Birma : Die Würde des Lächelns

Birma ist gebeutelt – von Militärjunta und Naturkatastrophe. Doch wer ins Land reist, kann Wunder erleben.

Gerd W. Seidemann

Der junge Mönch in dem Kloster bei Rangun lässt zunächst einmal Essen Essen sein. Eine Unterhaltung mit dem neugierigen Touristen, der die Ausgabe der Mittags- und damit letzten Mahlzeit des Tages für die „heiligen Männer“ interessiert beobachtet, erscheint ihm reizvoller als das Reisgebirge mit etwas Gemüse auf seinem Teller. Nach dem obligatorischen Geplänkel des „Woher?“ und „Was machen Sie hier?“ kommt er schnell zur Sache. Es stehe schlecht um Birma, sagt er. Sehr schlecht, es gebe viele Probleme. Die Militärregierung habe (wieder einmal) „faire Wahlen“ angekündigt. Diesmal für 2010. „Aber das glaube ich nicht mehr.“

Der 18-Jährige gibt sich keiner Illusion hin. Seit zehn Jahren ist er im Kloster. Und wenn es nach seiner Mutter ginge, würde er den Rest seines Lebens dort verbringen. Doch er hat fleißig gelernt. Vor allem auch Englisch. Und im kommenden Jahr werde er versuchen auszuwandern. Nordamerika wäre ein Traum, wahrscheinlich wird es jedoch zunächst einmal Thailand. Er hat eine reelle Chance, obwohl er bettelarm ist. Sein einziger Reichtum besteht aus Bildung. Mehr als die meisten seiner Landsleute auf ihrem Lebenskonto vorweisen können.

Unsere Reise durch das wunderbare, auf vielfache Weise wundersame und doch so arg geschundene Birma findet nur wenige Wochen vor der Unwetterkatastrophe statt, die Anfang Mai über den Süden des Landes hereinbrach und wohl mehr als 100 000 Menschenleben gekostet hat. Die Regionen, die auf unserem Reiseplan stehen, sind von Zyklon „Nargis“ unberührt geblieben. Doch obwohl das gesamte Land zunächst unter Schock stand und die Militärjunta alles unterlassen hat, was der Bevölkerung hätte helfen können, ist nach Berichten unserer Kontaktleute wieder Alltag in den nicht unmittelbar betroffenen Gegenden eingekehrt.

Der Kampf um das täglich Brot lässt offenbar auch keine andere Wahl. Im Gegenteil: Da nahezu jeder irgendwelche Verwandte hat, die von der Katastrophe getroffen wurden, gilt es die eigenen Anstrengungen zu verdoppeln, um Angehörige wenigstens etwas unterstützen zu können. Dabei spielen die Einkünfte während der Tourismussaison von Oktober bis April keine geringe Rolle.

In der Fünf-Millionen-Stadt Rangun ist heute, auch nach Darstellung der Deutschen Welthungerhilfe, zumindest die Verkehrs-Infrastruktur „weitestgehend wieder hergestellt“. Der einzige Ort im Land der Stromausfälle, der zu „normalen“ Zeiten garantiert 365 Tage im Jahr Elektrizität zur Verfügung hat, strahlt wieder: die Shwedagon-Pagode. Beleuchtung und Fahrstuhl müssen einfach funktionieren im wichtigsten Sakralbau, im religiösen Zentrum des Landes. Schließlich ist die 98 Meter hohe Pagode, die auf einem Hügel über der Stadt thront, auch so etwas wie die lokale Klatschbörse: Nach Sonnenuntergang, nach der Arbeit trifft man sich hier, zum Gebet und vor allem zu einem Schwätzchen mit Familie, Freunden und Bekannten.

Die zentrale Stupa blendet mit einem scheinbar satten Goldanstrich. Dabei sind unzählige Scheibchen Blattgold aufgebracht. Das Gesamtgewicht des Goldes wird mal mit einer, mal mit 60 Tonnen angegeben. Wer wollte es nachträglich wiegen? An der Spitze ist zudem eine Art Schirm angebracht, der mit mehr als tausend Edelsteinen besetzt ist, unter anderem mit einem 75 Karat schweren Smaragd. Das bloße Auge erkennt das Funkeln nicht, der Blick durchs Fernglas jedoch lässt einem fast die Sinne schwinden.

Am Fuß des Turms gruppiert sich auf breiter Plattform ein ganzer Wald von kleineren Tempeln und Stupas um das Heiligtum. Dazwischen immer wieder Elefanten- und Löwenfiguren, wohlwollende „Nats“ (Geister) und furchterregende Dämone, die Feinde des Buddhismus abschrecken sollen. Die tiefe Religiosität der Bevölkerung ist schließlich gepaart mit einem gehörigen Schuss Aberglauben, der übrigens auch der Junta alles andere als fremd ist. So weit man weiß, fußt mehr als eine Entscheidung der Machthaber auf Visionen von Wahrsagern.

Bis 1979 etwa war in Birma Linksverkehr üblich, ein Überbleibsel der britischen Kolonialzeit. Es wird erzählt, ein Astrologe habe dem damaligen Staatspräsidenten Ne Win vorausgesagt, er werde bei einem Autounfall auf der linken Straßenseite sterben. Von jetzt auf gleich ordnete Ne Win Rechtsverkehr an. Das mag man noch unter „kurios“ verbuchen. Jedoch soll die Leib- und Magen-Astrologin des 75-jährigen heutigen Junta-Chefs General Than Shwe diesen jüngst in seiner Annahme bestärkt haben, der todbringende Zyklon „Nargis“ sei ein himmlisches Zeichen dafür, dass er an der Macht bleiben solle, weil das Volk von den Göttern mit dem Sturm für das Streben nach Unabhängigkeit bestraft worden sei …

Bei unserem Besuch herrscht glühende Hitze in Rangun. Wer aus dem Schatten der zahlreichen Bäume weicht und die Straße überquert, droht mit seinen Gummilatschen, dem Standardschuhwerk der Birmanen, am Asphalt kleben zu bleiben. Nur manchen Mönchen kann das nicht passieren. Sie laufen barfuß, ganz gelassen. Für den mitteleuropäischen Besucher nahezu ein Wunder.

Wunder ganz anderer Art erwarten die Touristen am Inle-See, eine Flugstunde nördlich von Rangun. Das heißt, eigentlich begegnen wir hier zwei besonders erstaunlichen Phänomenen. Und das in einem Land, das den Fremden nahezu ständig überrascht. Bei den „schwimmenden Gärten“ sowie den „Einbeinruderern“ vom Inle-See kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Und dass oberhalb des Sees ein deutscher Winzer einen achtbaren Tropfen keltert, hätte man nun auch nicht erwartet.

Auf dem Weg vom Flughafen Heho zum See gehört offenbar das Kloster Shwe-yan-byei (Kloster der ovalen Fenster) zum touristischen Pflichtprogramm. Besonders sehenswert ist es nicht, doch hier verdienen sich die Mönche ein Zubrot, indem sie – zugegeben sehr fotogen – in großen ovalen Fensteröffnungen für Besucherkameras posieren. Wer auf die Besichtigung des schlichten, etwas muffigen Gebäudes verzichtet, erlebt dafür auf der Straße den ländlichen Alltag. Eben naht ein furchtloser Knirps, der eine Herde Wasserbüffel zur Feldarbeit führt; ein mit reifen Kürbissen und fröhlichen Menschen („Hello, hello, how are youuuu?“) hoffnungslos überladener Kleinlaster undefinierbaren Fabrikats keucht vorbei; auf einem nahen Innenhof kümmern sich zwei Frauen angestrengt um die Wäsche, indem sie mit flachen Paddeln auf die nassen Kleidungsstücke eindreschen.

Derweil lümmelt sich beim Kloster ein gelangweilter Novize in einer der ovalen Fensteröffnungen. Jetzt schaut er den Besuchern nach, die etwas desillusioniert ihrem Kleinbus zustreben und keinen Sinn mehr für ein Foto entwickeln mögen. Als das Mönchlein doch noch eine schwach auffordernde Handbewegung macht, ruft der Mann mit der größten Kameratasche: „Kein Licht, kein Licht.“

Recht hat er ja. Regen kündigt sich an. Keine idealen Voraussetzungen für einen Schnappschuss und auch nicht wirklich für eine Bootsfahrt auf dem 22 Kilometer langen See. Doch die schwimmenden Gärten haben uns schon neugierig gemacht.

Der Inle-See ist seit dem 12. Jahrhundert die Heimat der Inthas („Söhne des Sees“), die seinerzeit aus Dawei im Südosten Birmas vertrieben wurden. Hier oben im Land der Shan waren sie jedoch ebenfalls nicht willkommen. Land wurde ihnen verweigert, ja, als einziger Lebensraum wurde ihnen der See zugewiesen. Also setzten sie ihre Häuser auf Stelzen ins Wasser und legten sich – logisch – schwimmende Gärten an. Wie? Ohne die Wasserhyazinthen ginge es nicht. Die findigen Inthas stellten fest, dass die großen Blätter und das dichte Wurzelwerk der wildwachsenden Pflanze so kräftigen Auftrieb geben, dass sich auch größere Mengen Erde auf einem Blätterteppich halten können.

Bis heute nutzen sie diesen Umstand. „Inselmacher“ ist ein eigener Berufsstand geworden: Sie bauen ein lockeres Gestell aus Bambusstangen, zwanzig, dreißig, vierzig Meter lang, aber nie breiter als zwei Meter. Darüber wird ein Teppich von Wasserhyazinthen gelegt, die binnen weniger Tage zu einem starken Geflecht zusammenwachsen. Bedeckt werden sie mit einer Schicht Erde – fertig ist das Beet, auf dem überwiegend Gemüse, Früchte und Blumen wachsen. Verankert wird das neu gewonnene Stück „Land“ mittels Bambusstangen, schließlich ist der See nur zwischen zwei und sechs Meter tief. Und der Clou: Gibt’s Streit mit dem Nachbarbauern, kann einer sein „Feld“ einfach hinter sein Boot spannen und woanders im See neu verankern.

Versuchen Sie es nicht: In einem schmalen, wackeligen Boot stehen, mit dem unter ein Bein geklemmten Ruder paddeln, um mit der freien Hand Fische zu fangen. Die „Einbeinruderer“ vom Inle-See beherrschen diese Technik tadellos. Dabei benutzen die „Söhne des Sees“ ihre eigene Methode des Fischfangs: Mit einem konisch geflochtenen, zwei bis drei Meter langen Bambuskorb in der freien Hand lauert der Fischer auf Bewegung im Wasser. Rührt sich was, stößt er den Korb bis auf den Grund. Die Schnur eines im Korb gespannten Netzes bleibt in der Hand. Spürt er den Fisch, lässt er das Netz fallen. Petri Heil!

Die etwa 70 000 Intha, die in 17 Pfahldörfern leben, schaffen jedoch nicht allein als Fischer und in ihren Gärten. Am südlichen Ende des Sees legen wir mit unserem Wackelboot in In Paw Khone bei einer Seidenmanufaktur an. In dem genossenschaftlich organisierten Betrieb dürfen wir erneut Wunderliches beobachten. Wie ihre Zeit es erlaubt, kommen Frauen des Dorfes, weben an ihren eigenen altertümlichen Webstühlen und kümmern sich beizeiten wieder um andere Arbeit. Das meiste Seidengarn wird aus Thailand importiert. Auch Chinaseide wird verarbeitet. „Die fühlt sich zwar weicher an, ist jedoch längst nicht so haltbar“, erklärt die mit 80 Jahren älteste Weberin im Dorf. Exportiert wird vornehmlich nach Indien und Thailand, etwa 20 Prozent wird in einem Lädchen – zu Spottpreisen – direkt an Touristen verkauft. Eine Frau hier beherrscht noch eine besondere Kunst, die viel Geschick und noch mehr Geduld erfordert: Aus den Fasern des Lotosblumenstengels spinnt sie eine feste Seide. Die lässt sich zwar nicht einfärben, doch die daraus gewobenen grauen Schals und Hemden haben ihren Preis – ein Hemdchen kostet schon mal 100 Dollar.

Die nahe Zigarrenmanufaktur ist – auf den ersten Blick – der Traum aller Raucher. Dünne, dickere und fette Zigarillos werden von jungen Frauen im Akkord gerollt, mit Deckblatt und Filtern aus Maisblättchen verklebt und als faustgroße Bündel für umgerechnet einen Dollar verkauft. Allein, die aus Pfefferblättern oder anderem Tabakersatz gerollten Glimmstengel sind – milde gesagt – gewöhnungsbedürftig. Ältere Semester wird er an Nachkriegsstumpen mit „Tabak“ aus Eigenanbau erinnern.

Geschmacklich höhere Noten verspricht da der nun geplante Besuch bei einem deutschen Winzer am See.

Am kommenden Sonntag: der deutsche Winzer vom Inle-See; Mandalay, die Königsstadt; Bagan, Stadt der 2000 Pagoden

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