Er provozierte gerne seine Freunde

Seite 2 von 3
Bergell in der Schweiz : Giacomettis Versteck
von
Alberto Giacomettis "Der Mann, der geht" steht im Bündner Kunstmuseum in Chur.
Alberto Giacomettis "Der Mann, der geht" steht im Bündner Kunstmuseum in Chur.Foto: Franz Lerchenmüller

Hin und wieder blättert er durch Fotos von Alberto und findet jene, die an genau dieser Stelle gemacht wurden. Sie zeigen einen Mann mit buschigen Brauen, ungebändigtem Haarschopf und einem von tiefen Linien gekerbtem Gesicht, von dem etwas Störrisches und zugleich Gütiges ausgeht. Als Chansonnier könnte er durchgehen, oder als Weinbauer.

Wenn er im Dorf war, so erzählt Marco Giacometti, sprach er nie über Surrealismus oder Probleme mit Galeristen, sondern fragte nach dem Holzpreis und dem letzten Hochwasser der Maira. Genauso gerne aber provozierte er seine Freunde und nahm etwa ihre Furcht vor den Russen auf die Schippe.

Mit seinen ausgefallenen Skulpturen konnte fast keiner der Dorfbewohner etwas anfangen. Kunst, das waren die farbenprächtigen Landschaften seines Vaters. Den Menschen Alberto aber, den zerknitterten Kerl, der immer eine Krawatte trug, den mochten sie alle. Hätte allerdings jemand prophezeit, dass sein Bild einmal den Schweizer 100-Franken-Schein zieren würde – laut losgeprustet vor Lachen hätten sie.

In der Ciäsa Granda werden Bilder der Giacomettis gezeigt

Von oben fällt der Blick auf das Dorf Stampa. Von der Shell-Garage am einen bis zur Socar-Tankstelle am anderen Ende leben gerade noch fünfzig Menschen ganzjährig. Das große Patrizierhaus in der Mitte ist die Ciäsa Granda. Das Heimatmuseum versammelt auf vier Etagen Klöppelwerkzeug und Webstühle, eine Käseküche und eine Zuckerbäckerei, eine Hufschmiede und eine der Hütten, in denen Kastanien überm Feuer getrocknet werden – die wesentlichen Einnahmequellen im Bergell. In einem unterirdischen Anbau werden Bilder der Giacomettis gezeigt, sowie Albertos Skulptur „Lotar III“, die zunächst auf seinem Grab stand, aus Angst vor Diebstahl dann aber abmontiert wurde.

Die „Fondazione Centro Giacometti“, der Marco vorsteht, plant, in leerstehenden Ställen alte Räume virtuell wiederherzustellen und in einen multimedialen Rundgang einzubinden. Ein Museumsshop soll entstehen, und ein Dokumentationszentrum. Derzeit entwickelt er eine App namens „Art Walk“, über die vor Ort 22 kurze Filmszenen abzurufen sind. In denen erzählen meist betagte Einheimische, die Alberto noch gekannt haben, von Begegnungen mit ihm. Und der Schauspieler Federico Basso, dem Künstler tatsächlich wie aus dem Gesicht geschnitten, knetet an einer neuen Figur, während er laut über seine Kunst nachdenkt.

Im Januar 1966 kam Alberto zum letzten Mal ins Bergell. Todkrank hatte er es von Paris nur bis Chur geschafft, wo er im Kantonsspital am 11. Januar an Herzversagen starb. Sie brachten ihn in sein Atelier nach Stampa. „Genau hier stand sein Sarg“, sagt David Wille und deutet auf den Flecken mit den Brandstellen. Ein Foto zeigt den Schrein, bedeckt von einem weißen Tuch und Blumenkränzen. Beigesetzt wurde er im Grab der Familie in Borgonovo. Für immer jetzt im Bergell. Das ihm zu eng war. Und das er doch nie lassen konnte.

Die Schweiz präsentiert sich mit ihren Städten und Kantonen auf der ITB in Halle 17

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben