Bonn : Im Konrad-Adenauer-Land

Die Bundesrepublik feiert ihren 60. Gründungstag. In den ersten vier Jahrzehnten wurden in Bonn die Strippen gezogen. Eine Spurensuche am Rhein

Franz Lerchenmüller
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Zog der Frühling ins Land, waren die sogenannten Kanalarbeiter nicht mehr zu halten: „Wenn im Lenz die Spargel sprossen, hei, dann freu’n sich die Genossen. Sommerlicht durchbrach das Dunkel; Schiff ahoi! Wir fahr’n nach Unkel.“ Und dort, im Rheinhotel Schulz auf der Bonn gegenüberliegenden Rheinseite, tagten und tafelten die konservativen Vertreter der SPD-Bundestagsfraktion, dass es eine sozialdemokratische Art hatte: Seen zerlassener Butter befeuchteten Spargel und Schinken, Flasche über Flasche „Unkeler Gefunkel“ ging über den Tisch, und an so mancher Karriere wurde dabei eifrig gebastelt. So war das in der Bonner Republik. Und es sind nicht die einzigen Erinnerungen, die geblieben sind. Eine Spurensuche in Bonn und Umgebung.

Die Panoramafenster des Restaurants sind nicht mehr dieselben, denn das Rheinhotel wurde vor fünf Jahren von Grund auf neu gebaut. Aber der Blick auf den träge dahinziehenden Rhein mit den erleuchteten Ausflugsdampfern ist nicht viel anders als in den 60er und 70er Jahren, als die Genossen lautstark einfielen und Ausflügler noch „fröhliche Zecher“ hießen. Gern zeigt Hoteldirektor Rüdiger Mißner das Gästebuch. Willy Brandt und Frau Ruth, Carlo Schmid und Gustav Heinemann haben ihre Aufwartung gemacht. „Wer was werden will in der Fraktion, muss sich bei uns schon blicken lassen“, ließ Oberkanalarbeiter Egon Franke einmal verlauten.

Spuren der Bonner Republik finden sich rund um die alte Hauptstadt noch zur Genüge. In Unkel selbst, einem dieser Rheinstädtchen mit viel Fachwerk, alten Wirtshausschildern und kleinen Weinbergen, hat Willy Brandt von 1979 bis zu seinem Tod 1992 gelebt. Im alten Rathaus hat die Stadt das Arbeitszimmer aus seinem Haus rekonstruiert. Ledersessel, Schreibtisch und Schrankwand im gleichen dunklen Braun, Bücher von Johannes Mario Simmel und Hildegard Knef mit Widmung, die Gästeliste zum 75. Geburtstag von Shimon Peres bis Holger Börner. Und auf einem schönen Foto überreicht er seiner Frau Brigitte, die zur 1100-Jahr-Feier im historischen Kostüm erschienen war, eine Rose.

Eigentlich aber ist die Region Konrad- Adenauer-Land. Brandts Vor-Vor-Vor- gänger als Bundeskanzler hatte sich wenige Kilometer weiter in Rhöndorf 1936 ein Haus steil an den Hang bauen lassen. Als Bonn noch Hauptstadt war, drückten sich pro Jahr bis zu 120 000 Besucher die Nasen platt am Pavillon, in dem er seine Erinnerungen schrieb, bestaunten seine Erfindungen wie das beleuchtete Stopfei und bummelten zwischen den Rosen im Garten. Heute hat sich der Andrang jedoch etwas gelegt.

Hatten die Bonner Granden genug vom Regieren und Intrigieren, zog es sie hinaus in die Natur, ins Siebengebirge vor allem. Eine Fahrt auf den Drachenfels gehörte damals und gehört heute dazu – schließlich soll der 321 Meter hohe Felssporn nach dem Zuckerhut der meistbe stiegene beziehungsweise befahrene Berg der Welt sein. Seit dem 17. Juli 1883 befördert die Zahnradbahn Touristen hinauf – an die 40 Millionen dürften es mittlerweile sein. Oben angekommen, schauen sie hauptsächlich hinunter: Glitzernd im Sonnenlicht liegt da der Rhein – oder auch nicht. Aber gerade wenn Nebelfetzen hochwirbeln und die baumbestandenen Inseln sich erst zögernd aus dem Dunst schälen, versteht man, warum die Romantiker über den Anblick geradezu in Verzückung gerieten: 16 000 Menschen trieb es etwa zu Pfingsten 1860 auf den Gipfel.

Nach dem Abstecher ins Grüne wartete der Regierungsalltag in Bonn wieder auf die Politiker. Zu dessen wichtigsten Schauplätzen führt der „Weg der Demokratie“. Im Museum Koenig stehen neben ausgestopften Löwen immer noch die Giraffen, die verhüllt der Zeremonie beiwohnten, als der parlamentarische Rat 1948 hier zum ersten Mal zusammentrat. Nach seiner Wahl im August 1949 zum Bundeskanzler residierte Adenauer für kurze Zeit in dem Gebäude. „Auf diese Episode ging er in seinen ,Erinnerungen‘ aber gar nicht ein“, sagt Gästeführer Dieter Dohm. „Viel hielt er nämlich nicht von dem Provisorium: ,Det riecht hier so nach tote Tiere‘.“

Man war sich in Bonn sehr nahe, räumlich gesehen. Aufgereiht an Adenauerallee und Rhein findet sich das Inventar des Bonner Politikbetriebes. Da ist die Villa Hammerschmidt, in der der Bundespräsident residierte, gleich daneben das Palais Schaumburg, Sitz der Kanzler von 1949 bis 1976. Adenauer ließ den Bau zum ersten Kanzleramt umgestalten – konnte sich aber mit dem Architekten Hans Schwippert, einem Vertreter der Neuen Sachlichkeit, nicht wirklich anfreunden: „Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß ich weder die Sessel noch den Schreibtisch, noch die lange Einrichtung, die dahinter stehen soll, noch die Aktenböcke, noch die Sofas undsoweiter in meinem Arbeitszimmer haben kann.“

Ludwig Erhard war da erheblich aufgeschlossener. Der Barockmensch mit der Vorliebe für Zigarren und einen guten Schluck ließ sich einen Bungalow in den Park stellen, der mit seiner streng rechteckigen Linienführung direkt aus dem Katalog des Bauhauses zu kommen scheint. Auch das neue Kanzleramt von 1976, ganz Glas und schwarzbraunes Aluminium, braucht sich architektonisch nicht zu verstecken. Gebäude, die Zeugnisse einer Zeit sind, als die Republik sich noch bescheiden gab – und ihr das nicht schlecht anstand.

Dem Besucher, der hier vielleicht zum ersten Mal bummelt, kommen Erinnerungen: Hier also das Gitter, an dem Gerhard Schröder einst rüttelte und Einlass begehrte, dort die Auffahrt, auf der Reagan vorfuhr, dahinter die goldfarbene Skulptur von Henry Moore, die in unzähligen Tagesschau-Einspielern unmissverständlich signalisierte: Bonn. Hier wurde heute wieder regiert!

Zusammengeführt werden die Eindrücke im Haus der Geschichte. Filme über Trümmerfrauen, eine Endlosbandschleife mit den Namen ermordeter Juden, Adenauers Limousine, die Erstausgabe des „Rheinischen Merkur“ vom 15. März 1946 – eine sehenswerte Abfolge von Plakaten, Videos, Geschirr, Klamotten, Briefmarken, Möbeln und Maschinen summiert sich zu einem Kaleidos kop des Lebens in diesem Land während der vergangenen 60 Jahre.

Von den Bänken eines kleinen Plenarsaals lassen sich historische Bundestagsdebatten verfolgen. In der original italienischen Eisdiele von 1955 dudelt die Musikbox Caterina Valentes „Wo meine Sonne scheint“ und wieder und wieder brüllt Rudi Michel sein weltmeisterliches „Tor! Tor! Tor!“ in die Tiefe des Raumes. Ob KPD-Verbot, brennende Asylbewerberheime, der deutsche Herbst, das Leben in der DDR: Ausgeblendet wird nichts – auch wenn man die jeweiligen Erklärungen dazu nicht immer teilen muss.

Bunt war es also, das Leben zwischen Steiff-Teddys, Mondlandung und vollen Arbeitsämtern. Doch selbst wenn der Bilder- und Geräuscheteppich oberflächlich zu sein scheint, hat er das Zeug, Menschen zu fesseln. Und vielleicht geht dem einen oder anderen auf, wie sehr das, was in Bonn geschah und in Berlin passiert, letztlich auch sein ganz privates Leben geprägt hat – und weiterhin bestimmt.

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