Ausstellung : Der Rote Platz am Pool

„All-inclusive“: Eine Ausstellung in Frankfurt reflektiert modernes Reisen.

Dorothee Baer-Bogenschütz

Departure Caracas 10.50, Gran Canaria 11.00, Catania 11.10, so in der Art steht es auf den Anzeigetafeln im Flughafen. Diesmal nicht. Man kann noch so lange auf das große Board starren, die Anzeigentafel bleibt schwarz: Heute kein Urlaub. Was ist passiert? Sind alle Flüge annulliert, gab es Sabotage am System, ist die Welt endlich untergegangen? Wer jetzt in der Schirn Kunsthalle einchecken will zur Tourismus-Schau „All-inclusive“, stutzt erst einmal. Die aus Terminals bekannte Anschlagtafel der Abflugzeiten – bald übrigens ein Sammlerstück, da digitale Technik sie verdrängt – lässt zwar das vertraute Rattern hören, verweigert jedoch jede Information. Das ist nicht die Tücke des Objekts, sondern der Fingerzeig der Kunst.

Der Belgier Kris Martin hat die Fallblattanlage in schöner Readymade-Manier adoptiert. Sie will einfach nur das Terrain abstecken. Ein hübscher Einfall. Und in diesem Realo-Stil geht sie fürs erste weiter, die Möblierung einer Schein-Reisewelt.

Nein, vor der Sicherheitsschleuse (eine Idee der Türkin Ayse Erkmen) muss sich der Besucher nicht den Gürtel vom Leib reißen und auf die Socken machen. Er muss weder Handgepäckverhör über sich ergehen lassen noch eine Pass- noch Gesichtskontrolle. Er darf die Uhr am Arm behalten, die Zahnpasta in der Jackentasche und die Überzeugung von seiner persönlichen Würde im Herzen.

Dabei werden vielerlei Optionen in Frankfurt nicht erwogen, geschweige denn ausgeschöpft. Vom Metalldetektor gelangt der Schirn-Reisende unter Umgehung des Reisegefühls als solchem – wo ist der Flugsimulator, sagen wir aus Schaumstoff, fleißig zusammengeschustert von einem Claes Oldenburg-Jünger? –, direkt zum Gepäckband der Skandinavier Elmgreen & Dragset. Dort kreist eine einsame Reisetasche – und ganz viel Symbolschwere.

In seinen Schriftbildern „Malta 14 Nächte Selfcatering“ oder „Alicante flight only“, für die Last-Minute-Angebote die Vorlagen bilden, thematisiert der Brite Jonathan Monk im selben Raum die Austauschbarkeit der Ferienziele in einer nivellierten Freizeitwelt, in der sich die Destinationen kaum mehr voneinander unterscheiden. Konsequent hängt der Koreaner Ho-Yeol Ryu in seinem Flughafentableau gleich den ganzen Himmel voller Jets, so dass kein Fortkommen mehr ist. Wo landen wir also – beim Weltraumtourismus oder Welt- Traumtourismus?

Der Österreicher Reiner Riedler beäugt jene All-inclusive-typischen künstlichen „Fake Holidays“ und Themenhotels. Darin liegt der Rote Platz am türkischen Pool, und über Florida schaukelt der Skilift.

Da wirft der Deutsche Franz Ackermann, Angehöriger der Spezies der „Reiseweltmeister“ – rund 65 Millionen Bundesbürger sollen dieses Jahr eine Reise von mindestens fünf Tagen planen –, kurzerhand all die schönen bunten Reiseprospekte auf den Boden unter eine künstliche Bananenstaude. Adios, bunte Gummiballwelt.

Die Weltgesellschaft sei eine touristische, heißt es im Katalog, wo versucht wird, ein wenig Theorie nachzulegen. Man betreibt allerdings keine historische Aufarbeitung des Phänomens Tourismus. Die Schau will ein paar Exzesse ins Bild setzen, bleibt flächendeckend milde und erfreut sich ihrer eigenen Beliebigkeit. Wo sind die Tourismusbrachen, die weltweit entstehen, wo die Karawane weiterzieht oder sich Urlauberansprüche ändern – wo die Aspekte Umwelt, Klima, Kläranlage? Wo die verschandelten Küsten, Bauruinen, abrissreifen Bettenburgen, zu deren Beseitigung vielerorts schlicht das Geld fehlt?

Das Traurigste: Die Schau definiert, gar nicht erst, was Tourismus ist. Und ein Ansatz wie der des Spaniers Santiago Sierra verpufft. Sein auf Mallorca gemünztes Zehn-Meter-Transparent „Inländer raus“ ist nicht mal im Original da, sondern nur im Foto.

Dazu kommt: Während in Frankfurt der Streit um den Flughafenausbau tobt, Kommunen weniger und Airlines mehr Nachtflüge fordern, tut die Reiseausstellung im deutschen Tourismushauptquartier – hier sitzen zahlreiche Fluglinien, Fremdenverkehrsämter und PR-Agenturen – so, als seien das Themen vom anderen Stern.

Das Strickmuster ist gängig wie schlicht: Man nehme prominente Künstler, deren Werke bekannte Galerien gern beisteuern, erzeuge Spannung mit viel Vorhangstoff vor Kabinen mit Monitoren, und setze gebührend Videobeamer ein.

Auffallend übrigens, dass die Reisebranche nicht im Boot der Sponsoren ist. Will heißen: Für eine All-inclusive-Plus-Kunst-Offensive sind noch alle Reiseportale offen. Wohlan: Crosscheck und durchstarten.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, bis 4. Mai, dienstags sowie freitags bis sonntags 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Der Katalog kostet 26 Euro. Weitere Informationen im Internet: www.schirn.de

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