Auf den Wasserstraßen Amerikas : Ordentlich Dampf auf den Schaufeln

Nostalgischer Antrieb: Die „African Queen“ befährt den Missisippi wie vor hundert Jahren.

Heike Schmidt
Wie früher. 1995 wurde das Schiff nach alten Vorbildern gebaut. Innen ist’s modern. Die Kabinen haben Klimaanlage.
Wie früher. 1995 wurde das Schiff nach alten Vorbildern gebaut. Innen ist’s modern. Die Kabinen haben Klimaanlage.Foto: p-a/dpa

Suchscheinwerfer gleiten über das dunkle Wasser. Die Luft schmeckt nach Rauch. Aus den Bordlautsprechern kommt aufgeregtes Knacken. Gleich ist es so weit. Der Höhepunkt der Flussfahrt steht kurz bevor. Zum Glück ist es schon nach neun, also nach dem Abendessen. Denn ob man deswegen eine glacierte Entenbrust mit Safranreis stehen gelassen hätte? Mal ehrlich: Vor oder nach dem Essen – das ist die Zeitrechnung auf jedem anständigen Kreuzfahrtschiff. Nach zweitägigem Dahingleiten auf dem größten jemals gebauten Schaufelraddampfer der Welt sind landläufige Banalitäten längst entglitten. Zum Beispiel die Sorge um die Figur.

Steuerbord blinken Lichter. Das muss Cairo sein, die Kleinstadt im US-Bundesstaat Illinois. Lautlos huscht ein dunkler Schatten über das Deck: eine Brücke. „Ladies and Gentlemen“, schnarrt es aus dem Lautsprecher, „Sie sind jetzt auf dem Mississippi.“ Das Signalhorn tutet zur Begrüßung. Beim üblichen Nachmittagsschwatz im Navigationsraum hatte Jerry Hay, eigens angeheuerter Hobby-Flusshistoriker, Karten gezeigt: Wie ein riesiges Y fließen hier der Ohio und der schlammige Mississippi zusammen.

Die „American Queen“ ist das einzig verbliebene authentische Kreuzfahrt-Paddelboot auf den Wasserstraßen Amerikas. Ihr Schaufelrad funktioniert tatsächlich noch mit Dampf und ist für den Hauptantrieb zuständig. Zwei mit Diesel betriebene Ruderpropeller leisten Verstärkung. Wie riesige Grashüpferbeine treiben die gewaltigen Tandemkolben das feuerrote Paddel an. Hochgewirbelte Wassertropfen glitzern in der Sonne. Jede Stunde macht der Schmierer seine Runde und füllt rund drei Liter Öl nach. Passagiere dürfen zugucken. Es faucht und zischt. Maschinisten tragen Ohrstöpsel und kurze Ärmel. Heiß ist es hier unten.

Oben in den Kabinen gibt es neuerdings Klimaanlagen und Flachbildfernseher. Die Matratzen der hüfthohen Betten sind dick und neu. Die „Queen“ bekam eine Schönheitskur. Doch der Rest des Retro-Interieurs passt immer noch in eine viktorianische Zeitkapsel: Blümchentapeten, Spitzengardinen, Kronleuchter und gelb-braune Fotos in Goldrahmen. Zierliche Frisiertische stehen neben Korbmöbeln und wo noch Platz ist auch weiche Polstersofas.

Die Kabinen sind eher klein, wie es wohl für die Ära typisch war. Queen Victoria maß schließlich auch nur gut 1,50 Meter. Die Gemeinschaftsräume sind da schon großzügiger: für Herren der Card Room mit ausgestopftem Schwarzbär und gemütlichen Ledersesseln oder der Ladies Parlor mit Fransenlämpchen, Chaiselongue und Silbergeschirr auf dem Tabletttisch. Damit man gleich die Prioritäten begreift, belegt der opulente Speisesaal zwei komplette Stockwerke.

Wer die Augen zukneift, kann sich gut vorstellen, wie piekfeine Damen in Reifrock-Kleidern und mit Federhut einst auf diesen ersten schwimmenden Palästen wandelten, als Kalifornien noch im Goldrausch steckte und Indianerhäuptling Crazy Horse geboren wurde.

Jane und Tom Elias gefällt das. „Darum fahren wir mit“, sagen sie. Nach sieben Steamboat-Trips sind die pensionierten Eheleute aus Ohio bekennende Dampfschiff-Fans. Vorher, so geben sie kleinlaut zu, hätten sie auch mal Kreuzfahrten auf diesen modernen Riesenstädten auf hoher See gebucht, mit Tausenden von Passagieren und Partylaune, Geschäften und Gewimmel. Richtig erholt hätten sie sich dabei allerdings nicht.

Auf der „American Queen“ gibt es eine Handvoll meist verwaister Trimmräder und einen Mini-Pool, der manchmal Wasser hat und manchmal nicht. Zu Schnorcheltouren oder Fahrradausflügen animiert keiner. Vorträge oder Lesungen werden angeboten, mehr Aktivitäten gibt’s nicht.

Selbst ein Elvis-Imitator mit kajalstift- umrandeten Augen und tief geöffnetem Hemd reißt abends im Grand Saloon niemand aus den gemütlichen Polstersesseln. Ein Großväterchen in Jeanslatzhose mit Baseballkappe ist sogar eingenickt. Offiziell beträgt das Durchschnittsalter der Passagiere rund 64 Jahre. Aber ein weißhaariger Paul Revere von den „Raiders“ – vielleicht noch von der ’71er Hitsingle „Indian Nation“ bekannt – witzelt von der Bühne, dass er hier mit seinen 74 Jahren wohl noch als junger Dachs durchgehe. Das ist was dran.

Das Ufer zieht vor den Kabinenfenstern vorbei. Das National Quilt Museum in Paducah oder das über den Vogelkundler John Audubon in Henderson zählen nicht zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten der Reise. Seit dem verheerenden Hochwasser von 1927 verordnete man Städten und Straßen allerdings einen Sicherheitsabstand. Manches duckt sich hinter Flutwänden. Wenn man die modernen Schubkähne geflissentlich übersieht, die schwer mit Kohle, Getreide und Öl beladene Schuten durchs Wasser bugsieren, scheint sich das Leben auf dem Mississippi erstaunlich wenig verändert zu haben. Die sandigen Ufer sind steil ausgewaschen. An den meisten Stellen ist der Fluss eine Meile breit. Und Huckleberry Finns Bretterfloß könnte gut hinter der nächsten Biegung auftauchen.

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