Azoren : Die Inseln der Langsamkeit

Lange waren die Menschen arm auf den Azoren. Wenig wurde gebaut – und nichts verschandelt. Die Mini-Eilande Flores und Corvo zeugen davon.

Beate Schümann
Azoren
Esel als Milchmann. Auf Corvo hat sich der Alltag seit Jahrhunderten kaum verändert. -Foto: imago

Wie Trittsteine im Teich erscheinen die neun Azoreninseln im weiten Atlantik. Auf der Landkarte stolpert man über sie, wenn man mit dem Finger auf dem 40. Breitengrad entlangfährt. Da sind sie, etwas westlich von Lissabon, auf halbem Weg nach New York. Gut 2100 Kilometer liegt der Archipel von Europa entfernt. Von Amerika trennen ihn rund 3600 Kilometer.

Auf Flores und Corvo ist der Mensch am weitesten weg. Von Europa, von Hektik und Stress. Da hat man echtes Inselgefühl, richtig kuschelig. Die beiden Eilande markieren nicht nur die westlichsten Außenstellen des Kontinents, weil sie zu Portugal gehören. Sie zählen auch zu den kleinsten und positionieren sich als Einzige auf der amerikanischen Erdplatte. Inseln der Langsamkeit, sagen manche und meinen es durchaus liebevoll. Aber sie bewegen sich doch. "Jedes Jahr driften wir zweieinhalb Zentimeter in Richtung Amerika", sagt Luís Vieira, der Direktor im Inselmuseum von Flores. "Vielleicht gehören wir bald zu den USA", schiebt er schmunzelnd nach.

Einen engen Draht zum Westen habe es schon immer gegeben, erklärt der Historiker vor der Vitrine mit den kunstvollen Arbeiten aus Walzahn. Denn um 1860 kamen amerikanische Walfänger, um junge Florentiner anzuwerben. "Ein gutes Geschäft", meint Vieira, "aber nur für kurze Zeit." Vieira wuchtet einen der massiven Wurfspeere aus der Ausstellung, mit denen die azorischen Harpuniere den Wal erlegten. Bis die Jagd auf die Tiere 1989 verboten wurde. Die Mehrheit lebte ohnehin von Egge und Pflug, mehr schlecht als recht. Wer Geld genug für die Passage hatte, wanderte nach Nordamerika aus. "Viele kehren inzwischen von dort wieder zurück." Heimatliebe, Englischkenntnisse und der langsam erwachende Tourismus auf den Azoren - mancher findet heute auf Flores sein Glück.

Wenn man das Museum in Santa Cruz gleich am Anfang besucht, beginnt man die Insel schneller zu verstehen. Der Hauptort der 4400-Einwohner-Insel wirkt verschlafen. Zwischen Franziskanerkloster und Pfarrkirche fallen jedoch die frischen Spuren der Verschönerung auf, und die alte Walfabrik im Hafen Porto Boqueirão wird zum Besucherzentrum ausgebaut. Die hübschen Villen aus dem 19. Jahrhundert, die einmal Offizieren amerikanischer Walfangschiffe gehörten, sind restauriert, meist von Deutschen, Engländern und Schweizern. Es bewegt sich etwas, doch die Uhren auf Flores gehen immer noch anders. Die rund 2000 Besucher, die jährlich auf die Insel kommen, schätzen genau das, das Anderssein, die Ruhe und die unberührte Natur. Not ist manchmal der beste Landschaftsschutz. Heute profitieren davon die Naturliebhaber, Wanderfans und Einsamkeitssucher.

Sind die Häuser von Santa Cruz erst aus dem Blick, zeigt sich Idylle. Fruchtbare, üppig grüne Weiden bilden einen Landschaftsteppich, fein getrennt durch aufgeschichtete Lavasteinmauern, Hecken aus blau und rot blühenden Hortensien oder knorriger, mannshoher Baumheide (erica azorica). Dank des milden tropischen Klimas wachsen das indische Blumenrohr Canna, Montbretien, die Ingwer- und Belladonna-Lilien wie im Gewächshaus. Die Wälder überraschen mit einheimischen Bäumen wie dem seltenen Lorbeer, Myrten, Wacholder und Heidelbeerbaum. Irgendwann tauften die Florentiner ihre Insel "Flores", Blumen.

Taxifahrer Silvio nimmt uns mit zur Inseltour. Am Rückspiegel hängen zwei Kreuze und eine herausgeputzte Christusfigur. "Kann nicht schaden", sagt er augenzwinkernd in perfektem Englisch, und sein Skoda schnurrt gemütlich über die gewellte Landstraße. Der 30-Jährige kehrte Boston 1990 den Rücken, weil er sich in der Fremde fremd fühlte. "Auf Flores kennen wir Isolation nicht." Und er sagt es, als ob wir auch schon zum Club gehörten.

Manche meinen, dass sie die 143 Quadratmeter große Insel in zwei Tagen erobern könnten. Falsch. Zu Silvios Programm gehören alle sechs Kraterseen, längst erloschene Vulkane in der Inselmitte, deren höchster Gipfel, Morro Alto, auf 914 Meter steigt. Auch keinen der vierzehn Miradouros will er auslassen, die die schönsten Ausblicke auf Steilküsten, Wasserfälle, Täler und Dörfer bieten. Seine Highlights sind die Rocha dos Bordões, eine Bergwand mit kuriosen Basaltformationen, und die Ponta da Fajã. Von dort ist das Felsinselchen Ilhéu de Monchique am besten zu sehen. Dort ist Westend, endgültig.

Je kleiner die Inseln, desto größer scheint die Welt zu werden. Im Inselwesten, bei Fajã Grande, liegt Aldeia da Cuada. Kein gewöhnliches Dorf, denn alle Besitzer der vierzehn Häuser aus Basalt emigrierten in den 1950er Jahren. Sukzessive kauften die beiden Azorer Carlos und Teotónia Silva die verfallenen Häuser mit Meerblick vor ein paar Jahren auf. Nach und nach restaurierten sie sie, verlegten Strom und Kanalisation und schufen ein Feriendorf. Heute steht es unter Denkmalschutz und erscheint wie unverändert. Nur dass hinter den schwarzen Mauern moderner Komfort eingezogen ist. Die Fähre nach Corvo ist ein Schnellboot für zwölf Personen. Carlos Mendes ist der Kapitän. Die 27 Kilometer zwischen Flores und Corvo macht er normalerweise in 30 Minuten. Sofern er nicht noch Flores' Küste, bemooste Lavafelsen und steinige Buchten zeigt, dann erst abdreht und Kurs auf den winzigen Kegel am Horizont nimmt. Gelegenheiten zum Delphine-Watching lässt er nicht aus.

Langsam wachsen der schwarze Vulkan und die am Hang geschichteten Häuser aus dem Ozean. Corvo - die kleinste Insel des Archipels und der kleinste Bezirk Portugals, ist nur siebzehn Quadratkilometer groß. "Immer mit der Ruhe", ruft Manuel Rita seinen Pensionsgästen vom Kai aus zu, als wir aus dem schaukelnden Boot stolpern. Wir sind die Einzigen mit Koffern. Alle anderen Besucher bleiben nur einen Tag. Die Menschen am Anlegekai beäugen uns aufmerksam. "Corvinos sind stur", meint Manuel. "Doch wenn einer länger als zwei Tage bleibt, fangen sie an, sich zu interessieren."

Manuel ist unser Wirt, Gemütsmensch und hat die Ruhe weg. Auch er spricht Englisch dank vieler Jahre in Neuengland. 1987 kam er an seinen Geburtsort zurück, bestimmte acht Jahre die Geschicke der Insel als Bürgermeister und baute ein Gästehaus, das einzig komfortable auf Corvo. Doch bevor er uns hinfährt, macht er eine Rundfahrt zu den alten Windmühlen am Meer, dem Badestrand, dem Flughafen und dem Rathaus. "Jetzt kennt ihr fast alles", sagt er grinsend.

Auf Corvo gibt es kein Hotel, kein Kino, keine Fast-Food-Kette, keine Shoppingmeile und keine Ampel. Vila Nova do Corvo ist die einzige Siedlung. 425 Einwohner leben in ihr. Die einzige Straße führt zum einzigen Vulkan, der zu den beeindruckendsten des ganzen Archipels zählt. Die 1300 Kühe, die auf den Inselweiden grasen sollen, hatten wir bei den Wanderungen vergeblich gesucht. Jetzt sehen wir sie im weit geöffneten Krater, der einen Umfang von 6,5 Kilometern misst. Kühe sind Corvos Hauptgeschäft, das zweitwichtigste ist Käse.

Eile ist auf der Insel unbekannt. Nachts ist es so still, dass die Wellen und das "aua-aua" der Cagarros zu hören sind, der nachtaktiven Sturmtaucher, die mit dem Albatros verwandt sind. Die Vogelwelt lockte seit langem Ornithologen an. Erst kürzlich entdeckten sie Exemplare der Aztekenmöwe, des Gelbschnabelkuckucks und des Indigofinken, durch Hurrikans abgedriftete Zugvögel, die mitten im Atlantik einen rettenden Platz zum Ausruhen fanden. Jetzt ergründen die Forscher auf Corvo die Auswirkungen des Klimawandels und der Zunahme von Stürmen für Zugvögel.

Abends gehen wir zum Meer. Wie wir kommt jeden Abend ein alter Einheimischer an die Steilküste. Er setzt sich vor eine der ausgedienten Mühlen, raucht eine Zigarette und blickt lange nach Westen. Dorthin, wo die Sonne untergeht und wo Amerika liegt. Und vielleicht fragt er sich auch, wann die Inseln dort wohl ankommen.

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