Busrundreisen : Hinterm Fenster die Welt

Busrundreisen alter Prägung sind passé. Heute buchen Pauschaltouristen rollende Ländertouren mit „Aktiv-Elementen“

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Bequem in die Ferne. Wer eine Rundreise mit dem Rotel-Bus, dem »rollenden Hotel« macht, muss ein Gruppenmensch sein. Foto: Rotel

Den Urlaub auf einer Rundreise mit dem Bus zu verbringen, klingt zunächst sehr wenig sexy. Einsteigen, losfahren. Aussteigen, Kirchen angucken. Wieder einsteigen, weiterfahren. Dieses Konzept erinnert an die Steinzeit des Tourismus. Eigentlich wäre also zu erwarten, dass kein Mensch mehr Rundreisen bucht. Jedoch – das Gegenteil ist der Fall: In den Katalogen der Veranstalter hat die Rundreise ihren festen Platz. Und gerade an Fernreisezielen werden die Programme ausgebaut.

Allerdings haben moderne Rundreisen einiges mehr zu bieten als zu den Zeiten, als sich Opa und Oma im beengten Reisebus durch Italien schaukeln ließen. „Die klassische Studienrundreise aus den 70er Jahren ist unattraktiv geworden“, sagt Torsten Kirstges, Tourismusexperte an der Fachhochschule in Wilhelmshaven. „Diese Urlaubsform war gewissermaßen am Ende ihres Lebenszyklus angekommen, aber dann haben gerade kleinere Veranstalter sie weiterentwickelt.“ Hinzugekommen seien nun „Erlebniskomponenten und Edutainment-Elemente, die Verbindung zwischen Lernen und Programmteilen, die vor allem Spaß machen“.

Neu seien außerdem viele Zielregionen – etwa Südamerika oder Afrika –, bei denen das Naturerleben eine große Rolle spiele. Besonders an Fernreisezielen gibt es zahlreiche neue Angebote. Veranstalter von Meier’s Weltreisen bis Tui weiten gerade dort ihre Programme aus. „Dieser Trend wird auch noch anhalten“, schätzt Kirstges. „Die Fernreiseziele sind heute so wie Italien in den 70ern. Touristen sind dort etwas unsicher, haben vielleicht Angst vor Kriminalität“, erläutert der Wissenschaftler. Die Rundreise mit dem Veranstalter ist dann die bequeme Lösung. Und sie kommt nach Einschätzung von Matthias Rotter, Chef von Meier’s Weltreisen, auch noch anderen Interessen entgegen: „Die Gäste haben keine Lust mehr, 14 Tage in der Sonne zu brutzeln.“

Das ist einer der Gründe, warum sich die Urlaubsform Rundreise noch nicht überlebt hat: „Wir beobachten, dass sie noch beliebter geworden ist“, ergänzt Stephan Braun, Produktmanager bei Neckermann und Thomas Cook Reisen: „Der Anteil der Rundreisen ist bei uns deutlich gestiegen. Das gilt für alle Ziele, besonders für Kuba, Südafrika und Indochina. Deutsche Urlauber sind reiseerfahren und wollen nicht im Hotelgetto bleiben.“ Hinzu komme: Das Interesse an fremden Kulturen sei sogar noch größer geworden.

Auch auf der Mittelstrecke sind Rundreisen gefragt: „Ziele wie Marokko oder die Türkei lassen sich ebenfalls einfacher organisiert bereisen“, sagt Brauns Kollege Alexander Wrede. Zunehmend beliebt sei außerdem die Kombination aus Rundreise und Badeurlaub.

„Rundreisen befriedigen ein elementares Bedürfnis des Menschen, die Neugier“, erklärt Ury Steinweg, Geschäftsführer des Anbieters Gebeco. „Das geht beim reinen Badeurlaub nicht.“ Ohnehin sei Reisen ursprünglich „Rumreisen“ gewesen und nicht Am-Strand-Liegen. Die große Wende sei erst mit dem Massentourismus gekommen: Die Pauschalreiseveranstalter wollten standardisierte Produkte verkaufen, und das hieß: Möglichst viele Gäste in denselben Flieger und dann für zwei Wochen an denselben Strand. „Logistisch gesehen sind Rundreisen das viel schwierigere Produkt“, erklärt Steinweg.

Tui bietet mehr als 300 Rundreisen und verzeichnet seit Jahren jeweils Zuwächse. „Für die Winterkataloge haben wir das Angebot noch einmal ausgebaut“, sagt Oliver Dörschuck, Fernreisechef des Veranstalters. „Bei den Buchungen liegen Kuba, Mexiko, Thailand und die USA vorne.“ Ein Trendziel sei Vietnam, aber auch Südafrika lege wieder deutlich zu. „Moderne Rundreisen müssen möglichst viel Abwechslung bieten“, sagt Dörschuck. Man habe daher auch die Palette der „Erlebnisrundreisen“ erweitert. Dazu zählen Programme wie „Erlesene Weine in Chile“ – Rundreisen also, die unter einem Motto stehen oder einen bestimmten Aufhänger haben. Ähnliche Akzente setzt Gebeco. Der Veranstalter ist vom Fachmagazin „Travel One“ soeben für ein ungewöhnliches Konzept in Südafrika ausgezeichnet worden: Unter dem Motto „Mythen und Legenden“ geht es dabei in 16 Tagen auf einer „literarischen Reiseroute“ von Johannesburg über den Krüger-Nationalpark bis Kapstadt.

„Rundreisen, bei denen vorn der Professor steht und so tut, als bestehe das Land nur aus Geschichte, sind out“, sagt Ury Steinweg. „Aktiv-Elemente“ werden dagegen wichtiger: „Wanderungen, Radtouren, Fahrten mit dem Heißluftballon oder Reiten auf einem Elefanten können zum Rundreiseprogramm gehören.“ Auch der Bus sei kein Muss mehr: „Wir fahren durch Äthiopien auch mit dem Geländewagen oder machen einen Teil einer Indien-Rundreise mit dem Kamel.“

Zwei weitere Trends zeichnen sich ab: Die Reisegruppen werden eher kleiner, das Spektrum der Zielgruppen wird größer. Die Veranstalter registrieren einerseits immer mehr aktiv reisende über 60-Jährige, andererseits wird das stärkste Wachstum bei den 30- bis 59-Jährigen, vor allem bei Paaren in diesem Alter erzielt.

Ein Problem allerdings gibt es bei Rundreisen, das Badeurlauber nicht kennen: die Mindestteilnehmerzahl. Melden sich nur zwei oder drei Interessenten, fällt das Angebot oft flach. Tui bietet für ihre Winterkataloge 2009/10 deshalb erstmals eine sogenannte Durchführungsgarantie bei Rundreisen an Fernzielen an.

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