Reise : British Columbia

„Genug mit Drücken, Quetschen und Pieken!“, fordert der „Times Colonist“. An prominenter Stelle hat sich die Zeitung heute mal wieder ein drängendes Problem in der Hauptstadt von British Columbia vorgeknöpft: die Obstgrapscher. Das sind Menschen, die in Supermärkten Früchte so gründlich auf ihre Konsistenz prüfen, dass spätere Einkäufer Pfirsiche und Äpfel vorfinden, die unter dieser Inspektion arg gelitten und hässliche Druckstellen davongetragen haben. Wie groß der Ärger dann ist, ist nur allzu leicht vorstellbar. Denken die Grapscher denn gar nicht an andere, wenn sie rücksichtslos Früchte befingern, um sie ebenso achtlos wieder fallen zu lassen?

Die Zeitung sinkt, der Blick fällt auf den im Sonnenlicht glitzernden Hafen von Victoria, das schmucke Regierungsgebäude mit der Statue des ersten weißen Inselumseglers George Vancouver darauf und die Kübel voller Blumen, die jede Laterne zieren. Es ist ein friedliches Bild. Und man muss sich wohl nicht allzu sehr sorgen um die Bewohner dieser Insel, die – größer als England – vor der Westküste Kanadas liegt.

Victoria sei ein Ziel „for the newly weds and the nearly deads“, lästert man auf dem Festland: für Hochzeitsreisende und jene, deren Lebenszeit sich langsam dem Ende zuneigt. Tatsächlich verbringen viele Kanadier hier ihren Ruhestand, im mildesten Winkel des Landes. Und in einer Stadt, die in Architektur und Lebensstil so britisch anmutet wie ein Seebad, das sich von der Küste Devons oder Cornwalls losgerissen hat und versehentlich im Nordpazifik gelandet ist.

Die Flitternden verbringen mindestens eine Nacht im 1908 eröffneten Traditionshaus „The Empress“, dessen täglicher Afternoon Tea legendär ist – ursprünglich Garant britischer Lebensart in der Wildnis, heute liebenswürdiges Relikt aus kolonialen Tagen, die hier präsenter sind als anderswo im Land. Schließlich schmückt sich noch das topmoderne, interaktive Museum für die Natur und Geschichte British Columbias mit dem Adjektiv „Royal“. Die langen Flure des „Empress“ zieren Fotos von Mitgliedern des Königshauses – wie Edward, damals Prince of Wales, der hier 1919 eine Nacht durchtanzte. Und obschon Königin Elizabeth bei Staatsbesuchen wie im Oktober 2002 aus Anlass ihres goldenen Thronjubiläums in einer offiziellen Residenz wohnt, mietet sie sich hier eine Tagessuite, um vor dem Dinner ihre Drinks in angemessenem Ambiente nehmen zu können.

Rund 900 Gäste genehmigen sich jeden Vormittag ab 11 Uhr zur Einstimmung auf den High Tea ein Gläschen Champagner oder Kir Royal – mehr als in jedem Londoner Hotel. Mit Blick auf den Innenhafen, auf dem jeden Tag 100 Wasserflugzeuge starten und landen, sitzen sie zwischen Palmen und Säulen an runden Tischen oder auf grünen und rosafarbenen Sofas. Von ihrem Porträt über dem Kamin lächelt gütig die junge Queen Mary, während die Gäste zwischen Tee aus anderen Regionen des Empire – Assam, Kenia, Sri Lanka – wählen und der Pianist dezent in die Tasten greift. Kellner Yosief bringt Blaubeeren mit Rahm und Etageren voller Scones, sündiger Sahne und Erdbeermarmelade sowie Sandwiches mit Gurken, Thunfisch, Lachs und Ei.

In Victoria hält man auf Tradition. Schließlich ist die Stadt nicht ohne Grund nach einer der Besitzstandswahrung und -mehrung ihres Weltreichs verpflichteten Königin benannt. Und schließlich ist dies die älteste Stadt Westkanadas. Die Government Street, wo sich heute Souvenirläden und Kaufhäuser aneinanderreihen, gilt als die älteste Straße der Provinz British Columbia. Als die Europäer auf der Insel angekommen waren, fühlten sie sich insbesondere auf der von Gebirgszügen geschützten Südspitze von Anfang an sehr wohl. Noch heute lebt hier die Hälfte der insgesamt knapp 700 000 Insulaner.

So begeistert waren die frühen Pelzjäger und Siedler vom Reichtum der Natur und vom Klima – nur die Hälfte der Niederschläge, mit denen Vancouver zurechtkommen muss und fast gar kein Schnee –, dass sie wenig ändern wollten. Die einheimische Bevölkerung, die ältere Rechte anmelden mochte, verschwand durch Krankheiten und Alkohol ja quasi von selbst. 1857 brach schließlich ein heftiger Goldrausch aus, der Victoria zu rascher Blüte führte. Chinatown entstand bald, war bis 1908 Zentrum eines lebhaften Opiumhandels, und die Hudson Bay Company eröffnete an der Douglas Street ein Büro mit der damals sagenhaften Zahl von 350 Mitarbeitern. Dort sind heute die Banken der Stadt aufgereiht, und im McDonald’s-Restaurant hängen Kristalllüster von der Decke. Neun Starbucks-Filialen – „dieses aggressive Unternehmen aus Seattle“, zischt der Fremdenführer Bill verächtlich – versorgen die City mit Karamellkaffee. Dann lenkt Bill seinen Bus in die Uplands, wo die wohlhabenden Bürger der Stadt wohnen, und sein Puls beruhigt sich wieder.

Von 1900 an wurde dieser Stadtteil angelegt, der aussieht wie eine große englische Parklandschaft. Herrschaftliche Villen ruhen auf zaunlosen Grundstücken. Kein Hochspannungskabel stört den Blick aufs Meer, auf Rasenflächen ohne Unkraut erheben sich Palmen, auf dem Golfplatz – einem von 40 auf Vancouver Island – schlendern Menschen, die die Arbeitswelt hinter sich gelassen haben. Auch die Arbeit im Garten. Wer sein Grün nicht zur allgemeinen Zufriedenheit pflegt, bekommt es von der Stadt gemacht – gegen Rechnung. Selbst Tom Selleck fügt sich dem; der Schauspieler („Magnum“) besitzt ein schönes Eckhaus am Beach Drive. All das lässt auch den Guide nicht kalt: „Ach, es ist eine hübsche kleine Stadt!“, jubelt Bill am King-George-Aussichtspunkt. Recht hat er.

Das liegt nicht allein an ansehnlicher Architektur und der Tatsache, dass anscheinend jeder beseelt ist vom Wunsch, das Erscheinungsbild Victorias zu pflegen. Kanadische Ursprünglichkeit verbindet sich mit einer dem Festland fremden Zahmheit. Dabei bleibt die Natur stets in Sichtweite. Der lebhafte Innenhafen lässt sich per Kajak erkunden. An Stränden und Felsbuchten ruhen sich Seelöwen aus. Vor der Küste ziehen Orcawale umher, um deren Beobachtung eine ganze Industrie entstanden ist. Diverse Firmen laden jeden Morgen Touristen in Zodiacs und Ausflugsboote, um sie zu den Walen zu bringen. Auch wenn die Touren gelegentlich erfolglos bleiben – die Tiere jagen schließlich, wo sie wollen –, sind die Ausflüge ein Erlebnis, für das selbst die Jungverheirateten („newly-weds“) ihre Suiten verlassen.

Vom Wasser aus betrachtet, sieht die Küste noch mal so schön aus. Auf kleinen Felsinseln liegen California Sea Lions und verbreiten neben seltsamen, durchdringenden Geräuschen auch einen intensiven Geruch. Im Dunst sieht man die Küste des US-Bundesstaats Washington. Das Boot nimmt ordentlich Fahrt auf, so dass der Wind einem auch an warmen Sommertagen eiskalt ins Gesicht schlägt. Drei Unterarten des Großen Schwertwals gebe es, erklärt die zum Boot gehörige Biologin Nicola: Offshore-, Resident- und Transient-Orcas. Die Rückenflossen aller seien so verschieden, dass man einzelne Tiere anhand ihrer Form und Färbung fast so gut unterscheiden könne wie Menschen durch ihre Fingerabdrücke.

Schließlich hält das Boot, wo auch andere bereits auf den Wellen tanzen. Eine ganze Schule Orcas zieht vorbei. Schwarzweiße Flossen wippen aus dem Wasser, Fontänen sprühen. Die Passagiere schwanken über Deck, fotografieren und reichen Ferngläser herum. Eine halbe Stunde lang folgt das Boot den Tieren. Dann sind sie plötzlich verschwunden, und die Beobachter sehen in ihren Objektiven nur noch einander. Durchgefroren erreichen sie den Hafen Victorias. Die Stadt liegt friedlich im Sonnenlicht. Doch das Bild mag täuschen. Auch heute werden womöglich wieder einige Obstgrapscher ihr Unwesen getrieben haben.

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