Britannia : Der schwimmende Palast

Die Queen musste von ihrer Yacht „Britannia“ Abschied nehmen. Jetzt darf jedermann das Schiff in Edinburgh besichtigen.

Rolf Brockschmidt

Als sie zum letzten Mal von Bord ging, floss eine Träne. Öffentlich. Ungewöhnlich für die sonst eher reservierte Monarchin. Es ereignete sich am 11. Dezember 1997 um 15 Uhr 01. Königin Elizabeth II. wurde endgültig an Land gepfiffen. Nach einem Rundgang über Deck, durch Suiten und Säle musste sie in Portsmouth Abschied nehmen von der Königlichen Yacht „Britannia“. Eine Epoche war zu Ende gegangen, denn die „Britannia“, das Schiff, das der königlichen Familie 44 Jahre lang zur Verfügung gestanden hatte, war auf Verlangen der neuen Regierung Tony Blairs außer Dienst gestellt worden. Die letzte offizielle Reise der stolzen 125 Meter langen seetüchtigen Yacht war die Rückkehr des letzten Gouverneurs der Kronkolonie Hongkong 1997. Symbolischer hätte diese Ära nicht zu Ende gehen können.

Doch das Schiff, das 968 offizielle Besuche hinter sich brachte, mehr als eine Million Meilen gefahren und 600 Häfen in 135 Ländern angelaufen war, hat eine neue Aufgabe bekommen, eine demokratischere. Etwa 300 000 Besucher erkunden jährlich die ehemalige schwimmende Residenz der königlichen Familie in Leith, dem Hafenvorort von Edinburgh. Zwar blickt die schottische Hauptstadt nicht eben auf eine große maritime Tradition zurück. Doch der ehrgeizige Stadtentwicklungsplan für den daniederliegenden Hafen Leith mit neuen schicken Wohnhäusern und einem Kreuzfahrtterminal hatte die Navy schließlich überzeugt. Und so ist seit nunmehr zehn Jahren „Her Majesty’s Yacht Britannia“ neben Edinburgh Castle die Attraktion der schottischen Hauptstadt schlechthin. Wo sonst kann man in das Schlafzimmer einer regierenden Monarchin schauen?

Die „Britannia“ war einerseits die königliche Yacht, auf der die Royals Ferien- und auch Flitterwochen verbrachten. Sie war jedoch auch ein schwimmender Palast für Staatsbesuche. Eine Einladung zu einem Dinner auf der „Britannia“ war eine besondere Ehre, ja, eine Auszeichnung, die nicht jedermann zuteil wurde. Was damals nur auserlesenen Gästen möglich war, ist nun für jedermann, der die 9,75 Pfund (rund 15 Euro) für das Ticket mit exzellentem Audioguide nicht scheut.

Der Zugang erfolgt über die zweite Etage des Ocean Terminals. Bevor der Besucher allerdings an Bord geht, erfährt er einiges über die Geschichte des Dampfers und seiner 82 Vorgänger seit 1660. Die erste königliche Yacht war übrigens die „Mary“, ein Segelschiff, das die Niederländer dem englischen König schenkten.

An der Einrichtung der Yacht hat die junge Königin 1953 selbst mitgewirkt. „Einfachheit war der Schlüssel. Die Grundidee war, den Eindruck eines Landhauses auf See zu geben“, schreibt Architekt Hugh Carsson.

Der Rundgang beginnt auf der Brücke, wo die einzige Sitzgelegenheit dem Admiral vorbehalten war. Der hatte auch als einziger außerhalb der königlichen Gemächer eine Suite und ein Badezimmer mit eigener Wanne. Alle anderen 23 Offiziere und 220 Mannschaftsangehörige lebten eher beengt auf dem Schiff. Bei offiziellen Reisen fuhr auch eine Kapelle von 26 Royal Marines mit, stets gut an ihren weißen Tropenhelmen zu erkennen. Natürlich war nichts dem Zufall überlassen. So führte die Queen ihren Bentley mit, der immer mit einem Kran an Deck gehoben werden musste, um anschließend quer in eine Garage geschoben zu werden. Bei dieser Prozedur mussten jedoch immer jeweils die Stoßstangen abgeschraubt werden. Das Sonnendeck mit den Korbsesseln im Stil der 50er Jahre war der Lieblingsort der Queen. Sie hatte wie Prinz Philipp ihr eigenes, schlichtes Schlafzimmer.

In dem großen Salon vergisst man leicht, an Bord eines Schiffes zu sein. Bequeme Sofas und Sessel gruppieren sich um einen elektrisch betriebenen Kamin. Den hatte die Queen nur zähneknirschend akzeptiert, denn bei einem Kamin mit Holzfeuerung sah die Dienstvorschrift der Navy vor, dass die offene Flamme permanent von einem Matrosen mit einem Eimer Wasser zu bewachen sei. Das war denn wohl doch nicht im Sinne der Monarchin.

Für die Mannschaften war es selbstverständlich eine Auszeichnung, hier dienen zu dürfen. Dabei war lautes Rufen an Bord strikt verboten, Befehle wurden ausschließlich per Handzeichen gegeben. Wahrscheinlich weniger für die Untergebenen als für die Vorgesetzten ein Problem.

Imposant der große Saal, wo ihre königliche Hoheit zum Staatsbankett lud. Heute kann man immer noch den Tisch wie damals gedeckt finden – wenn etwa Firmen oder finanziell schon etwas besser gestellte Personen bei der Stiftung ein entsprechendes Abendessen buchen.

In der Offiziersmesse darf der Besucher auf den geblümten Sesseln und Sofas Platz nehmen und den Songs der 50er Jahre aus dem Radio lauschen. Auch im Speisesaal der Offiziere mangelt es nicht an Pomp. Allerdings mussten sie sich auch bis zu sechs Mal am Tag umziehen. Das erklärt zumindest die große Wäscherei an Bord, die rund um die Uhr im Einsatz war. Die Unteroffiziersmesse erscheint da schon etwas rustikaler, etwa so wie der Pub um die Ecke. Hier beim „Fußvolk“ waren die Kinder und später die Enkel der Queen immer gern gesehene Gäste.

Der Rundgang auf der „Britannia“ ist geschickt angelegt, der staunende Besucher kehrt immer wieder zum Treppenturm zurück und geht ein Deck weiter nach unten, ohne sich zu verlaufen. Übrigens: Der Rundweg ist auch Rollstuhlfahrern möglich. Im schiffseigenen „Naafi-Shop“ (Navy, Army and Air Force Institute, eine Art Kaufhaus für Angehörige der Streitkräfte) werden auch heute noch Fudge aus eigener Produktion und andere Süßigkeiten angeboten. Die Krankenstation mit eigenem Operationssaal erinnert daran, dass das Schiff in Kriegszeiten als Lazarett dienen sollte, wozu es jedoch nie gekommen ist.

Der Rundgang endet im blitzblanken Maschinenraum, den auch einst General Norman Schwarzkopf besichtigen durfte. Der zeigte sich so beeindruckt von blankem Kupfer und Messing, bedankte sich artig für den Blick ins Museum und fragte dann, ob er auch die Maschinen sehen könne, die das Schiff einst 21 Knoten fahren ließen ...

Dass der Abschied von diesem prächtigen Schiff die Queen traurig gestimmt hat, wie man dem ausgestellten Dankesschreiben an die Besatzung entnehmen darf, kann der Besucher am Ende der Tour bis zu einem gewissen Maß schon nachfühlen. Doch realistisch betrachtet: Wer könnte sich heute noch vorstellen, dass die Königliche Familie mit ihrer Yacht ganz alleine über die Weltmeere reist? Ohne Geleitschutz durch die Royal Navy wäre das undenkbar. So gesehen hat die Queen zur rechten Zeit von ihrem Landhaus auf See Abschied genommen.

Weitere Informationen im Internet: www.royalyachtbritannia.co.uk.

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