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Bad Waldsee : Windeln waschen in voller Fahrt

10.06.2012 00:00 Uhrvon
Veteranen unter sich. Erwin Hymer präsentiert vor seinem Museum für mobiles Reisen in Bad Waldsee einen Fiat 500 mit Wohnanhänger der Marke Laika.Bild vergrößern
Veteranen unter sich. Erwin Hymer präsentiert vor seinem Museum für mobiles Reisen in Bad Waldsee einen Fiat 500 mit Wohnanhänger der Marke Laika. - Foto: Stefan Puchner dpa

Mit dem „Dethleffs“ 1931 fing es an: Im Hymer-Museum von Bad Waldsee wird das mobile Reisen auf vier Rädern präsentiert.

Gleich neben dem Eingang steht eine überdimensionierte Keksdose. Sie steht auf kleinen Rädern, sie hat eine schmale Tür und ein Fensterchen mit weinroten Vorhängen. Gut, das Gefährt erinnert tatsächlich an eine Keksdose, aber der Vergleich ist natürlich unfair. Die Menschen, die es 1931 gebaut haben, waren natürlich verdammt stolz darauf. Auch wenn es nur 4,38 Meter lang, 1,66 Meter breit und 2,05 Meter hoch ist. Es ist immerhin der erste Wohnwagen Deutschlands, ein Dethleffs, gezogen von einem PS-schwachen Auto – damals eine fast revolutionäre Erscheinung auf den Straßen. Es ist allerdings nur eines von vielen originellen Exemplaren, die als Beispiele mobilen Reisens im neuen Erwin-Hymer-Museum in Bad Waldsee versammelt sind.

Zugegeben, der Dethleffs ist nicht das Original. Das hat die Jahre nicht überstanden. 1974 wurde ein Duplikat detailgetreu nachgebaut, das weltweit einzige Exemplar, das es von diesem Dethleffs gibt. Der legendäre Oldtimer ist jedoch eines der Prunkstücke des Museums in Oberschwaben.

Den Namen Hymer kennt fast jeder, der sich auf Straßen bewegt, dazu muss man kein Wohnmobil-Enthusiast sein. Hymer produziert Wohnmobile in nahezu allen Größen und Preisklassen. Erwin Hymer hat dieses Unternehmen aufgebaut. Und er hatte einen Traum: Er wollte ein Museum bauen, in dem die Geschichte des Wohnmobils kompakt dargestellt wird. Seit Ende 2011 steht es, nur wenige Meter neben seiner Produktionsstätte.

Der Klotz im Industriegebiet von Bad Waldsee mit voluminöser Eingangshalle, Cafeteria, Shop und Kinderspielplatz ist nicht bloß ein Museum mit spannenden, teilweise ulkigen Exponaten. Es ist eine Art Themenpark, geografisch gegliedert, für Schulklassen und Familien gut aufbereitet. Sogar eine Museumspädagogin ist angestellt. „Erleben Sie auf den Routen unserer Traumstraße die ganze Welt des mobilen Reisens“, heißt das Motto des Museums.

Ein Rundgang symbolisiert diese „Traumstraße“. Sie führt von den Anfängen des Wohnmobils zu den großen rollenden Wohnzimmern heutiger Zeit. Diese Straße führt auch durch alle möglichen Gegenden der Welt, in denen sich Wohnmobile vorzugsweise bewegen. Die Alpen, Italien, Nordafrika, Indien auch, Nordamerika und Skandinavien sowieso. Ein paar Schautafeln allein tun’s schon lange nicht mehr. Die Atmosphäre des Wilden Westens der USA spürt man in einem riesigen Zelt, ausgestattet mit Pferdesätteln und Kopfschmuck von Indianern. Wer den Abschnitt Italien erreicht hat, tritt in ein Sommerhäuschen, spürt Urlaubsatmosphäre an einem Strand mit Liegestühlen und Luftmatratzen, berieselt von Meeresrauschen aus unsichtbaren Boxen. Frühere Indien-Freaks werden in einer abrupten Zeitreise in ihre Jugend zurückgesetzt, wenn sie im Indien-Zelt plötzlich vor einem der legendären ausgebauten VW-Bullis mit Pop-Art-Anstrich stehen. Dazu dröhnt harte Rockmusik.

Zelte, Meeresrauschen, indische Tücher – das alles bildet die Kulisse für den Kern der Ausstellung, die eigentlichen Exponate. Und die faszinieren nicht allein Besucher, die beim Reisen gern das eigene Bett transportieren. Zu sehen gibt’s auch Kurioses. Die Wanne am Dethleffs Baujahr 1931 etwa, die an der Tür eingelassen ist. Eine Wanne? Nun, Familien mit Kleinkindern konnten dort auf großer Fahrt die gebrauchten Windeln deponieren. Einen halben Tag lagen die dann im Wasser und wurden während der Fahrt kräftig durchgeschüttelt. Am Ziel wurde die anrüchige Fracht nur noch kräftig ausgespült. Waschtage der besonderen Art.

Der „Dethleffs Tourist“, ein paar Jahre jünger als der Nachbar, drei Schlafplätze, zulässiges Gesamtgewicht 600 Kilogramm, damals 2160 Reichsmark teuer, hat eine Schublade. Wer sie aufzieht, voilà, blickt in eine Waschschüssel. Und damit sich niemand eine Beule am niedrigen Dach holte, konnte man das Verdeck anheben. Gezogen wurde das rollende Schlafzimmer von einem Praga Piccolo, Baujahr 1929, hergestellt in der damaligen Tschechoslowakei.

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