Bayern : Das ist der Gipfel

Im Bayerischen Wald lässt es sich bequem wandern. Doch wer will, kann auch acht Tausender an nur einem Tag angehen.

Johanna Stöckl
Geschafft! Als Krönung der Tour gilt das Erreichen des Gipfelkreuzes auf dem Großen Arber, immerhin 1456 Meter hoch.
Geschafft! Als Krönung der Tour gilt das Erreichen des Gipfelkreuzes auf dem Großen Arber, immerhin 1456 Meter hoch.Foto: Johanna Stöckl

Abschreckend und faszinierend zugleich. Auf dem Bergkamm ragen – wie in einem Gemälde von Salvador Dali verewigt – bizarre Baumgerippe in den strahlend blauen Sommerhimmel. Ausgetrocknet, leblos, für immer abgestorben. Tot.

Am Boden des Waldfriedhofes jedoch wimmelt es von Leben. Käfer krabbeln mit Ameisen geschäftig um die Wette. Während sich eine Singdrossel fröhlich tirilierend auf einem Zwerg-Vogelbeerbaum niederlässt und sich die grellroten Früchte einverleibt, sonnt sich eine Mauereidechse genüsslich neben einer kleinen Birke auf einem Stein. Auf der Wanderung durch die surreale Landschaft hält Guide Karin Fischer regelmäßig an, um pralle, saftig süße Heidelbeeren zu pflücken. Die Sträucher überwuchern nebst grünem Farn das unwirklich anmutende Terrain.

Schließlich klärt uns die 40-jährige Wandersfrau auf: „Als 2010 Orkan Kyrill in Bayern mehr als sechs Millionen Bäume umlegte, erwischte es auch die Wälder rund um Bodenmais schlimm.“ Allein im Bayerischen Wald hat der Sturm in Windeseile bis zu 100 Meter breite Schneisen der Verwüstung hinterlassen.

In Zahlen ausgedrückt: 3,8 Millionen Festmeter Bruchholz. Es war nicht der erste Orkan, der über den Bayerwald hinwegfegte. 1999 wütete bereits „Lothar“ in der Region. Am schlimmsten aber war Sturmtief „Wiebke“. 1990 hinterließ der Hurrikan unvorstellbare 23 Millionen Festmeter sogenannten Windwurf.

Der Borkenkäfer verpasst dem Wald eine Verjüngungskur

Bruchholz, dessen man beim besten Willen nicht mehr Herr werden konnte. Und so blieben ganz zur Freude des Borkenkäfers vielerorts unzählige Baumstämme liegen. Der Forstschädling fand auf den geknickten Nadelbäumen optimale Brutbedingungen vor, breitete sich daher rasend schnell aus und befiel auch gesunde Bäume.

Auch wenn es auf den ersten Blick anders aussah: Tot ist der Wald nicht. Im Gegenteil, der Borkenkäfer verpasst ihm streng genommen sogar eine Verjüngungskur. „Das morsche Holz und die abgebröckelte Rinde düngen die folgende Waldgeneration“, erklärt Karin und fährt fort, „bis sich der Wald erneuert hat, wird es allerdings 100 bis 200 Jahre dauern.“

Als uns bewusst wird, dass wir nicht durch einen von Menschenhand streng geordneten Nutz-, sondern verwilderten Urwald streifen, der sich selbst überlassen ist, erscheinen uns die Fichtenleichen und vermoderten Baumstämme, die sich im Lauf der Zeit zu Mulch verwandeln werden, nicht mehr wie himmelschreiende Mahnmale der Natur. Jetzt wirken sie gar sympathisch, die Holzgerippe und wir respektieren sie als Teil eines großen, vielfältigen ökologischen Labors.

Die Baumgerippe sehen wie Kunstwerke aus

Außerdem geben sie ein tolles Fotomotiv ab. „Ihr müsst auch mal im Winter kommen, dann wandern wir hier mit Schneeschuhen. Ihr werdet es lieben“, verspricht Karin. Kommen nämlich Schneefall, Wind und Frost zusammen, bilden sich an den abgestorbenen Baumpfählen lange, teils windschiefe Schnee- und Eisbärte. „Die filigranen Kunstwerke sehen richtig abgefahren aus.“

Ganze neun Stunden haben wir heute auf der Wanderung Zeit, die Urwüchsigkeit der Landschaft zu genießen und dabei den Wald nicht als Zustand, sondern als einen Prozess zu begreifen. Das radikale Sterben hat langfristig gesehen also seinen Sinn. Was wir von unserem Vorhaben nur bedingt behaupten können. Sinn ergibt das Meilenfressen kaum, aber große Freude. Eine veritable Wanderherausforderung hat uns nämlich hierher gelockt.

Rund um Bodenmais, der 3000-Seelen-Marktgemeinde am südwestlichen Fuß des Großen Arbers gelegen, reihen sich zahlreiche Mittelgebirgsgipfel mit einer Höhe knapp über 1000 Meter aneinander. Da die sanft ansteigenden, gut markierten Wege auf die jeweils höchsten Punkte keinerlei technische oder gar alpinistische Herausforderung darstellen, sind sie wunderbar für jene, die es im Urlaub sanft und gemächlich mögen: Genusswanderer, Naturliebhaber und Bergflaneure.

Acht dieser Gipfel kann man, etwas Kondition und Motivation vorausgesetzt, an einem Tag vom Berggasthof Eck aus am Stück abhaken: Mühlriegel (1080 Meter), Ödriegel, Waldwiesenmarterl, Schwarzeck, Heugstatt, Enzian, Kleiner Arber und Großer Arber.

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