Silk Road Express : Im Zug der hundert Wunder

Kreuz und quer durchs orientalische Usbekistan: Im „Silk Road Express“ träumen Reisende von Tausendundeiner Nacht.

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Winken, Türen schließen, Abfahrt. Der freundliche Zugchef Vladimir Ivanov hat im wahrsten Sinne des Wortes alles im Griff.
Winken, Türen schließen, Abfahrt. Der freundliche Zugchef Vladimir Ivanov hat im wahrsten Sinne des Wortes alles im Griff.Foto: Helge Bendl

Heute Nacht haben sie da draußen die Kulissen ausgetauscht. Unsichtbar im Schutz der Dunkelheit wurde gearbeitet, mit dem Neumond als willfährigem Komplizen. Nicht jedoch in aller Stille, und somit war hör- und fühlbar, dass sich etwas bewegte: Die Heinzelmännchen (oder welchen Namen auch immer ihre Verwandten entlang der Seidenstraße tragen) machten hinter dem Vorhang ziemlich Lärm beim Verschieben des Bühnenbilds. Es kreischte und quietschte, klapperte und ruckelte, bis Ruhe einkehrte und das Werk vollbracht war.

In einer einzigen Nacht haben sie die schroffen, von Glitzerschnee bedeckten Gipfel des Tien-Shan-Gebirges verschwinden lassen, wo es in den abgelegenen Schluchten noch Feueranbeter und Schamanen geben soll. Die Bergwiesen mit ihrer Blütenpracht, die Birkenhaine mit ihrem frischen Grün, die Felder mit den Aprikosen-, Kirsch- und Mandelbäumen: Alles weg. Zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang hat sich das Land verwandelt.

Nun ist es sandgelb und ockerbraun und flach wie ein Pfannkuchen, ohne Bäume, nur mit ein paar geduckten, vom Wind eingestaubten Büschen. Bis zum Horizont erstreckt sich die Steppe. Ganz in der Ferne sieht man ein paar schwarze Punkte, die sich beim Näherkommen als einsame Pferde entpuppen. Darüber wölbt sich ein Himmel aus tiefem Lapislazuliblau, das aussieht wie gemalt.

Doch man ist nicht gefangen in einem in sich ruhenden Stillleben, sondern Teil eines tatsächlich existierenden Panoramafilms mit gehöriger Überlänge. Ein Zug zieht durchs weite Land: Der „Orient Silk Road Express“ rollt viele tausend Kilometer durch die Abgeschiedenheit Zentralasiens, eine Karawane auf der Seidenstraße, inzwischen allerdings auf der Schiene.

Träumereien aus Tausendundeiner Nacht

Im Bordradio ertönt zum Auftakt die traditionelle Rahmentrommel, dann erklingen Dotar und Tanbur, orientalische Langhalslauten. Das Bordbuch zeigt Moscheen, Mausoleen und Medressen, Paläste und Plätze. Multimedial wird man eingestimmt auf duftende Gewürze und wallende Stoffe, entwirft im Kopf ein Bild von geschäftigen Basaren und schwer bepackten Kamelkarawanen, die von Oase zu Oase kreuz und quer durch die Wüsten Karakum und Kysylkum ziehen. Man denkt an schwerreiche Händler, die monatelang unterwegs sind, und an talentierte Poeten und Künstler, die sich ihre Fertigkeiten als Wortzauberer und Handwerker teuer bezahlen lassen von den Emiren, Khanen und Kalifen.

Wie aus einem Guss. Der Registan-Platz in Samarkand.
Wie aus einem Guss. Der Registan-Platz in Samarkand.Foto: imago/imagebroker

„Das sind Träumereien aus Tausendundeiner Nacht“, lächelt Galina Shumilina. Die Usbekin hat Deutsch gelernt, als die Sowjetunion noch existierte, und anschließend als Übersetzerin gearbeitet. Inzwischen schlüpft sie in die Rolle der Reiseleiterin, wenn der „Orient Silk Road Express“ in ihrer Heimatstadt Buchara Station macht. „Natürlich wurde mit kostbaren Gütern gehandelt, es trafen sich die Kulturen der Welt. Der Mythos ist also berechtigt. Doch wer auf der Seidenstraße unterwegs war, musste sich auch vor Banditen fürchten, viele Strapazen in Kauf nehmen, und wurde von den verschiedenen Regenten mit Abgaben geschröpft.“

Buchara hat ihren einstigen Ehrennamen „die Edle“ auch heute noch verdient: Mehr als tausend Gebäude erinnern hier an die Glanzzeit der Seidenstraße, als die Stadt als eines der Zentren des Welthandels galt. Das Mausoleum der Samaniden, die Koranschule Mir-e-Arab und die Festung Ark, wo einst die Emire herrschten, sind über und über mit Fliesen verziert und mit Schnitzereien geschmückt.

Auch Erfindungen "reisten" über die Seidenstraße

Nach der aufreibenden Reise durch Gebirge, Steppen und Wüsten wirkten die luftigen Karawansereien Bucharas für die Reisenden wohl einst wie das Vorzimmer zum Paradies. Von überallher kamen die Händler: „Gold, Glas und Edelsteine gingen nach Osten. Die Chinesen waren auch Abnehmer von Pelzen aus Sibirien und den ,Himmelspferden’ aus der Steppe“, erzählt Galina Shumilina. „Porzellan, Perlen und Pfeffer aus Indien und China gingen nach Westen. Zuerst in die Metropolen des Orients, nach Isfahan, Bagdad und Damaskus. Und dann übers Mittelmeer bis nach Rom und Venedig.“

Nicht nur Güter reisten über die Seidenstraße, sondern auch Erfindungen und Ideen: Buddhismus und Islam verbreiteten sich entlang der Handelsroute, und das Schwarzpulver und der Steigbügel kamen ebenfalls über die zentralasiatischen Karawanenverbindungen nach Europa.

Einst zählten die Oasensiedlungen entlang der Seidenstraße zu den schönsten und bedeutendsten Städten der Welt. Weil Usbekistan seit der Unabhängigkeit wieder die Herrscher der Timuriden feiert und insbesondere den legendären (und legendär brutalen) Fürsten Tamerlan ( Timur Lenk) vergöttert, werden die historischen Gebäude Ziegel für Ziegel restauriert. Den Glanz vergangener Zeiten erlebt man inzwischen auch wieder in Samarkand, wo mit dem Registan der schönste Platz Zentralasiens auf staunende Besucher wartet.

Er wird gerahmt von drei großen Medressen mit zu bunten Bildern arrangierten Keramikfliesen auf prunkvollen Portalen, dahinter funkeln die lasierten Kuppeln der Moscheen. Um die Ecke liegen die Gräberstadt Schar-e-Sende, eine historische Sternwarte, und das protzige Mausoleum von Gur Emir, der anscheinend nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach dem Dahinscheiden einen Palast nötig hatte.

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