Bergsteigen : Vom Glück der Strapazen

Warum zieht es so viele Menschen in die Berge, ja auf höchste Gipfel? Selbst erfahrene Kletterer haben keine einfache Erklärung.

Walter Schmidt
Geschafft! Angekommen, etwa wie hier auf der 3025 Meter hohen Zehnerspitze der Fanesgruppe in den Dolomiten, ist jede Mühsal des Aufstiegs vergessen.
Geschafft! Angekommen, etwa wie hier auf der 3025 Meter hohen Zehnerspitze der Fanesgruppe in den Dolomiten, ist jede Mühsal des...Foto: imago/Imagebroker

Millionen von Touristen und Bergsportler wollen jedes Jahr hinauf in die Alpen. Allein der Deutsche Alpenverein (DAV), der weltweit größte Bergsteigerverband, hat fast 1,1 Millionen Mitglieder. Jeder neue Skilift und jede zusätzliche Seilbahn erleichtern den einst so mühsamen Anstieg und begünstigen fragwürdige Massenveranstaltungen wie Popkonzerte oder Modenschauen in luftiger Höhe.

Ischgl in Tirol zum Beispiel bezeichnet sich selbst als die „Partyhauptstadt der Alpen“ und lockt Spaß-Sucher so: „Erleben Sie Konzerte und Events der Superlative – mit internationalen Stars … Seien Sie mittendrin, wenn in Ischgl die Party beginnt.“ Im Angebot des fast 1400 Meter hoch gelegenen „Ibiza der Alpen“ sind Modelshows, Schönheits- und Snowboard-Wettbewerbe und vieles mehr.

Schon vor Jahrzehnten, als alles noch ruhiger in den Alpen war, regten deshalb besorgte Naturschützer wie der Publizist und Fotograf Hans Steinbichler an, Berghütten und Zufahrtswege verfallen zu lassen und so „vor den Alpen wieder die Barriere des Schweißes zu errichten“ – so stand es zum Beispiel 1988 im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Wer die Bergwelt genießen wolle, müsse sich körperlich anstrengen. Ein guter Teil der Bergliebhaber ist bereit dazu.

Der Berg ruft

Doch was bloß treibt Menschen in Scharen die Hänge hinauf? Und was zwingt einen kleinen Teil von ihnen sogar hinauf in die Todeszone eisiger Gipfel? Der Bergsteiger, Schauspieler und Regisseur Luis Trenker fand auf diese Fragen eine legendäre Antwort, die er 1938 zum Titel seines Spielfilms über die Erstbesteigung des Matterhorns machte: „Der Berg ruft.“ Doch warum ruft er, und vor allem: wen? Dem Ruf folgen jedenfalls nicht nur Verrückte und Abenteurer.

Der Brite George Mallory, der 1924 beim Versuch umkam, den Mount Everest zu erklimmen, hat einmal geäußert, er klettere auf Berge einfach deshalb, weil sie da seien. Das könnte ein Beweggrund für viele Millionen Erdenbürger sein, „aber die Mehrzahl der Menschen besteigt die Berge eben nicht“, gibt Peter Grupp zu bedenken. Der Bonner Historiker ist selbst Bergsteiger und weiß nur zu gut, dass die Bewunderung für die Besseren der Kraxler vermischt ist mit Unverständnis für ihren Antrieb.

„Man erschauert vor den Risiken und Wagnissen, die herausragende Alpinisten eingehen, versteht ihr Tun aber eigentlich nicht.“ Auch Menschen, die nur ab und zu ihre Bergstiefel schnüren und sich mit Steigeisen, Karabinerhaken und Seilen in den Felswänden nach oben stemmen und ziehen, begleite der Ruf, ziemlich „seltsame Gesellen“ zu sein. Jedenfalls sei es bisher noch keinem Bergsteiger gelungen, einem Flachlandtiroler seine Motive wirklich plausibel zu machen. Dennoch sei ein Versuch gewagt.

Den Göttern ganz nah

Lange bevor die ersten Seilschaften die Gipfel ins Visier nahmen, galten diese als Sitze von Gottheiten – längst nicht nur in Europa. Gebirge seien „als Orte, wo sich Himmel und Erde berühren, von einer religiösen Aura umgeben“, schreibt Grupp in seinem Buch „Faszination Berg“ über das Aufkommen des Alpinismus. Wo Sterbliche nur mühsam hingelangen, muss man den Göttern im Himmel einfach nahe sein. Dies ahnend, hätten sich bereits die Menschen der Stein- und Bronzezeit „für kultische Handlungen in unzugängliche Berggegenden“ zurückgezogen, um ihren Gottheiten möglichst nahe zu sein.

Seit damals residieren die Götter auf den Gipfeln der Erde. Zeus und die anderen Hauptgottheiten der griechischen Mythologie wohnten auf dem fast 3000 Meter hohen Olymp. Die Japaner verehren bis heute den Fudschijama und die australischen Ureinwohner den nicht minder berühmten Uluru (Ayers Rock). Moses empfing von Gott die Zehn Gebote nicht in einem lieblichen Tal, sondern auf dem Berg Sinai.

Mancherorts krallen sich sogar Klöster in die Felswände oder thronen auf Vorsprüngen: Der Berg Athos ist ein Beispiel dafür, aber auch die irische Felseninsel Skellig Michael, auf der ab dem späten 6. Jahrhundert nach Christus Mönche in bienenkorbförmigen Steinhütten hausten, gepeitscht von Wind und Wetter, umtost vom Atlantik. Asketische Einsiedler passten seit jeher gut zum harten Leben auf dem nackten Fels.

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