Berliner Drehorgeln in Mexiko : Ein paar Pesos in die Mütze

Nostalgische Klänge: Die Leierkastenmänner von Mexiko-Stadt.

Alexander Del Regno
Jede Münze ist willkommen bei Odilón Jardines. Von wegen Hinterhof: Der Mann orgelt vor der Kathedrale in Mexiko-Stadt.
Jede Münze ist willkommen bei Odilón Jardines. Von wegen Hinterhof: Der Mann orgelt vor der Kathedrale in Mexiko-Stadt.Foto: Del Regno

Als Azteken verkleidete Musiker trommeln sich in Trance, Straßenhändler preisen schreiend billige Souvenirs, Spielzeug und Wäsche an, die Dieselmotoren der vorbeifahrenden Busse dröhnen, wenn nicht gerade der Verkehr wieder einmal stockt und die unzähligen Taxis ihr tägliches Hupkonzert veranstalten. Der Zócalo ist nicht nur geografischer Mittelpunkt von Mexiko-Stadt, hier vereinen sich auch sämtliche Geräusche der Millionenmetropole zu einer lautstarken Kulisse. Und doch mischen sich auf dem größten Platz des Molochs auch ganz andere, ungewohnte Klänge in das infernalische Getöse. Sie muten hier allerdings so fremd an wie Salsa in Sibirien: Drehorgelmusik. Seit Jahrzehnten gehören die Klänge der Leierkästen zum historischen Zentrum der mexikanischen Hauptstadt wie einstmals zu den Hinterhöfen Berlins.

Vor der prächtigen Kathedrale steht Odilón Jardines mit seinem Leierkasten. So wie schon sein Vater und dessen Vater. Aus seinem Instrument ertönt Émile Waldteufels „Schlittschuhläufer-Walzer“, der hier „Walzer de los patinadores“ heißt. „Jede Münze ist willkommen“, ruft Jardines unablässig, während er kurbelt, was das Zeug hält. Er schaut durch eine schwarze Sonnenbrille, auf seinem braun gebrannten Gesicht glänzt Sonnencreme. Seit 20 Jahren macht er seinen Job, ein hochgewachsener, athletisch anmutender Mann, in seiner khakifarbenen Uniform, deren Farbe und Schnitt auf die Truppen der mexikanischen Revolution zurückgehen. Heute ist sie die Arbeitskleidung der Drehorgelspieler und ihrer Organisation mit 70 Mitgliedern.

„Frati & Co. Berlin“ steht auf Jardines’ Drehorgel. Sie sei etwa 50 Jahre alt, sagt er, nur etwas älter als er selbst. Das ist erstaunlich, erlosch doch die Firma Frati bereits 1923. Zehn der prächtigen Instrumente seien in Familienbesitz, überall in der Innenstadt stünden Verwandte, die wie er jeden Tag musizieren. „Es ist etwas Besonderes, in einer Tradition stehen zu dürfen“, erklärt Jardines stolz.

Begonnen hat sie im Jahre 1884, als das preußische Königshaus dem für seine Grausamkeit bekannten Diktator Porfirio Díaz ein Geburtstaggeschenk machte: fünf Berliner Drehorgeln. Die Mexikaner fanden Gefallen am Geleier und brachten im Laufe der kommenden Jahre immer mehr Drehorgeln nach Zentralamerika – aus ganz Europa, aber vornehmlich aus der Schönhauser Allee, Sitz des italienischen Instrumentenbauers Frati.

Schließlich ließ ein deutscher Fabrikant in den beiden Großstädten Puebla und Guadalajara Drehorgeln bauen – die Werkstätten wurden jedoch schon kurz nach der Jahrhundertwende wieder geschlossen. Die Instrumente verschwanden nach und nach, wurden ins Ausland verkauft oder nicht mehr repariert, weil Ersatzteile fehlten. Bis auf ungefähr jene 70, die heute in den Straßen von Mexiko- Stadt dudeln.

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