Reise : Aufschwung am Ufer

Schloss Plaue bei Brandenburg/Havel wird restauriert. Und darf besichtigt werden

Vin Gerd W. Seidemann

Das Boot der Wasserschutzpolizei tuckert vorbei, die Angler am Ufer vor dem Schloss neigen zum Gruß ihre Stippen. Es herrscht Ruhe am Plauer See. Große Ruhe. Das wird nicht so bleiben. Spätestens 2011 soll aus dem Schloss im Dornröschenschlaf ein lebendiges Hotel entstanden sein, hofft der Berliner Investor. Einen Vorgeschmack auf mehr Betrieb im verschlafen wirkenden Städtchen Plaue, jetzt ein Ortsteil von Brandenburg an der Havel, werden die Bewohner heute bei den „1. Plauer Schlossfestspielen“ und am kommenden Sonntag zum „Tag des offenen Denkmals“ bekommen, wenn das Kleinod am Wasser auch innen besichtigt werden darf.

„Ja, was soll aus dem Schloss werden?“ Die Radlerin auf der historischen, leider arg ramponierten Plauer Brücke grübelt kurz. „Also ich habe gehört, da will dieser Starkoch Pietzner ein Restaurant aufmachen. Und das Schloss soll zum Hotel werden. Das Ganze hat ja angeblich ein Berliner gekauft, der endlich was draus machen will.“ Die Frau ist gut informiert.

Christian Kolbe, Immobilienkaufmann und Altbausanierer aus Berlin, hatte im März 2006 weit über dem Mindestgebot von 38 000 Euro für das Schloss gelegen. Für 262 000 Euro ersteigerte er aus dem Eigentum des Landes Brandenburg das Anwesen. Seitdem ist er der Schlossherr. Ein Schnäppchen, möchte man meinen. Wohl kaum. Denn die Kosten der Restaurierung dürften den Kaufpreis um mehr als das Zwanzigfache übersteigen. Adäquate Restaurierung unter Beachtung des Denkmalschutzes fordert seinen Preis. Die Verwaltung in Potsdam hatte sich deshalb jahrelang vergeblich bemüht, einen neuen Eigentümer und damit einen „Retter“ für die insgesamt 66 000 Quadratmeter große Schlossanlage zu finden.

Dabei könnte die Lage kaum besser sein: Unmittelbar an der Stelle, wo sich der Plauer See zur Havel verengt, thront das Schloss am Ufer. Und wie das so ist mit den Adelssitzen (nicht nur) in Brandenburg – sie können immer von einer langen und meistens wechselvollen Geschichte erzählen. Bereits 1216 wird in einer Urkunde „das feste Haus“ in Plaue erwähnt, offenbar eine Art kleine Burg an der bedeutenden Handelsstraße Magdeburg–Brandburg/Havel. Burg und Siedlung Plaue fielen dann im Jahr 1400 dem (Raub)Ritter Johann von Quitzow zu.

Als Herr über ein Besitztum in exponierter Lage schwante dem in Zeiten großer Unruhen nichts Gutes – er befestigte seinen neuen Wohnsitz ganz erheblich. Er ließ die Mauern verstärken, Rundtürme bauen und einen Graben ringsum ziehen. Die Mauern der „Quitzowburg“ sollen so dick gewesen sein, dass ein Pferdegespann darauf fahren konnte. Uneinnehmbar, auf ewig meins, glaubte Quitzow. Bis er 1414 eines Besseren belehrt wurde. Burggraf Friedrich VI. von Nürnberg war von Kaiser Sigmund zum „rechten Obristen und allgemeinen Verweser und Hauptmann der Mark“ ernannt worden. Der Hohenzoller sollte Raubrittertum und entsprechendem Chaos in der Mark ein Ende bereiten. Er stellte die geforderte Ordnung schließlich wieder her, Quitzow und andere gingen ihrer Besitztümer verlustig. Fontane dichtete entsprechend: „Das Plauer Schloß, wo fröstelnd am Morgen / Hans Quitzow steckte, im Röhricht verborgen...“ Friedrich seinerseits wurde für seine Verdienste zum Kurfürsten und Markgrafen von Brandenburg ernannt.

In Folge herrschte zunächst relative Ruhe in der Mark. Auch wenn sich die Adeligen gegenseitig immer wieder mal den ein oder anderen Besitz abjagten. Auch Burg und Ortschaft Plaue wechselten mehrfach ihre Herren, bis sie 1620 vom Magdeburger Domherr Christoph von Görne übernommen wurden. Bis 1765 blieb Plaue dann im Besitz „derer von Görne“.

Anfang des 18. Jahrhunderts nahm Plaue einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Unter der Ägide von Friedrich von Görne entstanden vor allem Woll- , Porzellan- und Steinzeugmanufakturen. Plaue wurde gar für kurze Zeit eine beachtliche Konkurrenz für die Meißener Produktionsstätten. Görne begann 1711 mit dem Bau eines prächtigen Barockschlosses an der Havel und ließ einen ausgedehnten Park anlegen. Sie Stadt bekam Schule, Armen- und Altersheim. Als von Görne 1745 starb, hinterließ er ein properes Städtchen.

Später ging es unter Wilhelm von Anhalt (ab 1765 Schlossherr) bergab. Er zerstörte viel von dem, was seine Vorgänger aufgebaut hatten. Auch die Bestände an „Plauer Porcellan“ fielen dem Wüterich zum Opfer. 1839 schließlich erwarb Hans Valentin Ferdinand Graf von Koenigsmarck Schloss und Gut Plaue. Bis 1945 blieb alles im Besitz dieser Familie.

Der Zweite Weltkrieg schließlich richtete am Schloss schwere Schäden an, es wurde geplündert und danach notdürftig repariert. Das Land Brandenburg etablierte hier 1946 eine Verwaltungsschule, bis man 1966 das Schloss für das „Institut für Sprachintensivausbildung“ der DDR herrichtete. Dabei wurde jedoch alles an Schmuckelementen verbliebene entfernt, das Innere total verbaut, auch die restliche Ausstattung ging bis auf wenige Fragmente verloren.

„Ja, da wurden Mitglieder staatlicher Organe für ihren Auslandseinsatz fit gemacht“, erzählt einer der Angler vorm Schloss. „Die schliefen nachts mit Kopfhörern auf den Ohren und wurden mit Vokabeln berieselt, die sie dann wohl am nächsten Morgen intus hatten.“ Erst 1993 wurde das Institut abgewickelt, seitdem steht das Schloss leer.

In entsprechendem Zustand fand Christian Kolbe als neuer Schlossherr sein neues Eigentum vor. Ein undichtes Dach, durchbrochene oder einsturzgefährdete Decken, Schwamm allenthalben, marode Treppen, kreuz und quer verlegte Rohre, mit defekter Heizung. Fünf Monate dauerte es, bis das Schloss Ende 2006 wenigstens gegen weiteren Verfall geschützt war. Beratungen und Verhandlungen mit den Denkmalschützern folgten. Derweil wurden jedoch schon Verwalter- und Gesindehaus der Schlossanlage von Grund auf instandgesetzt, ebenso eine „DDR-Platte“, in der die Wohnungen „ganz normal vermietet“ sind, wie der Angler berichtet.

Was soll nun werden? Die Hürden, die der Denkmalschutz gesetzt hat, sind offenbar überwunden. Nun geht’s ans Eingemachte. Der gebürtige Hamburger Kolbe hat eine Betreibergesellschaft gegründet, deren Geschäftsführer in der Tat der gelernte Koch Ronny Pietzner ist. Der Seitenflügel des Schlosses soll bereits im kommenden Jahr soweit hergestellt sein, dass ein Restaurantbetrieb eröffnet werden kann. Der 30-jährige Pietzner hat sich seine Sporen in verschiedenen Brandenburger Küchen erworben, darunter das Krongut Bornstedt in Potsdam. Heute führt er nicht nur sein eigenes Restaurant („Bäkemühle“ in Kleinmachnow), sondern kocht sich auch durch diverse Fernsehsendungen.

Bevor der Hotelbetrieb aufgenommen werden kann, wird es noch etwas länger dauern. Zum 300-jährigen Bestehen von Schloss Plaue, stellt sich Kolbe vor. Dann dürfte es vorbei sein mit der absoluten Ruhe am Ufer vor dem Schloss.

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