St. Petersburg : Smetana im Kochtopf

Russisch lernen mit Familienanschluss: Ein Sprachkurs in St. Petersburg vermittelt viele Werte.

Christine Berger

Die Begrüßung ist kühl. Antonina wirft mir ein paar Filzhausschuhe vor die Füße, die soll ich anziehen, bevor ich ihre Wohnung betrete. Zum Glück bin ich vorbereitet: Im Reiseführer steht, dass Russen grundsätzlich nicht die Hand geben und in der Wohnung niemals Straßenschuhe getragen werden. Mit einem Griff in den Koffer ziehe ich meine eigenen Pantoffeln hervor. Antonina schaut verblüfft und packt ihre ausgelatschten Treter wieder in den Schrank. Ich darf reinkommen. Willkommen in St. Petersburg.
Ein Sprachkurs hat mich zu Antonina geführt. Rund 176 Millionen Menschen sprechen Russisch, ich will einer davon werden und in der angeblich schönsten Stadt Russlands jeden Tag vier Stunden Unterricht nehmen.

Wohnen bei Einheimischen – die St. Petersburger Sprachschule Liden & Denz, die den Kurs anbietet, empfiehlt ihren Russischschülern den direkten Kontakt, damit sie ihre erworbenen Kenntnisse gleich ausprobieren können. Und etwas anderes bleibt auch gar nicht: Antonina, 76 Jahre alt und fast faltenfrei, spricht nur zwei Worte Englisch: breakfast, supper. So vereinbaren wir die Zeiten für die Mahlzeiten, die ich in den kommenden Tagen bei ihr einnehme.

Am ersten Unterrichtstag begleitet mich meine Gastgeberin zur Schule, zeigt mir, wo man die Jetons für die Metro kaufen kann und vor allem, wo überhaupt der Zugang ist. In St. Petersburg sind Ein– und Ausgänge zur U-Bahn getrennt, angesichts der Menschenmassen, die ein- und ausgehen, würde sonst in kürzester Zeit ein unentwirrbares Menschenknäuel entstehen. 4,5 Millionen Einwohner hat St. Petersburg, fast alle Erwachsenen haben mehrere Jobs und eilen von einem zum nächsten.

Rund hundert Meter geht es in die Tiefe, bis wir am Bahnsteig sind. Dass die St. Petersburger U-Bahn, gebaut in den 50er Jahren, die weltweit am tiefsten gelegene ist, erfahren Besucher der Stadt auf eindrucksvolle Weise. Gefühlte zehn Minuten sind wir unterwegs auf der Rolltreppe in die Tiefe, Werbung plärrt aus versteckten Boxen, die zu Zeiten des Eisernen Vorhangs dazu dienten, die werktätigen Massen durch Parolen zu motivieren. Unten eröffnen sich wunderbare Perspektiven auf großzügige Hallen und Jugendstillampen, jeder U-Bahnhof in der Innenstadt ist ein Juwel. Vor allem ist er sauber. Kein Schnipsel Papier liegt herum, niemand wagt es, eine Kippe fallen zu lassen.

Die U-Bahnen jagen im Anderthalbminutenabstand heran. Wir quetschen uns zwischen die Berufspendler, und nach einmaligem Umsteigen sind wir da. Die Schule befindet sich in einem der vielen – für deutsche Verhältnisse – heruntergekommenen Häuser an der Newa, die auf Sanierung warten. Innen hat man das Beste daraus gemacht. Eine kleine Cafeteria erleichtert das Kennenlernen der Schüler untereinander, der Kontakt nach Hause ist an frei zugänglichen Computerterminals per Internet gesichert.

Unsere Lehrerin heißt Luwa. Sie spricht ebenfalls nur Russisch, und das ist eine echte Herausforderung. Nervös blättere ich im Lexikon, um zu wissen wie man „Das habe ich nicht verstanden“ sagt. Leider vergesse ich es immer wieder, wie so vieles in den nächsten Stunden. Worte für Fenster, Heft, Familienmitglieder, Sessel, Stift. Und natürlich Grammatik. Die acht Kursteilnehmer kommen aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland und der Schweiz. Sie alle haben völlig unterschiedliche Motive, Russisch zu lernen. Andreas aus Stuttgart etwa ist seit zwölf Jahren mit einer Russin verheiratet und will endlich ihre Sprache lernen. Didier aus Paris lernt für den Job bei einer Computerfirma, die den russischen Markt erobern will. Anna wiederum ist Cellistin und möchte bald in einem russischen Ensemble mitspielen.

Froh, sich wenigstens in den Pausen fließend auf Englisch unterhalten zu können, lernen sich die Sprachschüler schnell kennen, und für den Nachmittag werden gemeinsame Unternehmungen geplant. Mal geht es zur Eremitage, der bedeutendsten Kunstsammlung Russlands, mal ins Russische Nationalmuseum. Auch der Newski Prospekt, die Haupteinkaufsstraße in St. Petersburg, lockt. Weniger die vielen teuren Geschäfte, sondern vor allem die St. Petersburgerinnen sind interessant. Kaum eine Frau, die mit Absatz unter acht Zentimetern hier entlangstöckelt – die Russinnen lieben hochhackige Schuhe. Um das gute Parkett in den Museen nicht zu ruinieren, müssen sie eine Art Filzteppich unter den pfeilspitzen Schuhen tragen. Das sieht lächerlich aus, und um dieser Strafe zu entgehen, nehmen manche Frauen ihre Hauspantoffeln mit ins Museum.

Vier Stunden Unterricht täglich vergehen wie im Flug, was bleibt, sind Hausaufgaben. Die werden nach dem Abendessen bei Antonina erledigt. Jeden Tag kocht sie etwas anderes, und so lerne ich im Laufe meines Aufenthalts die Vielfalt russischer Küche kennen, deren Grundzutaten vor allem aus Roter Bete, Kohl und Kartoffeln bestehen. Und dann sind da natürlich noch die Blinis – gefüllte Pfannkuchen –, die Antonina besonders gut zubereitet.

Von Tag zu Tag werden unsere Gespräche am Abend länger. Ich zeige ihr Familienfotos und kann sagen, wie alt meine Töchter sind, oder was mein Mann von Beruf ist. Sie wiederum zeigt Bilder ihrer Kinder und Enkel. Natürlich verstehe ich längst nicht alles was sie sagt. Ständig zücke ich mein Wörterbuch. Das hilft, um der Sprache auf die Schliche zu kommen, genauso wie das ständig im Hintergrund laufende Fernsehprogramm, dem ich von Tag zu Tag mehr Worte abringen kann. Manchmal ist es aber auch ernüchternd. Was hat Antonina in den Kartoffelsalat getan? Smetana? Das heißt übersetzt Schmand – der arme Komponist. Und wer weiß schon, dass das berühmte Moskauer Bolschoi-Theater übersetzt einfach nur Großes Theater heißt?

Ein bis zwei Stunden Lernen für den nächsten Tag ist Pflicht, sonst steht man am nächsten Tag noch dümmer da als ohnehin schon. Luwa ist ehrgeizig und möchte ihren Schülern in zwei Wochen möglichst viel beibringen. Und so heißt es: pauken, pauken, pauken. „Normal people go to the beach“, scherzt Didier nach einer besonders anstrengenden Lektion. Urlaub sieht anders aus.

Immerhin kann ich bald spielend die kyrillischen Buchstaben entziffern auf den Werbetafeln der Stadt. Oft verbirgt sich ein englischer Begriff dahinter – Computer oder cool zum Beispiel. Wie im Deutschen auch, ist das Englische in Russland stark auf dem Vormarsch. Und auch das lateinische Alphabet. Westliche Markenprodukte werden meistens im Original-Schriftzug verkauft. Nur die Mc-Donald’s-Fastfoodkette, die in St. Petersburg bald an jeder Ecke eine Filiale hat, wirbt mit kyrillischem Ladenschild.

Am Wochenende kommt ein bisschen Ferienstimmung auf. Ich fahre mit der Metro zur Peter-und-Paul-Festung, wo sich die St. Petersburger am Ufer der Newa in der Frühlingssonne räkeln. Hier liegt die Zarenfamilie begraben, und eine goldene Kathedrale mit immens hoher Turmspitze erinnert an die vergangene Pracht der Adligen. Ganz in der Nähe dümpelt das Kanonenboot Aurora auf dem Wasser. Lenin soll hier 1917 das Zeichen zur Erstürmung des Winterpalastes gegeben haben. Heute ist das Schiff ein Museum zur russischen Marinegeschichte. Ich versuche, die Erklärungen zu lesen ... puh, zu schwer. Zum Trost lade ich mich auf einen Tee ins elegante Jugendstil-Café Singer am Newski Prospekt ein. Den Prachtbau ließ einst der US-amerikanische Nähmaschinenfabrikant Singer bauen, heute befindet sich hier neben dem Café die größte Buchhandlung der Stadt.

Nach etlichen Nachmittagen in Museen und Schlössern gerät zunehmend der Alltag in den Fokus. Zum Beispiel die Markthalle am Sennaja Ploschtschad, was übersetzt Heumarkt heißt. Dort werden Früchte, Fleisch, Fisch und Naschereien im Überfluss feilgeboten. Fleischer verkaufen ganze Schweinehälften – man merkt, dass hier keine Singles einkaufen. Vor allem Großmütter sind Kunden. Sie halten die Haushalte der St. Petersburger in Schuss und passen auf die Kinder auf. So auch Antonina. Ihr Sohn und dessen Frau sehe ich, obwohl sie in derselben Wohnung wohnen, nur zweimal. „Rabota, rabota“ erklärt Antonina, beide arbeiten fast immer, auch am Wochenende. Antonina verdient sich mit dem Bewirten der Sprachschüler etwas dazu. Dafür opfert sie ihr Zimmer und schlägt ihre Schlafstatt abends in der Küche auf. Sohn und Schwiegertochter schlafen im Wohnzimmer. Dass mehrere Generationen auf engstem Raum zusammen wohnen, ist in Russland nichts Ungewöhnliches. Hell und freundlich wirkt die Wohnung, überall stehen Pflanzen, Einbauküche, Mikrowelle und Flachbildfernseher gehören zum Standard der St. Petersburger. Nur die Heizung lässt sich nicht regulieren und läuft selbst im lauen Frühling Tag und Nacht. Dafür gibt es manchmal kein warmes Wasser.

Am letzten Tag ist mein Russisch schon so gut, dass ich Antonina fragen kann, ob sie die Belagerung der Stadt durch die Deutschen von September 1941 bis Januar 1944 miterlebt hat. Über eine Million Menschen starben damals. Sie nickt und beschreibt wortgewaltig, wie es war als Kind im Bombenhagel. Erde hätten sie gegessen vor Hunger. Ich schaue beschämt zu Boden. Dann sage ich, dass ich froh bin, in St. Petersburg Russisch lernen zu dürfen, und dass wir nun in vergleichsweise angenehmen Zeiten leben. Antonina nickt heftig.
Zum Abschied umarme ich sie spontan. Ich habe keine Ahnung, ob das richtig war. Aber es kam von Herzen.

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