Bergtour : Tirol: Mit Sepp am Grat

Schneeschuhwandern - das klingt so harmlos. Tiroler Bergführer aber lieben schwierige Wege: ein Abenteuer in Weiß.

Uwe Schlicht
Tirol
Drei Zinnen in den Sextener Dolomiten. Ein unvergleichliches Panorama. -Foto: laif

Sepp kennt seine Welt. Es ist das Gailtal in Osttirol. Viel mehr als dieses Tal und seine Nachbartäler in Osttirol und Südtirol kennt Sepp nicht. Dafür weiß er, wo im Sommer das Edelweiß blüht. Und wie man sich im Winter am sichersten durch meterhohen Schnee zu betörenden Aussichten müht. Sepp treibt nicht nur seine Kühe sommers auf die Hochalmen bei Obertilliach. Als Bergführer versteht er sich auch darauf, Touristen durchs Gelände zu „treiben“. Dass er seinen Anvertrauten einiges abverlangt, ist für ihn nicht ungewöhnlich. Allerdings nimmt er sie nur mit, wenn er ihnen zutraut, auch auf abenteuerlichen Wegen wieder heil zurück ins Tal zu kommen.

In seiner Gruppe probieren sich Urlauber aus, die zwar viele Länder der Welt kennen, Osttirol jedoch noch nicht. Für sie wird es ein ungeahntes Abenteuer, auf Schneeschuhen auf den Golzentipp zu wandern. Das ist jedoch nur der leichtere Teil der achtstündigen Exkursion. Die Herausforderung beginnt erst nach der Rast auf dem 2317 Meter hoch gelegenen Gipfel oberhalb des Gailtals und dem beeindruckenden Rundumblick auf Großvenediger, Großglockner und Hochgall.

Sepp hat den Abstieg als Direttissima vom Gipfel in Falllinie nach Obertilliach gewählt, nachdem er sich vergewissert hatte, dass unsere fünfköpfige Gruppe den Anforderungen gerecht werden könnte. Zwischen dem Gipfel und dem Tal liegen unberührte Hänge im Tiefschnee. Auf diesen Hochalmen wächst im Sommer der bei Feinschmeckern begehrte wilde Schnittlauch, und hier blüht auch das Edelweiß. Jetzt im Winter stapfen fünf Bergwanderer zwischen 30 und 70 Jahren auf Schneeschuhen bergab immer näher auf einen Grat zu, der auf seiner Oberkante nur anderthalb bis zwei Meter breit ist und zu beiden Seiten mehr als 100 Meter steil abfällt. Wenn wir den schmalen Grat nicht genau treffen und wenn wir nicht fest genug auf drei Wochen altem abgelagerten Altschnee und locker darüber liegendem Neuschnee Halt finden, könnten wir abstürzen. Sepp beruhigt uns: „Tief werdet ihr nicht fallen, weil euch die Massen des Neuschnees sanft auffangen und abbremsen werden.“ Den Rest würde er erledigen. Der Rest, das heißt, er müsste den Gestürzten zurück auf den Grat zu befördern.

Doch alle überwinden die gefährlichen Stellen. Die Konzentration ist allerdings irgendwann dahin. Als wir in der Mittagssonne Rast auf der Terrasse einer abgelegenen Almhütte aus 200 Jahren alten Balken machen, lassen wir uns in die entspannende Erschöpfung fallen. Das Schwierigste scheint geschafft. Doch Sepp hat auch für die bevorstehende Waldpassage einige Überraschungen parat: Er stapft nicht auf die ersehnten Waldwege zu, oder, falls er auf sie trifft, kreuzt er sie sofort, um uns erneut mitten durch die dicht stehenden Tannen steil nach unten zu führen. Wer nur eine Sekunde die Schneeschuhe verkantet oder seine Blicke und Gedanken schweifen lässt, rutscht ab und versinkt im Tiefschnee. Wer sich nicht tief genug bückt, dem reißen die Tannen die Mütze vom Kopf und der kalte Pulverschnee rieselt in den Nacken. Als am Abend der Nebel aus den Talwiesen steigt, kehren wir zum Abschiedstrunk in einem Berggasthof ein. Es war ein aufregender Tag, der wohl unvergesslich bleiben wird.

Osttirol ist derzeit in einem Ausnahmewinter. Die Einheimischen müssen Jahre zurückdenken, um sich an vergleichbare Schneemassen zu erinnern, als einige Täler wegen Lawinengefahr gesperrt werden mussten. Schon im November fiel der Schnee und, immer reichlicher, im Dezember. Bei Toblach kann man am Straßenrand sehen, dass die zur Seite geschaufelten Schneemassen drei Meter erreichen. Zwei Tage musste selbst das große Verbindungstal von Ost- nach Südtirol, das Pustertal, wegen Lawinengefahr gesperrt werden, und eine ganze Woche war das Gailtal, die andere große Verbindung von Osttirol nach Kärnten, unpassierbar.

In den Alpen lernt man nie aus. Kein Winter gleicht dem anderen. Es gab schon schneearme Winter, in denen man es wagen konnte, auf das Hochplateau der Drei Zinnen zu steigen oder auf den 2819 Meter hohen Dürrenstein über der Plätzwiese. Das Panorama in der klaren Winterluft ist unvergleichlich: Drei Zinnen und Monte Cristallo in unmittelbarer Nähe, der Kreuzkofel schon weiter entfernt, der zugefrorene Misurinasee liegt im Glanz der südlichen Sonne, und im Norden leuchten die weißen Massive von Hochgall, Großvenediger und Großglockner.

Stille und Einsamkeit sind in Osttirol garantiert. Nur das Knirschen des Schnees im Frost des frühen Morgens und die Gleitgeräusche beim Skating untermalen die Stille. 15 Grad minus in der Nacht und am Tag blauer Himmel und grelle Sonne – das sind die schönsten Stunden. Steigerungen gibt es dennoch: Wenn der Neuschnee alles überdeckt und man schon früh mit der aufgehenden Sonne seines Weges geht, bevor die ersten Spuren von Skiwanderern das weiße Tuch durchschneiden, wird der Winter zum Erlebnis. Dann glitzern die Schneehauben auf Zäunen, Dächern und Tannen. Und auf den Erlen entlang der Bäche hat der Raureif silbern glänzende Kunstwerke modelliert.

Ost- und Südtirol bieten dem Langläufer alles: jeden Tag eine andere Loipe in einem anderen Tal: Hoch über Sexten die Höhenloipe zum Kreuzbergpass, die Grenzlandloipe im Gailtal ist so lang, dass sie nur in Etappen zu bewältigen ist. Ebenso kaum an einem Tag zu bewältigen ist die Loipe von Toblach nach Cortina d’ Ampezzo auf der Trasse der stillgelegten Eisenbahnlinie aus dem Ersten Weltkrieg. 40 Kilometer geht es durch Talengen, vorbei am Drei-Zinnen-Blick über den Dürrensee und nach einem Anstieg durch einen Tunnel und über eine Brücke hoch über dem Abgrund in den Nobelort der italienischen Schickeria. Am schönsten sind bei dem weichen Schnee dieses Jahres die Abfahrten von der Passhöhe Cimabanche bis Cortina. Ein Gleiten ohne Ende mit wenig Kraftaufwand beim Abstoßen. Zurück geht es dann mit dem Skibus.

Nahezu eben beginnen die Loipen, die das Gsieser Tal in Südtirol durchziehen, bis sie zum Talschluss steil ansteigen. Im Raintal läuft man vor der Kulisse des Hochgalls seine Runden auf dem im Januar noch schattigen Talgrund. Und im Antholzer Tal kann man kilometerweit zunächst über Wiesen gleiten und dann entlang eines engen Flusstales bis zum internationalen Biathlonzentrum keuchen. Wer die Abwechslung liebt, erkundigt sich nach den auch im Winter geräumten Bergwegen zu offenen Hütten: Bei Sexten sind es drei und im Gsieser Tal ebenfalls drei. Zu ihnen kann man ohne Bergführer risikolos steigen.

Nach so viel Winter wie aus dem Märchenbuch kommt das dicke Ende. Wieder war ein Tief zwischen Sardinien und Genua aufgezogen und hatte Süd- und Osttirol mit Schneemassen überschüttet. Ein Meter Neuschnee über Nacht. Da bleiben am nächsten Morgen die Lastwagen am Straßenrand liegen, und auf der Passfahrt zum Felbertauerntunnel biegen sich unter der Schneelast die Tannen und Lärchen bedrohlich zur Straße. Wenn jetzt der Schneebruch die Straße versperrt, werden alle Zeitkalkulationen der Rückfahrt über den Haufen geworfen. Aber die Tannen halten, jedenfalls zu früher Stunde. Nach fünf Kilometer Tunnelfahrt durch die Felbertauern beginnt auf der anderen Seite des Alpenhauptkamms, im Salzburgischen, eine andere Welt: freie Straßen, dünn gepuderter Schnee auf Tannen und Wiesen, kein Eis, keine Gefahr des Schleuderns bei Talfahrten mit bis zu siebzig Kilometern pro Stunde. Wieder einmal hat der Alpenhauptkamm seine Rolle als große Wetterscheide gespielt.

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