Reise : Bohren rund um die Uhr

Gesundheitstourismus ins Ausland nimmt zu.

Das Gebiss bedarf einer grundlegenden Überholung? Die Augenlider sind ebenso wie Busen oder Po erschlafft? Wer solcherlei tatsächliche oder vermeintliche Problemzonen bei sich sieht, dem schlägt es spätestens nach dem ersten Kostenvoranschlag auch noch auf den Magen. Schließlich schießen hiesige Krankenkassen nur sehr wenig bis gar nichts für derlei Behandlungen zu. Der Betroffene schaut sich also um, meistens im Ausland – und wird so zum Touristen. Zum Gesundheitstouristen. Ein Trend, der nicht nur in Deutschland zu beobachten ist, wo die propere medizinische Versorgung eigentlich kein Problem ist, außer es fehlt einem das nötige Kleingeld. Die Angebote in Kliniken am Schwarzen Meer, an der Moldau oder jenseits der Oder sind preislich oft konkurrenzlos günstig.

Fünf Millionen Menschen reisen weltweit jährlich ins Ausland, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Dafür geben sie „zwischen 60 und 70 Milliarden Euro aus“, sagt Unternehmensberater Peter Schmid. Das größte Aufkommen zählt mit jährlich 1,5 Millionen Patienten Thailand, auch Indien (730 000), Singapur (720 000), Jordanien (250 000), Ungarn (180 000) und Südkorea (82 000) profitieren stark vom Medizintourismus, bei dem weltweit rund 50 Länder aktiv sind.

Dass das Geschäft gut läuft, hat mehrere Gründe: Zum einen erwartet Patienten ein Preisvorteil, der beispielsweise für Deutsche – je nach Land – bei bis zu 70 Prozent liegt. Daneben gibt es in den Kliniken der führenden Länder für Ausländer meist keine Wartezeiten, da wird zur Not eben rund um die Uhr gebohrt. Auch wartet dort oft ein spezielles medizinisches Know-how oder auch Angebote wie etwa die Präimplantations-Technik, die in der Bundesrepublik beispielsweise nicht erlaubt ist.

Allerdings gehen Patienten im Ausland mitunter ein Risiko ein. „Vor allem da, wo es sehr viel günstiger ist, existiert eine Grauzone“, berichtet der Arzt Robert Gerl von der Münchner German Healthcare Consulting. „Fehlende Transparenz und Sicherheit“ seien – wie auch die Nachsorge einer aufwendigen Behandlung – oft Negativpunkte. Allerdings längst nicht mehr so häufig wie früher.

Auch Deutschland mischt im Medizintourismus mit: Von den 2000 Kliniken hierzulande wirbt etwa jede zehnte um Patienten aus dem Ausland. Sie böten zwar „hohe medizinische Qualität“, sagt Gerl. Doch der Service rundherum sei „eher unterrepräsentiert“. Insgesamt suchten 2010 rund 60 000 Ausländer in der Bundesrepublik eine Klinik auf. In der Zahl sind alle Notfälle enthalten, also auch verletzte Skifahrer in den bayerischen Alpen, die im Krankenhaus landen. tdt

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