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Auf dem Nesselberg in Waren : Kaminholz von Genossen

16.12.2012 00:00 UhrVon Dolores Kummer
Im Sommer lockt der große See zum Baden, im Winter kann man Schlittschuh laufen. Vielleicht ist das bald wieder so.Bild vergrößern
Im Sommer lockt der große See zum Baden, im Winter kann man Schlittschuh laufen. Vielleicht ist das bald wieder so. - Foto: Dolores Kummer

An der Müritz wurde ein Wasserturm zum Feriendomizil. Wer hier übernachtet, kann anderntags die Solequelle testen und frisch geangelten Fisch essen.

Eigentlich sollte es nur eine Datsche werden. „Wir wollten für unseren Freundeskreis ein schönes Plätzchen im Grünen, fuhren deshalb zu fünft oder sechst über Land“, berichtet der junge Architekt Christian Thommes. Dann fand seine Partnerin eines Morgens die Immobilienanzeige mit dem Wasserturm an der Mecklenburgischen Seenplatte in der Zeitung. Christian Thommes war wie elektrisiert – und fuhr sofort hin.

Hoch auf dem Nesselberg in Waren an der Müritz stand der runde, denkmalgeschützte Turm, keine vierhundert Meter vom größten deutschen Binnensee entfernt und direkt am Eingang zum Müritz-Nationalpark. „In den ersten beiden Stockwerken befand sich bereits eine Wohnung.

Den Rest konnte man vielleicht neu ausbauen“, erzählt der Architekt. Allerdings hatte keiner seiner Freunde allein so viel Geld, um den Turm zu kaufen, geschweige denn das außergewöhnliche Objekt zu sanieren. So taten sie sich zusammen und gründeten 2009 eine Genossenschaft, die sie kurz „Bewahren Ferienhaus eG“ nannten.

„Genosse“ Jörg Leerahn aus Waren macht die Turmbetreuung am Ort und zeigt stolz die vier schicken Ferienwohnungen mit den Namen Pankow, Güstrow, Hagenow und Kargow. Über eine Außentreppe steigt man bis in den vierten Stock. Hier gibt es einen Rundumbalkon mit einem fantastischen Blick auf die Müritz und auch auf die Feisneck, einen kleinen See, um den Christian Thommes morgens gern joggt.

Aber nicht nur Mitglieder können hier Ferien machen, zwei Drittel der Mieter auf Zeit sind inzwischen Nichtgenossen. Die Urlauber kommen aus Berlin, Hamburg oder sogar aus Bayern. Wer möchte, kann gleich den ganzen Turm mieten. Bis zu 14 Gäste können in ihm übernachten. In jeder Wohnung gibt es eine modern ausgestattete Küche, die in der vierten Etage besonders geräumig ist. Alle Turmbewohner passen dort zum gemeinsamen Essen rund um einen großen Tisch.

1897 war der schmucke Wasserturm in Betrieb genommen worden und versorgte bis zu Beginn der 1960er Jahre hinein die Stadt Waren mit dem richtigen Wasserdruck. „Noch Anfang der 90er wohnte hier der letzte Wassermeister“, berichtet Genosse Jörg Leerahn, „der hatte Wohnrecht auf Lebenszeit, danach drohte das Ganze zu verfallen.“ Die Stadt Waren reagierte und ließ zumindest das baufällige Dach sanieren. Den Rest übernahmen später die Genossen. Im Inneren des Turms befand sich ein großer Wasserkessel, der zersägt werden musste.

„Da gingen hunderte Flexscheiben bei drauf“, erzählt Christian Thommes, der mit seinem Architektenbüro Thommes & Weißheimer für die Planung verantwortlich zeichnete. Aber anders hätte man nicht vorgehen können. „Im Turm durfte wegen der Brandgefahr nicht geschweißt werden“, erklärt der Experte. Der Kesselboden wurde jedoch als Gestaltungselement im Turm gelassen, aus den größeren Eisenteilen wurden später fantasievolle Lampen gebaut.

Einfallsreich ist auch die Rundumheizung, die unten vor den fast ein Meter dicken Turmwänden verläuft. Sie kann, ebenso wie die Fußbodenheizung im Bad, über Fernsteuerung schon in Berlin aktiviert werden. Es gibt in jeder Wohnung W-Lan, aber keinen Fernseher. Genosse Jörg hat jedoch ein paar alte DDR-Radio-Kassettenrekorder spendiert, zum Beispiel seinen SK3 700, der 1985 siebenhundert Ostmark kostete. Für den ehemaligen Klempner war das damals ein komplettes Monatsgehalt. Heute ist das retro – und wieder schick. Den Namen „Genosse“ findet Leerahn gut: „Das klingt witzig, gerade weil ich ja früher kein SED-Genosse war, die Bonzen sich aber immer untereinander mit Genosse anredeten.“

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