AUSSICHTEN : Kampfpreise Renate allein am Strand

Wie eine deutsche Langzeiturlauberin auf der tunesischen Insel Djerba die Revolution erlebt

Horst Schwartz
Fotos: Horst Schwartz
Fotos: Horst Schwartz

Der Ferienflugbetrieb nach Tunesien wird in diesen Tagen wieder aufgenommen, spätestens Anfang März sind die Touristenziele bei fast allen deutschen Veranstaltern wieder buchbar. Um nach dem nahezu totalen Buchungseinbruch wieder Fuß zu fassen, setzen einige Anbieter auch auf Kampfpreise. Eine Woche Djerba inklusive Flug und Halbpension sollen bereits für 198 Euro zu haben sein. Die Anbieter nehmen Verluste dabei in Kauf, um die verunsicherten Kunden wieder ins Land zu locken. Ob dem Reiseland mit solchen Angeboten geholfen ist, bleibt fraglich. Wenn Mitarbeitern in den Hotels zugleich der Lohn gekürzt wird, könnte der Service durchaus schlechter werden. Tsp

Der Treiber wartet mit seinen drei Kamelen am Strand auf Touristen. Doch die sind rar in den Wochen nach der Revolution. Der Strand am Hotel Radisson auf Djerba ist nahezu menschenleer. Nur Renate Pepr und ihre Freundin liegen in der Sonne, die schon Kraft hat. Die 83-Jährige ist seit November auf der Insel, wie schon in den vergangenen 30 Jahren.

Von den besonders unruhigen Tagen im Januar, in denen das Land die 23-jährige Diktatur abschüttelte, hat Renate Pepr direkt nichts mitbekommen. Während in einigen Ferienorten auf dem Festland Schüsse zu hören waren und sich die Einheimischen zu knüppelbewaffneten Bürgerwehren zusammenschlossen, um ihr Hab und Gut sowie Hotels vor marodierenden Banden zu schützen, blieb es auf Djerba ruhig. Als ihr Reiseveranstalter den Reisevertrag kündigte, schimpft die temperamentvolle Hannoveranerin, habe sie sich geweigert, an der hektischen Evakuierungsaktion teilzunehmen („Die Gäste hatten kaum Zeit zu packen!“) – und ihr Überwintern seelenruhig fortgesetzt.

Von Stund an muss sie Hotel und Verpflegung noch einmal bezahlen. „Aber ich bekomme ja einen Batzen vom Veranstalter zurück.“ Hofft sie. Immerhin hat der Hotelier ihr die Treue gedankt, indem er ihr eine Verlängerungswoche schenkte. „Zu Hause muss ich Tabletten nehmen, hier geht es mir gut“, sagt die Sonnenanbeterin, „und hier sind die Menschen so freundlich, wie man es von daheim gar nicht mehr kennt.“

In diesen Tagen öffnen wieder alle Hotels auf der Insel. Nur 29 der 159 Häuser der Region Djerba-Zarzis ließen den Betrieb trotz der Revolution weiterlaufen, spärlich belegt mit 1600 Gästen. Die meisten von ihnen Franzosen. Kaum ein deutscher Gast widersetzte sich wie Renate Pepr dem „Evakuierungsbefehl“ seines Veranstalters.

Der neue Tourismusminister des Landes, Mehdi Houas, hat viel vor, will die Zahl der deutschen Urlauber in den kommenden drei Jahren verdoppeln und damit wieder auf das Niveau von 2001 bringen: Vor dem Attentat auf die traditionsreiche Ghriba-Synagoge auf Djerba im Frühjahr 2002, bei dem 21 überwiegend deutsche Touristen starben, machten etwa eine Million Bundesbürger in Tunesien Urlaub, davon 40 Prozent auf Djerba. Houas führt den dramatischen Einbruch der Gästezahlen auf die schlechte Kommunikation der alten Regierung nach dem Anschlag zurück.

Während vor seinem Amtssitz in Tunis 350 Hotelbedienstete lauthals gegen den Chef eines Luxushotels demonstrieren, der angeblich ihr Angebot auf unbezahlten Urlaub abgewiesen und sie kurzerhand vor die Tür gesetzt hat, verbreitet der 51-jährige Minister in seinen Amtsräumen ungebremsten Optimismus. „Tunesien ist stolz, sich in die Reihe freier Länder einzureihen“, versichert er, „die Deutschen werden das honorieren.“ Mit anderen Worten: Wie zahlreiche Hotelmanager im Land rechnet auch er mit einem Ansturm deutscher Urlauber, die in Erinnerung an die Wiedervereinigung ins Land kommen, um „zu sehen, wie es im freien Tunesien aussieht“.

In der Tat ist es faszinierend, die Begeisterung der Tunesier mitzuerleben, die stolz auf ihre Revolution sind. Zwar wimmelt es in Tunis vor Schützenpanzern und bewaffneten Soldaten, doch die Stimmung bleibt friedlich, obwohl die Menschenmenge, die sich Tag für Tag in der Innenstadt drängt, kaum noch zu überblicken ist. Da wird der Platz vor dem Theater zu einer Art Hyde Park umfunktioniert, wo jedermann lautstark seine Meinung sagen darf. Da präsentieren Tunesier jedem Fremden, der eine Kamera trägt, ihre – tatsächlichen oder angeblichen – Folterwunden. Da werden Plakate hochgehalten, auf denen der neue französische Botschafter schon am zweiten Tag seiner Mission wieder zum Verlassen des Landes aufgefordert wird, weil er die Tunesier beleidigt haben soll. Die Bewohner der großen Städte protestieren derzeit gegen jede Ungerechtigkeit. „Aber wir bleiben friedlich“, sagt ein arbeitsloser Tunesier lächelnd in die Kamera. Touristen sind dem Augenschein nach derzeit in Tunesien sicher wie in Abrahams Schoß, auf Djerba offenbar sowieso.

Keiner der 20 000 Hotelbediensteten auf der Insel hat im Zuge der Revolution seinen Job verloren. Darauf ist Jalel Bouricha, Präsident der Hotelvereinigung von Djerba-Zarzis und Eigentümer von acht Hotels, sehr stolz. Auch er ist überzeugt davon, dass seine Insel in dieser Saison wieder durchstartet und spätestens 2012 die Besucherzahlen der Jahre vor der Revolution erreicht. Von Stammgästen wie Renate Pepr allein kann die Insel allerdings nicht leben. Auch wenn die jung gebliebene ältere Dame Djerba die Treue hält. Sie weiß schon, dass sie im kommenden November wieder die Koffer packt, um wie ein Zugvogel nach Djerba zu fliegen.

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