sibirien entdecken. Städte und Landschaften zwischen Ural und Pazifik. Trescher-Verlag, Berlin 2004. (Reiseführer). Nur noch gebraucht erhältlich bei amazon.de

Karin Haß: Fremde Heimat Sibirien. Nwm-Verlag, 1. Auflage 2009, 232 Seiten, 19,90 Euro

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