Reise : Benedikt darf nicht bummeln

Im September kommt der Papst nach Erfurt. Fürs Sightseeing hat er leider keine Zeit

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Alles auf Papst im Kirchenladen am Erfurter Domplatz. Foto: Candy Welz/dapd Foto: dapd
Alles auf Papst im Kirchenladen am Erfurter Domplatz. Foto: Candy Welz/dapdFoto: dapd

Der Papst hat nicht viel Zeit. Wenn er vom 22. bis 25. September nach Deutschland kommt, ist sein Terminkalender prall gefüllt. In Thüringen weilt er knapp zwei Tage. In Erfurt übernachtet er immerhin und feiert dort am 24. September auf dem Domplatz eine Messe. Viel sehen wird er von Thüringens Landeshauptstadt wohl nicht. Schade eigentlich, denn Erfurt hat viel zu bieten. Touristen sollten es deshalb anders machen, wenigstens einen kompletten Tag bleiben und sich etwas ausgiebiger umschauen – am besten, wenn nicht gerade Papstbesuch ist.

Erfurt ist mit nur gut 200 000 Einwohnern eine der kleinsten, aber auch eine der schönsten Landeshauptstädte. Morgens um acht ist die Welt noch in Ordnung, in der Altstadt jedenfalls, wo sich am Fischmarkt zahlreiche ansehnliche Bürgerhäuser aneinanderreihen. Am Anger sind bereits etliche Erfurter unterwegs zur Arbeit, der eine oder andere geht über den Domplatz, aber von Hektik ist keine Spur.

Zwei Stunden später ist hier einiges mehr los, an den Marktständen schauen schon Kunden vorbei: Lange Porreestangen liegen neben dicken Möhren, prallem Blumenkohl und riesigen Kartoffeln. Feldgieker und Eichsfelder Stracke gibt es beim Schlachter – Wurstspezialitäten aus dem Norden Thüringens. Die Fleischerei Holzapfel aus Nägelstedt hat auch Blut- und Leberwurst, Eisbein und Sülze im Angebot. Die meisten Standbesitzer kommen aus dem Umland der Landeshauptstadt. Bäcker Vieweg aus Langensalza, Schlachter Gunkel aus Wachstedt. Auch „Thüringer Äpfel“ sind zu haben: saftige Gala, Elise und Cox Orange.

Um elf steigt an einem der Stände Rauch auf: Hier gibt’s original Thüringer Bratwurst, auf dem Rost liegen bestimmt 30 Stück. Absatzschwierigkeiten sind offenbar nicht zu erwarten. Die Vormittagssonne ist inzwischen angenehm warm, der Himmel blau.

Erfurts Domplatz wirkt so überdimensioniert, als sei den Stadtplanern am Zeichentisch der Stift verrutscht. Die Domtreppen sind erstaunlich breit. Wer sie hinaufschreitet, gelangt geradewegs zum Café am Dom. Würzige Soljanka gibt es dort und Bratwurst mit Sauerkraut. Gäste können sich mit einem Kissen auf die Stufen setzen und mit Blick auf die Marktstände schlemmen.

Der Mariendom ist so riesig, dass er sonntags nicht schnell voll wird. Das erste Bistum geht auf das Jahr 742 zurück. Den Papst zieht es gleich nach seiner Ankunft in Erfurt am 23. September in den Dom. Am 24. gibt es auf dem Domplatz eine Eucharistiefeier – allerdings schon keine Einlasskarten mehr. Die Alternative sei Public Viewing im Stadion der Stadt Erfurt, sagt Mandy Neumann von Thüringen Tourismus.

Genau wie das katholische Eichsfeld im Nordwesten Thüringens, das der Papst ebenfalls besucht, gehörte Erfurt lange zum Bistum Mainz. Seit 1994 ist es selbst wieder Bischofssitz. Christen sind in Thüringen eine Minderheit und Katholiken erst recht. Im Bistum Erfurt gibt es gut 154 000 Katholiken, davon etwa 83 000 in Eichsfeld.

Der Dom wirkt auch von innen groß, der Altaraufsatz monumental. Einige Fenster aus dem Spätmittelalter sind 18 Meter hoch, an einer der Seitenwände gibt es ein überdimensionales Bild des heiligen Christophorus. Als ungewöhnlich gilt der Wolfram-Leuchter aus der Romanik um 1160, eine menschliche Figur, deren erhobene Arme zwei Kerzen halten, erklärt Domführer Matthias Schmitt. Auch eine Madonnen-Darstellung aus dieser Zeit ist erhalten.

Mittags um eins wird im Gasthaus „Zum güldenen Rade“ aufgetischt. Ein goldenes Rad als Hauszeichen ist noch heute an der Altstadtfassade zu sehen – es diente in Zeiten, als kaum jemand lesen konnte, der besseren Orientierung. Die Frontseite sieht besser aus denn je und ist aufwendig restauriert worden. Das Gebäude rechts daneben wirkt dadurch umso grauer, und der Putz bröckelt noch sichtbarer. Im Haus „Zum güldenen Rade“ wird Schwarzbier ausgeschenkt – und es gibt Klöße, eine der Thüringer Spezialitäten schlechthin, mit Roulade und Rotkohl zum Beispiel.

Um halb drei stoppt Stadtführerin Gudrun Ahr vor dem Collegium Maius, einem der ältesten Häuser der Stadt: „Es ist das ehemalige Hauptgebäude der Universität, die 1392 gegründet wurde und damit eine der ältesten im deutschsprachigen Raum war.“ Erfurt hatte einst den Ruf, das Bologna des Nordens zu sein. Die Uni wurde allerdings 1816 von den Preußen geschlossen – und erst 1994 wiedergegründet. „Luther hat in Erfurt Jura studiert“, sagt Gudrun Ahr und ist schon auf dem Weg zum Augustinerkloster, wo er sich als Mönch versuchte. „Hier durch diesen Eingang ist er 1505 ins Kloster gekommen, gemeinsam mit seinen Freunden.“ Verabschiedet hat er sich mit: „Heute seht ihr mich und dann nimmer mehr.“ Erfurt hatte damals drei Bettelorden: Doch vor Dominikanern und Franziskanern gefielen Luther die Augustiner am besten, wegen ihrer strikten Regeltreue und ihres „Studiums fundamentale“ – Luther konnte hier Hebräisch und Griechisch lernen. In Erfurt wurde er zum Priester geweiht, im Augustinerkloster las er seine erste Messe.

Heute gibt es auf dem Klostergelände ein Gästehaus – wer möchte, kann also gleich übernachten. Das wird der Papst nicht tun. Aber er besucht das Kloster, in dem Luther bis 1511 gelebt hat, um in dem heute evangelischen Kloster einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern.

Keine Zeit wird Benedikt XVI. für einen Bummel über die Krämerbrücke haben, dabei zeigt sich Erfurt hier von seiner besten Seite: Im 14. Jahrhundert wurde sie aus Stein errichtet, 32 kleine Häuser gibt es auf ihr. Am späten Nachmittag sind hier noch immer viele Erfurter und Besucher der Stadt unterwegs. Denn auf der Brücke reihen sich nette kleine Läden und Geschäfte aneinander. Die Krämerbrücke versprüht italienischen Charme – behaupten die Erfurter. Tatsächlich erinnert sie an die Ponte Vecchio in Florenz.

Abends lohnt sich ein Abstecher auf die Zitadelle Petersberg. Von der ehemaligen Festung aus lässt sich die Stadt samt ihrer vielen Kirchen inklusive Dom und Domplatz gut überschauen. Dem Papst würde die Aussicht sicher gefallen, aber für den abendlichen Weg bis hier herauf lässt sein Programm keine Zeit.

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