Reise : Begegnung mit der verlorenen Zeit

Die Abgeschiedenheit des Friaul nahe Slowenien beschert viel Unbekanntes. Eine Wanderung durch die Natisone-Täler

Gerhard Fitzthum
Stilles Friaul. Von Cividale am Fluss Natisone aus blickt man in das Hügelland der bereits slowenischsprachigen Benecia. Foto: Gerhard Fitzthum
Stilles Friaul. Von Cividale am Fluss Natisone aus blickt man in das Hügelland der bereits slowenischsprachigen Benecia. Foto:...

Kaum zu glauben – die Bar ist wirklich offen! Fast zwei Stunden sind wir durch einen verwilderten Laubwald aufgestiegen, in dem uns kein Mensch begegnete. Auch das geflickte Teersträßchen, das unser Saumpfad mehrfach querte, schien ins Nichts zu führen. Hoffnungen auf eine intakte Cappuccino-Maschine macht man sich da nicht mehr.

Die Wirtin sieht fast erschrocken aus, als zwei verschwitzte Rucksackträger in ihr kleines Reich stolpern. „Raro“, selten, antwortet die schmächtige alte Frau auf unsere Frage, ob denn auch andere Touristen den Weg nach Mersino finden. Natürlich rechne sich die Bar schon lange nicht mehr: „Früher hatten wir hier 600 Einwohner – auf neun Weiler verteilt. Heute sind wir noch 60. Insgesamt.“

Wir setzen uns nach draußen – auf die schwindsüchtige Plastikbank unter der Bierreklame. Ein Pinscher jault nebenan verängstigt in seiner Hütte, vor dem unbewohnten Nachbarhaus spaltet ein alter Mann Holz. Angesichts der Traumlage ist die Verlassenheit des Dörfchens schier unbegreiflich. Schließlich sonnt sich Mersino an einem Südhang.

Der Blick fällt in ein tief eingeschnittenes Tal, in der Ferne glänzt der Horizont. Die nahe Adria? Vielleicht. Realität und Fantasie sind an einem derart aus der Zeit gefallenen Ort kaum zu trennen. Noch schwieriger ist es, sich wieder aufzuraffen. Bis zu unserem Tagesziel, dem Rifugio Pelizzo, fehlen aber noch satte 750 Höhenmeter. Mit dem Feldstecher haben wir die Hütte schon entdeckt, kurz unterhalb des Monte Matajur-Gipfels. Bei weitem überragt er die anderen Erhebungen der Benecia, wie die Natisone-Täler im lokalen Dialekt genannt werden.

Dass es uns in den wilden Osten Italiens verschlagen hat, verdanken wir einem Wanderlesebuch. Mit anderen Kärntnern hat der Autor Gerhard Pilgram monatelang die unbekanntesten Ecken Friauls durchstreift, auf der Suche nach spannenden Wanderwegen. „Spannend“ heißt für ihn aber nicht „spektakulär“. Seine Routenvorschläge beziehen sich vor allem auf die alte Kulturlandschaft mit ihren historischen Saumpfaden, verschlafenen Bergdörfchen, urtümlichen Holzscheunen und Streuobstwiesen.

Die Wege beginnen meist im Talgrund, an Parkplätzen oder Bushaltestellen und führen tief in die Seitentäler hinein, aus denen sich der wirtschaftende Mensch mehr und mehr zurückzieht. An Tagestouren weniger interessiert, haben wir uns für den sechstägigen Rundweg durch die Natisone-Täler entschieden, für den Pilgram akribisch genaue Wegbeschreibungen liefert. Den historischen Fußweg aus der Talsohle hinauf nach Mersino haben die Kärntner Aktivisten sogar eigenhändig von Dornen befreit.

Mit den Valli del Natisone sind wir ohne Zweifel in einen der vergessenen Winkel der Alpen geraten. Während anderswo der Fremdenverkehr die nötigen Zusatzeinnahmen brachte, blieb den Bewohnern hier nur die Abwanderung. Die Gegend war einfach nicht spektakulär genug, um Alpinisten und Bergwanderer anzulocken. Auch lag sie für Naturfreunde aus Nordeuropa zu weit entfernt und zudem direkt am Eisernen Vorhang, der Italien von Jugoslawien trennte.

Zu allem Überfluss bebte dann 1976 auch noch die Erde. Einige Kilometer weiter nördlich sanken zahlreiche Dörfer in Schutt und Asche, etwa tausend Menschen starben dort. Zwischen dem Langobardenstädtchen Cividale und der slowenischen Grenze kam man zwar mit Sachschäden davon, aber ein Großteil der Häuser und Ställe war unbewohnbar geworden. Mehr als sechs Monate hausten die Menschen in Baracken und Zelten. Viele verkauften in dieser Zeit Hof und Vieh, die ständigen Nachbeben hatten ihren Beharrungswillen zermürbt.

Natürlich hat der Exodus auch Spuren im Landschaftsbild hinterlassen. Zwar besitzt jedes Dorf und jeder Weiler seinen Straßenanschluss, über die schmalen Asphaltbänder haben sich aber längst die Baumkronen geschlossen. So ragen die roten Dachlandschaften der Siedlungen ohne erkennbare Verbindungen aus dem Wald – wie Inseln der Zivilisation in einem endlosen Ozean aus Chlorophyll. Nur in wenigen Orten werden noch die steilen Obstbaumwiesen gepflegt und freigehalten. Andernorts wächst alles langsam zu, selbst die einstigen Lebensadern des Tals, die gut befestigten Saumpfade, werden zunehmend von Macchia bedrängt.

Zwischen Mersino und den Almen des Matajur war das Freischneiden der Wege allerdings nicht nötig. Die Vegetationsperiode ist hier kürzer und die Natur nicht so maßlos fruchtbar wie weiter unten.

Dass der in sanften Windungen aufsteigende Saumpfad so gut erhalten ist, hat aber noch einen anderen Grund. Wir nähern uns der italienischen Verteidigungslinie aus dem 1. Weltkrieg. Damit man hier schwere Kanonen heraufziehen konnte, wurde eine robuste Trasse gelegt, die unverwüstlich erscheint. Der Matajur gehörte zu den militärischen Schlüsselstellen der Isonzo-Front, einem der blutigsten Schauplätze des „Grande Guerra“, wie die Italiener den Ersten Weltkrieg nennen.

Zwei Stunden später stehen wir auf dem Gipfel und genießen das einmalige Panorama, das Erwin Rommel, Hitlers späterer Feldmarschall, in seinem Kriegstagebuch so präzis wie nüchtern beschrieben hatte. Einsam steht hier eine italienische Kapelle, hinter der man die unsichtbare Grenze zu Slowenien überschreitet. Die Aussicht ist fantastisch: Gegenüber, auf der anderen Seite des 1500 Meter tiefer gelegenen Soca-Tals, reckt sich der Krn (Monte Nero) in den azurblauen Himmel, der südlichste Zweitausender der Ostalpen. Nach Norden schaut man auf die Kette der Karnischen Alpen, nach Westen ins friaulanische Tiefland. Und wer sich nach Süden dreht, ist vollends verzaubert. Die Adria erscheint zum Greifen nah.

Statt Pilgrams Etappenbeschreibung zu folgen, wollen wir noch zum Kolovrat und versuchen deshalb, die Höhe zu halten. Auf dem kahlen Höhenzug wurden die verfallen Stellungen der Italiener restauriert und begehbar gemacht. Aus den ehemaligen Schützengräben spähen wir zum Fluss Isonzo hinunter, der bei den Slowenen Soca heißt. Sein Wasser leuchtet in Türkis.

Am nächsten Tag können wir den opulenten Führer in der Tasche lassen – der italienische Alpenverein CAI hat die Etappe des „Sentiero Italia“ frisch markiert. Sie führt von Tribil di Sopra über einen aussichtsreichen Gratrücken zum Wallfahrtsort Castelmonte, der auf einem weithin sichtbaren Felssporn thront. Im Süden markiert der grüne Graben der Idrija die Grenze zu Slowenien. Dass drüben ein anderes Land liegt, mag man gar nicht glauben, dass die Grenze über Jahrzehnte hermetisch abgeriegelt war, erst recht nicht. Wie künstlich sie war, wissen wir aus Pilgrams Kapitel über die sprachlichen Minderheiten in Friaul: Die Benecia ist immer schon von Slowenen bewohnt, weshalb sie bei den Italienern auch Slavia Veneta heißt.

Auf dem Höhenzug laden Bergwiesen zur Rast ein. Dazwischen geht es durch Waldstücke, in denen kaum ein Baum steht, der nicht von Schlingpflanzen umwuchert wäre. Die Artenvielfalt ist atemberaubend: Von Ahorn, Birke, Hainbuche, Eberesche, Weißdorn, Esskastanie und Mehlbeere ist bis hin zur Flaumeiche alles in bunter Mischung vertreten. Smaragdeidechsen huschen ins Gebüsch, Tümpel sind mit Kammmolchen besetzt, am Himmel kreist ein Milan. Auch das Meer blitzt wieder in der Ferne. Vom Dauerrauschen der Zivilisation, das einen heute selbst in den letzten Winkel der Alpen verfolgt, bleibt man völlig verschont.

Das ändert sich dort, wo wir in die Zielgerade des Bergheiligtums einbiegen. Auf großen Asphaltflächen sind Stände mit Souvenirs und Plastikspielzeug aufgebaut, rundherum kabbeln sich Busse und Autos um Parkplätze – ein merkwürdiger Anblick für jene, die gerade aus der Abgeschiedenheit der Natisone-Täler kommen. Wenige Stunden später ist der Spuk vorbei – die Besucher sind vom „Adlerhorst“ zurückgekehrt und mit ihren motorisierten Gefährten entschwunden.

Plötzlich ist sie wieder da, die Stille, und wir spüren, dass sie nicht einfach nur das Fehlen von Lärm ist, sondern Zeichen von Fülle und Reichtum. „Qui il silenzio fa rumore“, hatte uns unser Gastgeber in Tribil mit auf den Weg gegeben, ein rätselhafter Satz, den wir langsam zu verstehen beginnen: Je länger man der Stille ausgesetzt ist, desto eindringlicher wird ihre Wirkung. Ganz leise öffnet sie die Tür zu jener verlorenen Zeit, der man sonst immer nur nachtrauert.

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