Tokio : Im Tempel winkt das Glück

In Japan liegen Tradition und Moderne dicht nebeneinander. Das sieht man in Tokio ebenso wie in Kioto, der alten Hauptstadt.

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Tor zur Stadt. Der Kiotoer Hauptbahnhof von Hiroshi Hara.
Tor zur Stadt. Der Kiotoer Hauptbahnhof von Hiroshi Hara.Fotos: Rolf Brockschmidt

Er überragt alles – und ist gut verankert. Selbst einem Erdbeben der Stärke 9 soll er trotzen können. Wie ein Fremdkörper erhebt er sich aus dem alten Stadtviertel am Sumida-Fluss in Tokio. Seine Höhe ist schwindelerregend und zugleich voller Symbolik. 634 Meter misst der höchste Fernsehturm der Welt, zugleich das zweithöchste Gebäude der Welt, das am 22. Mai dieses Jahres eröffnet werden soll. Die Symbolik ist typisch japanisch und sehr traditionell, obwohl der Bau ein Meisterwerk der Ingenieurskunst unserer Tage ist. Die Konstruktion orientiert sich an alten Pagoden, die äußeren Teile des Turms berühren den Zentralpfeiler nicht. Die Höhe hat Bedeutung: Die Zahlen 6 (mu), 3 (sa) und 4 (shi) ergeben zusammen den historischen Namen der ehemaligen Provinz Musashi.

Heute liegt der Turm etwa einen Kilometer vom populären Asakusa-Tempel entfernt, wo man sich vielleicht noch am ehesten in jene Epoche hineinversetzen kann, als die japanische Hauptstadt noch Edo (Flusstor) hieß. Besonders an Feiertagen ist der Asakusa-Tempel mit seinen roten Balken und der breiten, von Lampions gesäumten Ladenstraße, die auf den Tempel zuführt, ein beliebtes Ziel für Touristen und Tokioter gleichermaßen. Dass dieser buddhistische Tempel, der ursprünglich aus dem 17. Jahrhundert stammt, in den 50er Jahren nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs weitgehend aus Stahlbeton nachgebaut wurde, stört niemanden. Es merkt auch keiner. Die ganze Anlage sieht so aus, als habe sie dort schon immer gestanden.

Wer hierherkommt, geht zuerst zum Feuerbecken, an dem ein Mönch jede Menge Räucherstäbchen entzündet – der Rauch reinigt die Gläubigen. Hier herrscht immer großer Trubel, und es spielt offenbar keine Rolle, ob man gläubig ist oder nicht. Mit der Religion nimmt man es nicht so genau. Auch der danebenliegende Asakusa-Schrein wird regelmäßig von Japanern aller Glaubensrichtungen besucht.

Derart gereinigt schreitet der Besucher die Stufen zur großen Halle hinauf, über deren Eingang zwei große Laternen mit je 750 Kilogramm Gewicht hängen. Die Namen der Spender sind darauf verewigt. Beliebt ist der Blick in die Zukunft. Man schüttelt eine Blechbox, die oben ein kleines Loch hat, so lange, bis man ein Stäbchen herausziehen kann. Auf diesem Stäbchen steht eine Nummer, die einen zu einem Schränkchen mit 99 Schubladen führt. Zieht man die entsprechende Lade auf, findet man ein hübsches dünnes Blatt Papier mit Schriftzeichen, die man als Ausländer natürlich nicht lesen kann. Für sie findet sich allerdings eine klein gedruckte englische Übersetzung. Die gezogene Nummer verheißt „bestes Glück“: „Die Sonne scheint so strahlend, dass der Himmel Sie segnen wird … Ihr Wunsch wird in Erfüllung gehen“ und noch mehr freundliche Verheißungen dieser Art. Das Ergebnis lässt für den Rest der Reise hoffen. Ist man mit dem Resultat der Vorhersage nicht zufrieden, faltet man den Zettel einfach zusammen und knotet ihn an den Zweig eines Baumes.

Eine ganz andere Atmosphäre erlebt man an einem normalen Werktag am Meiji-Schrein, einer riesigen Shinto-Anlage, in der der erste Kaiser nach der Öffnung des Landes verehrt wird. Er befindet sich in einem Wald aus mehr als 100 000 Bäumen, die von den Japanern beim Tod des Kaisers vor 100 Jahren gespendet wurden. Der Schrein selbst wurde nach dem Tod der Kaiserin 1914 von über 110 000 Freiwilligen aus Zypressenholz erbaut. Die Shinto-Schreine wirken in ihrem dunkelbraunen Holz und den Kupferdächern ernster als die beschwingten fröhlich wirkenden buddhistischen Tempel mit ihren korallenroten Holzelementen. Die Shinto-Schreine dienen der Ahnenverehrung.

Der Weg durch das Tor zur Anlage ist extrem breit, am Eingang stehen überdachte Regale voller dekorativ verzierter – leerer – Sake- und Weinfässer. Doch die malerischen Schriftzeichen geben ganz profan die Namen der spendenden Firmen und Privatleute wieder. Sie dürfen sich hier eine Weile mit ihrer Großzügigkeit präsentieren. Die Sponsorenwand ist für Touristen ein pittoreskes Fotomotiv. Nicht nur Europäer lassen sich gern davor ablichten.

Der Weg zum Schrein wurde deshalb so großzügig angelegt, weil sich hier zum Neujahrsfest etwa fünf Millionen Menschen zum Heiligtum zwängen – eine schier unvorstellbare Menge –, und die brauchen Platz, wenn sie zum Schrein gelangen wollen.

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