Bahnreisen : Afrika im Schneckenstil

Die luxuriöse Bahnfahrt durch fünf Länder verändert gewohnte Sichtweisen und bildet auch das Herz.

Elisabeth Binder
Afrika
Auf der Victoria-Falls-Brücke. -Foto: Rovos Trail

An diesem Sonnabend kostet der Eintritt zu den Victoria-Fällen drei Trillionen Simbabwe-Dollar für Einheimische. Ausländer kommen mit zwanzig US-Dollar aus. Die Passagiere von Rovos Rail, die soeben über einen roten Teppich den Zug verlassen haben, werden durchgewinkt. Für sie ist alles schon vorab erledigt worden. „The Most Luxurious Train in the World“ ist das Motto, und das beinhaltet nicht nur exquisites Essen und erlesene Weine. Luxus, das bedeutet hier zum Beispiel auch, dass schwierige Grenzpassagen so vorbereitet sind, dass die Gäste von den Tücken nichts mitbekommen. Dass sie durch ein Land wie Simbabwe mit dem Gefühl fahren, schon lange nicht mehr so gut umsorgt worden zu sein. Dabei machen die Reiseleiter kein Hehl daraus, wie sehr die Menschen leiden, die längs der Bahnstrecke zu sehen sind und in ihren Läden praktisch nichts mehr einkaufen können.

Auf dem Zug, der von einer 3600-PS- starken, rot-gelb-grünen Lokomotive gezogen wird, sind 56 Passagiere aus dem deutschsprachigen Raum. Sie sind die ersten, die den rund 6000 Kilometer langen Weg von Kapstadt nach Daressalam mit deutschsprachiger Reiseleitung erleben. Eine Premiere, fünf Länder in zwei Wochen, Südafrika, Botsuana, Simbabwe, Sambia und schließlich Tansania. Unterbrochen wird die Fahrt von zwei Safaris, einmal im Madikwe-Wildreservat im nördlichen Südafrika und einmal auf dem Chobe-Fluss in Botsuana. Es ist unausweichlich, dass man auf einer solchen Reise mit extremen Kontrasten konfrontiert wird und sich letztlich mit der eigenen Lebenswirklichkeit auseinandersetzen muss. Hinzu kommen unendlich viele neue Eindrücke und Bilder. Es ist eine Bildungsreise an die Wiege der Menschheit, die man wie eine Schnecke mit eigenem Haus absolvieren kann.

Die Abteile der alten, sorgfältig restaurierten Waggons, auf denen „The Pride of Africa“ steht, sind unglaublich gemütlich. Es gibt sie in drei Größen, mit 7, 11 oder 16 Quadratmetern. Alle haben eine eigene, schön verglaste Dusche, eine Toilette mit hölzernem Sitz, außerdem ein Waschbecken mit kleinem Spiegelschrank drüber. Es gibt eine Klimaanlage, Bademäntel, einen Schreibtisch über einem kleinen Kühlschrank, der nach Bedarf aufgefüllt wird – auch mit den feinen südafrikanischen Weinen –, und es gibt die Betten mit den kuscheligen weißen Kissen, die abends immer wieder anders drapiert werden von Chantell, der Hostess dieses Waggons. Auch Wasserkocher mit Teebeuteln und schottische Kekse stellt sie bereit, falls man schon vor dem Frühstück Appetit bekommt. Was immer man macht oder sagt, die häufigsten Antworten des hoch motivierten Zugteams sind „Es ist uns ein Vergnügen“ oder schlicht „Danke“.

Als die Gruppe in Kapstadt einsteigt, ist Chantell überrascht: Noch nie haben die Passagiere so wenig Gepäck mitgebracht wie diese Deutschen. Die meisten bringen nur einen Koffer und etwas Handgepäck pro Person. Normalerweise gelten auf dem Zug strenge Dresscodes, das Dinner wird im Smoking und im Abendkleid eingenommen. Der Berliner Veranstalter Lernidee hat die Vorschriften ganz bewusst gelockert. Man soll zwar nicht eben in Shorts in die eleganten viktorianischen Speisewagen kommen, aber mittags reicht sportlich-legere, abends normal elegante Kleidung völlig aus. Erst im Laufe der Fahrt wird einem klar, dass es dabei nicht nur um Äußeres geht. Besonders britische Gäste zelebrieren auf den Zügen offenbar gern auch mal die koloniale Vergangenheit. Für die deutschen Gäste gibt es viele Vorträge im Salonwagen, die Geschichte und gegenwärtige Situation der durchfahrenen Länder von verschiedenen Seiten aus beleuchten. Die meisten sind ganz froh, sich nicht herausputzen zu müssen, sondern sich ganz auf die Er-Fahrung Afrikas konzentrieren zu können, von der am Ende fast alle restlos begeistert sind.

Soll man so eine Reise überhaupt machen? Diese Frage kommt auch mal, jenseits von Südafrika, wenn man mit einem exquisiten Glas Meerlust Pinot Noir im Speisewagen vor dem Springbok-Medaillon sitzt und draußen Kinder mit durchlöcherten Kleidern sieht. Allerdings würde man zu Hause beim Wein an diese Kinder überhaupt nicht denken. Sich Kontrasten auszusetzen, bildet auf jeden Fall mehr, als sie ganz zu vermeiden.

Die Reisenden sehen freilich keineswegs nur traurige afrikanische Kinder. Man sieht unglaublich viele fröhliche Jungs und Mädchen, hunderte, tausende, die plötzlich an der Böschung auftauchen und ausgelassen winken und hüpfen und hinterherwetzen wie künftige Olympiasieger, mit staubgrauen Füßen barfuß über den Schotter. Hübsche kleine Mädchen mit weißen Puffärmelkleidern, auch eisenbahnverrückte Jungs, die lachen und jubeln und sich immer wieder zu Boden werfen, um das Ohr auf die Gleise zu legen. Aus den Vorträgen wissen die Reisenden, dass viele dieser Kinder nicht alt werden. Wegen der hohen Aidsrate liegt die Lebenserwartung unter 40 Jahren. Trotzdem sind sie in der Lage, sich ausgelassen zu freuen, vielleicht auch, weil sie statt gnadenlosem Leistungsdruck viel menschliche Wärme erfahren.

Längst nicht alle betteln. Einmal kommt abends eine Gruppe von Kindern hinten an den offenen Aussichtswagen. Es entwickelt sich ein Frage-Antwort-Spiel: „Wie geht’s euch?“ „Wie heißt ihr?“ Schließlich fangen die Kinder an zu singen. „Singt doch mal eure Hymne“, schlägt jemand vor. Der Chor der Kinder klingt wunderschön. „Jetzt müssen wir aber auch was singen“, sagt der nette Ingenieur. Also unsere Hymne. Nur die Zeile „Blüh im Glanze dieses Glückes“ fällt keinem mehr ein. Liegt vielleicht am Wein. Die Kinder applaudieren trotzdem und lachen. Es fühlt sich besser an, für sie zu singen, als ihnen die Betthupferl zuzuwerfen.

Die meisten Passagiere, darunter einige Ärzte, Ingenieure, pensionierte Lehrerinnen, aber auch Werkstattbesitzer, Autohändler und andere Unternehmer, auch solche, die nicht Englisch sprechen, weil sie zum Beispiel in den neuen Bundesländern mit Russisch groß geworden sind, genießen diese gut gepolsterte Er-Fahrung von Afrika sehr bewusst, auch nachdenklich.

Einzelne Ausnahmen gibt es aber auch. Eine Frau mit einem gefährlich gleißenden Geschmeide beklagt sich von der ersten Sekunde an über so ziemlich alles und sieht von Kapstadt bis Daressalam „nur Gestrüpp“. Auf dem Zug durch Schottland werde einem viel mehr Landschaft geboten, sagt sie. So sei es doch langweilig. Und dann sind da noch die beiden Männer, die manchmal auf Radau aus sind. Obwohl das Land trocken ist wie Zunder, sitzen sie im offenen Aussichtswagen und schnippen Glut nach draußen. Einfach nur, weil in der Ausschreibung stand, man dürfe dort rauchen, und sie keine Lust haben, im geschlossenen Rauchersalon zu sitzen, wo auch Cognac serviert wird. Irgendwann explodieren andere Passagiere, darunter ein renommierter Brandschutzexperte. Das ruft Reiseleiter Andreas Lappe auf den Plan, er muss Einzelgespräche führen. Zwar hat er nicht die Vollmachten eines Kapitäns zur See, aber zum Glück ein hohes Maß an natürlicher Autorität, die noch gewachsen ist seit seinem Vortrag. Da hat er über seine Reise vor 17 Jahren berichtet: mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Kapstadt durch den ganzen afrikanischen Kontinent mit 50 Kilo Gepäck und zwei kurzen Pausen, um Malaria und Hepatitis zu kurieren. Einmal wäre er fast verdurstet.

Viele Passagiere beginnen instinktiv, sparsam mit dem Duschwasser umzugehen bei der Durchfahrt durch Gebiete, in denen Menschen sich schlechterdings nicht vorstellen können, dass man etwas so Kostbares wie Wasser zum Spülen einer Toilette verwenden könnte. Es gibt jedoch, wie die ebenfalls Deutsch sprechende Zugmanagerin Mart erzählt, auf solchen Trips immer wieder auch Gäste, die kein Problem damit haben, wie zu Hause eine halbe Stunde lang zu duschen. Im Zug ist schließlich alles inklusive und schon bezahlt. Dann kann das Wasser, das spätestens alle drei Tage aufgetankt wird, auch mal knapp werden. Jeder Waggon hat drei Tanks mit jeweils 1800 Litern.

Wie man hier am besten mit Wasser umgeht, kann man von den Elefanten im Madikwe-Park lernen, beim ersten Safaristopp. Jeden Mittag kurz nach zwölf traben sie gemächlich heran zum Wasserloch hinter der Tau-Lodge. Vorneweg die Kühe mit ihren Jungen, dann die Älteren, zum Schluss die mächtigen Bullen. Sie saufen, planschen ein bisschen, bedecken ihre dicke Haut mit Schlamm, der vor Sonnenbrand schützt. Die kleinen Elefanten spritzen zwar vergnügt etwas Wasser in Richtung der Gästeterrassen, aber sie aasen nicht damit. Nach zehn bis fünfzehn Minuten ziehen sie weiter, schließlich wollen die Giraffen ja auch noch ans Wasser, ebenso die Büffel, die Gnus, die Zebras und die Antilopen.

Genügsamkeit als Lebensprinzip ist verbreitet. Vera und Inge, die beide in Südafrika leben und ebenfalls als Reiseleiterinnen im Zug sind, erzählen davon in ihren Vorträgen. Rings um den Äquator konnten die Menschen schon zu Urzeiten das ganze Jahr über ernten. Immer wuchs Hirse, waren Feigen oder Mangos da. Deshalb kümmerten sie sich nie um Vorräte. Noch heute verzichten sie auf alles Überflüssige, das ist Teil der Kultur.

In vielen kleinen Siedlungen am Rande der Bahnlinie teilen sich die Familien Land, Ernte und Vieh. Wenn sie Holz brauchen, setzen sie das Buschland in Brand, weil sich die Bäume dann besser fällen lassen. Auch deshalb sieht man immer wieder Flammenketten in der Ferne, manchmal auch ganz nah. Die Menschen, die von hier aus nach Norden zogen, lernten, Vorräte anzulegen, Vorsorge zu treffen, entwickelten Leistungsdenken und Stress, verloren dieses instinktive Carpe- Diem-Gefühl. Nun kommen die Nachfahren in diesem luxuriösen Zug zurück, um es wiederzufinden.

Was braucht man zum Leben? Was ist Luxus? Auf diesen 6000 Kilometern voller Bilder stellen sich so viele Fragen, dass die mitgebrachten Bücher fast ungelesen auf dem Tisch liegen bleiben. Jenseits der südafrikanischen Grenze wird die Strecke schlecht. Wenn der Zug 50 Stundenkilometer fahren kann, ist er schnell. Meistens fährt er nur 20. Die Strecke ist einspurig, die Gleise werden wenig gewartet. Manchmal hüpft der Zug wie eine Postkutsche. Viele Passagiere werden nachts wach, wenn er hält, weil dann das Ruckeln fehlt. Beruhigend, dass der deutsche Bordarzt Orthopäde ist – und trotzdem nichts zu tun bekommt.

Tagelang gehen die Blicke immer wieder über das weite, weite Land, die Trockensavanne, das Gebirge, die kahlen Verschlingungen der Affenbrotbäume, das erste junge kraftvolle Frühlingsgrün, die vielen verschiedenen Akazien, die Flammen- und Jacarandabäume kurz vor der Blüte, die roten Blätter der Raffiapalmen, die Dornbüsche, in denen die Abendsonne glüht, die Sträucher und Gräser, die den Elefanten Nahrung bieten, die Rundhütten, die manchmal schon eckigen Häusern weichen. Die Handys haben keinen Empfang mehr, Zeitungen und Fernseher gibt es sowieso nicht. Man vergisst die Welt zu Hause und kann sich ganz einlassen auf die Naturerfahrung: die Sonne, die in der Dämmerung zu einer roten Kugel wird und nicht untergeht, sondern langsam in den Himmel hinein verblasst. Nachts ist die Milchstraße ganz nah.

Die Rollläden vor den Gangfenstern des Zuges sind überwiegend geschlossen, man will nicht provozieren. „Wenn wir nach Norden fahren“, sagt Zugmanagerin Mart, „nehmen wir schon in Pretoria alles an Bord.“ Die Stiefmütterchenblüten etwa, mit denen sie die Tabletts mit Lachs- und Wachtelei-Canapés verzieren, die es zum Aperitif ab 18 Uhr gibt, lagern in Kühlschränken. Am Ende der Speisewagen gibt es Lagerräume, in denen sich die Flaschen bis zur Decke stapeln, der prickelnde Villiera Tradition Cuvée vom Estate Paarl, der Vergelegen Sauvignon Blanc, der nach Feigen und Johannisbeeren schmeckt, oder der köstliche dunkelbeerige 2005er Rustenberg John X Merriman von Stellenbosch. Der Betreiber Rohan Vos muss exzellente Beziehungen zu den Winzern haben, um Weine dieser Qualität „all inclusive“ anbieten zu können. Vielleicht gibt es deshalb zum Frühstück neben Litschis, Melonen, Müsli und Aufschnitt immer die großen Fischplatten mit Rollmops und allerlei geräuchertem Fisch.

Was ist Luxus? Menschen, die sich einfühlen, sind Luxus. Chantell ist Luxus, wenn sie im Ton einer Nanny, deren Schutzbefohlene sehr gegen ihre innere Überzeugung in wilden Gegenden waren, nach der Safari sagt: „Es ist wirklich gut, Sie wieder im Zug zu haben.“ Jedes Mal bei der Rückkehr von einem Ausflug steht das Team aufgereiht auf dem Bahnsteig und hält den Gästen Tabletts mit Sekt und Orangensaft entgegen.

Auf manchen Häusern entlang der Strecke gibt es bereits Satellitenschüsseln, und hinten im offenen Aussichtswagen diskutieren die Reisenden darüber, wie lange die Menschen hier bleiben, wenn sie übers Fernsehen mitbekommen, wie die Europäer leben. Dort, wo es keine Satellitenschüsseln gibt, scheinen die Leute freundlicher zu sein. Manchmal reichen Sekunden, um eine Beziehung zu einem Fremden aufzubauen. Der stolze Streckenwärter, der kurz hinter Bulawayo in Simbabwe eine Weiche umstellt, hat sich zu Ehren des Zuges ein weißes Hemd, ein schwarzes Jackett und eine schwarze Krawatte angezogen. Lachend winkt er mit dem Walkie-Talkie. Fast alle winken sie längs der Gleise, die schönen hoch gewachsenen Frauen mit den leuchtenden Gewändern, dem würdevollen Gang und den Wassereimern auf dem Kopf, die hüpfenden Kinder, die Männer.

Die Bahnlinie ist so eine Art sozialer Mittelpunkt. An ihr orientieren sich Märkte, Siedlungen, staubige Pfade. Auch aus den überfüllten Regelzügen heraus winken die Menschen. Sie winken in eine fremde Welt hinein, und die Rovos-Passagiere winken zurück, bis ihnen fast die Arme abfallen. Mehr kann man zunächst einmal nicht machen. Aber winken kann ja auch ein Anfang sein.

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