Brüder, zur Sonne : Wie DDR-Bürger Urlaub machten

Die Sommerferien in Berlin haben begonnen. Bei vielen werden da auch Erinnerungen an frühere Urlaube wach - zum Beispiel an die Sommerfrische an der Ostsee oder ans Ferienheim im Harz.

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Ein Hallo aus dem Pionierlager "Wilhelm Florin". Mit Motiven dieser Art hat man damals die Grüße an die Lieben geschickt. Jürgen Hartwig hat Postkarten der DDR gesammelt und kommt inzwischen auf 90.000 Stück. Ein paar davon zeigen wir in unserer Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
Alle Fotos: Sammlung Hartwig
29.06.2011 08:47Ein Hallo aus dem Pionierlager "Wilhelm Florin". Mit Motiven dieser Art hat man damals die Grüße an die Lieben geschickt. Jürgen...

Das Urlaubsgefühl stellte sich auf dem Bahnsteig im thüringischen Meuselwitz ein. Oma und Opa warteten schon mit dem Handkarren für die Koffer, als der Zug der Deutschen Reichsbahn hielt, und sahen zu, wie Erika Buch und ihre Familie aus dem Wagen kletterten. Dann ging es zu Fuß in das Eisenbahnerhaus der Großeltern. Schon Wochen vorher hatten die drei Jungs, Peter, Arno und Tilo, einen Brief an die Großmutter geschrieben: „Liebe Oma, besorge bitte weißes Fett.“ Denn für die Jungs hieß Urlaub in den 60er Jahren: Omas knusprige Pfannkuchen. Es bedeutete, mit der Schaufel im Wald die Mäuse ausgraben, vom Rand der stillgelegten Sandgrube springen und Oma beim Einwecken helfen. Urlaub war, wenn Opa ein Kaninchen schlachtete, man den ganzen Tag draußen war und erst zum Abendessen sonnenverbrannt und schmutzig wieder nach Hause kam.

Erika Buch war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin für Deutsch, Russisch und Geschichte in Dresden, ihr Mann arbeitete als Techniker am Institut für Kernphysik. Zwar bewarb sich die Großfamilie jedes Jahr um eine Gewerkschaftsreise, doch nur alle drei bis vier Jahre bekam sie einen Platz. Urlaub in der DDR, das hieß für die Buchs wie für viele andere Familien Urlaub im eigenen Land. Und häufig auch: Urlaub bei der Verwandtschaft.

Man kam wohl eine Weile ganz gut miteinander aus. Der häufigste Satz auf DDR-Postkarten, sagt Jürgen Hartwig, sei: „Wir haben es gut getroffen.“ Hartwig muss es wissen. 90 000 Karten umfasst seine Sammlung, aus der auch die Karten auf dieser Seite stammen. Gemeinsam mit zwei Partnern publiziert er sie im Internet, im virtuellen DDR-Postkartenmuseum.

„Ihre Attraktivität als Reiseland“, so steht es im offiziellen „Reisebuch DDR“ des VEB Tourist-Verlag von 1982, „verdankt die DDR drei Eigenheiten: Erstens besitzt sie in ihren Städten touristische Anziehungspunkte allerersten Ranges. Zweitens verfügt sie über viele, in ihren Reizen einmalige Landschaften. Drittens ist es die beachtliche Wirtschaftskraft der DDR, die nach dem Umfang ihrer industriellen Produktion zu den führenden Ländern der Welt gehört.“

Doch wie so oft in der DDR wollten Anspruch und Wirklichkeit auch in Sachen Urlaub nicht recht zusammenpassen, ging die Rechnung schließlich nicht mehr auf. „Visafrei nach Hawaii“, war 1989 auf Transparenten zu lesen, die Demonstranten bei den Montagsdemonstrationen durch Leipzig trugen.

Die Reisefreiheit gehörte neben dem Ruf nach freien Wahlen zu den zentralen Forderungen der Bürgerbewegung. Zwar gab es in der DDR mit der Ostseeküste, den Seenlandschaften und den Mittelgebirgen Urlaubsregionen, die auch heute, unter marktwirtschaftlichen Bedingungen, bestehen. Doch dem kleinen ummauerten und umzäunten Land fehlte es an exotischen Alternativen. Hinzu kam: Wohin es gehen sollte, entschieden oft andere.

In der Planwirtschaft reiste man staatlich organisiert und subventioniert. Die größten Reiseanbieter der DDR waren der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), die Jugendorganisationen und vor allem die Betriebe. Ende der 80er Jahre vermittelten letztere 3,3 Millionen Urlaubsreisen, der FDGB 1,8 Millionen, alle in eigene Ferienanlagen. Private Unterkünfte gab es kaum.

Die Urlaubsplanung begann meist mit einem Antrag. In der Schule von Erika Buch hingen zu Anfang des Jahres Listen mit den für die Schule verfügbaren Plätzen am Schwarzen Brett aus. Immer bewarben sich mehr Kollegen, als es Möglichkeiten gab. Auswahlkriterien waren die Arbeitsleistung, die familiäre Situation, wie häufig man schon eine Reise bekommen hatte und wie aktiv man in Gewerkschaft und Betrieb war. Bekam man eine Reise, erhielt man einen „Ferienscheck“, der Unterkunft und Vollpension an einem bestimmten Ort garantierte.

Besonders groß war der Komfort in den Ferienheimen der Betriebe und der Gewerkschaft nicht. Auch sie waren Teil der DDR-Mangelwirtschaft. „Liebe Mutti. Sind gut mit dem Auto angekommen. Wohnen im 7. Stock, Verpflegung ist sehr wenig, sogar den Malzkaffee muss man selber zahlen“, heißt es auf einer Postkarte aus dem FDGB-Erholungsheim Ernst Thälmann in Rheinsberg. Vor den Gaststätten standen die Urlauber in der Schlange. Der DDR-Schriftsteller und Satiriker Matthias Biskupek erinnert in einer Erzählung an das Frühstücken in drei Schichten. „Der dritte Durchgang fand Weißbrotscheiben und manchmal ein halbes hartes Ei vor. Große ekelbraune Kaffeeinseln hatten sich in die Tischdecken gefressen.“

Wer weniger straff organisiert Urlaub machen wollte, ging campen. Ab Mitte der 60er Jahre nahm der Individualtourismus zu, da immer mehr Menschen ein eigenes Auto besaßen. Hinten am Trabi hing ein Klappfix, ein Campinganhänger, aus dem sich ein Zelt entfalten ließ. Es bot laut Bedienungsanleitung Platz für vier schlafende Urlauber oder, tagsüber, einen Tisch, zwei Sitze und zwei Propangasplatten. Ein Feuerlöscher wurde serienmäßig mitgeliefert.

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