Reise : Bitte noch ein Steinchen Rot

Vielerorts in Italien sind kunstvolle Mosaiken zu bewundern. Wie man sie legt, können auch Laien probieren – in Hobbykursen

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„Wahnsinn! Magnifique! Amazing!“ So klingt der internationale Chor der Mosaik-Bewunderer. Touristen sind es zumeist, staunend entlangschlendernd an wohl fußballplatzgroßen Gemälden, bestehend aus Tausenden und Abertausenden von Steinchen, jedes kleiner als eine Kopfschmerztablette. Ein besonders schönes liegt 130 Kilometer nordöstlich von Venedig, in Aquilea. Die heutige Kleinstadt war im Römischen Reich eine große Nummer: Handelsmetropole, Standort für Werften, Glas- und Amphoren-Manufakturen. Julius Caesar und Kaiser Augustus besuchten die Stadt, mussten jedoch auf deren heutige Attraktion verzichten: Das bedeutendste frühchristliche Mosaik aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Es bedeckt den kompletten Fußboden der Basilika Santa Maria Assunta – und ist 65 Meter lang und 30 Meter breit. Sobald die Besucher ihr erstes Erstaunen überwunden haben, raunen viele dieselbe Frage ins Kirchenschiff: „Wie haben die das bloß hingekriegt, vor 1700 Jahren?“

Antworten darauf gibt’s gut 60 Kilometer entfernt an der Scuola Mosaicisti del Friuli, eine der führenden Schulen für Mosaikkünstler in Spilimbergo bei Udine. Ihre Auszubildenden sind schon während der vierjährigen Lehrzeit so begehrt, dass sie vorm Examen bereits große Skulpturen und Fußböden gestalten – für Auftraggeber vom Ground Zero bis zur Grazer Volksbank. Der Clou für Touristen in der Scuola: Schnupperkurse für „Hobbisti“ – Möchtegern-Mosaikkünstler also.

Wer das Schulgebäude betritt, fühlt sich entweder in eigene, längst vergangene Pennälerzeiten oder in Heinz Rühmanns Feuerzangenbowlen-Film versetzt: lange, hohe Flure, schwere Eichentüren vor den Klassenräumen. Nur der Bohnerwachsgeruch fehlt. Denn auf den Böden liegt kein welliges, mausgraues Linoleum, sondern überall feinstes Mosaik. Im ersten Stock etwa sind die vier Jahreszeiten in venezianischem Stil ausgebreitet, mit einer farbenfroh explodierenden Sommerstudie nahe der Treppe.

Gleich neben dem Schultor prangt die Kopie eines berühmten Mosaiks aus Aquilea: Hahn und Schildkröte. „Mit solchen, eher einfachen Bildern geht’s los in den Kursen“, erklärt Carola Rodolfi-Kuball. Die gebürtige Münchnerin absolviert derzeit die vierjährige Ausbildung an der Scuola. Sie war nach einer „Schnupperphase“ nicht mehr losgekommen von der filigranen Steinkunst. Die 35-Jährige zeigt, wie man den „Martellina“ richtig in der Hand hält. Dieser Hammer mit leicht gebogenen, meißelartig zugespitzten Enden ist sozusagen das Hackebeilchen, um Steinstreifen zu zerteilen – in Stücke im Schnipselformat. Diverse solcher Streifen, meist aus Stein, aber auch aus gefärbtem, kunststoffähnlichem Smaltiglas liegen schon auf dem „Ceppo“, der für Mosaikkünstler typischen Arbeitsfläche, einem tischhohen Holzbock. In seiner Mitte ragt ein Metallkeil (Tagliolo) etwa fünf Zentimeter hoch auf. „Einfach so einen dieser Streifen drauflegen und mit der Martellina zuschlagen“, empfiehlt Carola. Rumms! Fast jeder Anfänger lässt den Hammer beim ersten Mal mit zu viel Wucht niedersausen, merkt aber sofort: Hier geht’s nur mit viel Gefühl. Marmor, Stein und Smalti bricht auch nach sachtem Schlag, dann aber meist – wie gewünscht – mit geraden Kanten. Die sind sehr wichtig, denn nur so lassen sich die Steinchen im Mosaik eng aneinanderlegen.

Doch vorher müssen die „Hobbisti“ so eine Art „Malen-nach-Zahlen-Phase“ durchstehen: Das antike Bild oder eine andere Mosaikvorlage Linie für Linie mit Bleistift auf Butterbrotpapier durchpausen und dann auf eine elastische Kalkmasse übertragen. Nun beginnt die eigentliche Fummelarbeit: Tagelang hocken die Kursteilnehmer inmitten ihres Steinchenbruchs und drücken Marmor-, Glas- und vereinzelt auch Goldstückchen ins Knetgummi. Wie akribische Kunstfälscher schaffen sie in Zeitlupe ein Pixelpuzzle. Wer dabei redet, tut’s meist in Geheimsprache: Ob noch C24 oder S6 da ist, möchte Dario wissen. Übersetzt: er sucht Steinchen in Cremeweiß und Aubergine.

Mit einem ähnlichen Wunsch überraschte mal ein Kursteilnehmer die Mosaiklehrerin Luciana Notturni in Ravenna, gut 300 Kilometer südlich von Spilimbergo. Schon bei seiner Anmeldung zu ihrem Kurs zählte der Schweizer vor, er brauche 20 von den roten Steinen, 37 von den grünen und 43 von den blauen. Der pingelige Ingenieur hatte vorab zu Hause schon mal den Bedarf fürs erste Übungsbild durchgezählt. Anders als an Spilimbergos Mosaik-Eliteschule geht’s in Lucianas kleiner Werkstatt eher familiär und locker zu. Eileen aus den USA, die Kanadierin Carolina und die anderen Teilnehmer aus Europa müssen hier nicht lange und aufwendig Steinchen zerteilen, denn viele davon haben Luciana und ihre drei Lehrerkollegen schon für den achtköpfigen Kurs vorbereitet. „Meine Schüler sollen ja nach einer Woche nicht nur mit einem fertigen Bild nach Hause gehen“, sagt Luciana, sondern auch Zeit haben, die wundervollen Mosaike in den Kirchen um die Ecke zu sehen – allen voran die überwältigenden Deckenbilder in der Basilika San Vitale. Ravenna ist Italiens ausgewiesenes Mekka für Mosaikfans – viele dieser einmaligen Unesco-Weltkulturerbe-Schätze stammen aus dem 5. bis 7. Jahrhundert, als hier die Hauptstadt des Weströmischen Reiches und später des Byzantinischen Reiches lag.

Nach einer Woche haben Lucianas Schüler eine Menge gelernt: Sie wissen, wie antike Mosaike aufgebaut sind, können Perspektiven legen und erkennen, wo der Goldene Schnitt im Bild ist. „Natürlich scheitern auch manche der jährlich 300 Teilnehmer“, sagt die 60-Jährige: „Meistens sind das Menschen, die es nicht gewohnt sind, mit den Händen zu arbeiten.“ Besonders leid tun ihr alle, die erst im Kurs merken, dass sie eine Sehschwäche haben. Bei der Auswahl der farbigen Steine sind sie dann gehandicapt. Ständig greifen sie daneben und verzweifeln an ihrem Mosaik.

„Ach ja“, sagt Luciana beim Abschied, „und dann gibt’s manchmal noch selbst ernannte Genies.“ Wie den US-Amerikaner aus Hongkong, ein Spinatzüchter. Dieser Mr. Popeye rief am dritten Tag während des Kurses bereits bei sich zu Hause an und erzählte seiner verdutzten Verwandtschaft, er werde kündigen, denn er habe einen neuen Job als Mosaikdesigner gefunden. Luciana hielt das zunächst für einen Scherz – bis sie von dem Mann wenige Wochen nach Kursende eine Einladung zu seiner ersten Mosaikausstellung in Hongkong erhielt. Zu besichtigen gab es genau zwei Exponate, die er in Ravenna gefertigt hatte. Luciana ist nicht hingefahren.

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