Chemnitz : Glänzend aufpoliert

Chemnitz hat den Grauschleier gelüftet und präsentiert seine alten Industriebauten in neuer Pracht, mit moderner Funktion.

Marlis Heinz

Chemnitz hat viele Gesichter, nur eins ist die Stadt nicht: idyllisch. Zugegeben, es gibt hier und da stille Eckchen, schmale Gassen und am Schlossberg sogar ein paar jahrhundertealte Fachwerkhäuschen – aber sie prägen nicht das Antlitz. Chemnitz ist eine Stadt des 19., vor allem des 20. Jahrhunderts. Es stehen zwar Reste der Romanik, gotische Kerne der Gotteshäuser, ein paar Fassaden aus Renaissance und Barock – aber das sind einsame Hinterbliebene. Chemnitz ist eine Stadt, die sich einst einen opulenten Jugendstil und ein kühne Moderne leistete. Alles Altväterliche musste weichen, als die Industrie boomte. Das „Manchester Sachsens“ nannte sich Chemnitz damals stolz.

Heute ist die Stadt grüner als ihr Ruf. Parks behaupten sich wie Inseln im Dächermeer, Wälder stehen an dessen Ufern. Doch die Stadt liegt im Talkessel. Rund 460 Schornsteine haben hier in „besten Zeiten“ gequalmt. Damals, als es den Arbeitern der aufblühenden Textilindustrie bei Strafe verboten war, anderswo um Lohn und Brot nachzufragen, bekam der Ort den Beinamen „Ruß-Chemnitz“. Dieses alte Image liegt noch heute wie ein Grauschleier über der Stadt.

Bis vor ein paar Jahren war Chemnitz ein Nichts, mit einigen mitteilsamen Stadtvierteln drumherum. Bereits voller Wunden, hatte es beim Bombardement am 5. März 1945 auch noch seine Innenstadt verloren. In den 60er Jahren wurde die Ödnis neu bebaut. Teilweise. Helligkeit und Weite zu erzeugen, war die Absicht. Unwirtlichkeit schließlich das Resultat. Und fast mitten im zentralen Nichts stand er: der „Nischel“, was aus dem Hochsächsischen übersetzt soviel wie „Kopf“ heißt. Im Konkreten bezeichnet es das Karl-Marx-Denkmal. Die Großstadt bekam dieses Monument 1971 ebenso ungefragt wie 1953 den Namen des Philosophen, der die Stadt niemals gesehen hatte. Seit 1990 heißt sie wieder wie in den rund 800 Jahren zuvor.

Die Stadt hat sich nach anfänglichen Ressentiments eingerichtet mit dem Denkmal und versucht das Beste daraus zu machen – Werbung nämlich. Und als vor einiger Zeit der riesige Kopf zu einer Monumenteausstellung sollte, haben sie ihn nicht mal vorübergehend rausgerückt, die Ex-Karl-Marx-Städter.

Der Nachwende-Bauboom kam in der Chemnitzer City ein paar Jahre später an als in anderen ostdeutschen Städten. Dadurch wurde weniger Dutzendware hingepackt, sondern manch ein bemerkenswertes Stück moderner Architektur: die Galerie Roter Turm, die neuen Kaufhäuser der Innenstadt, die Zentralhaltestelle – die modernste Moderne halt.

Doch was die meisten Touristen in die Stadt zieht, sind vor allem die Zeugen des einstigen Wohlstandes: die backsteinernen Kathedralen der Industrialisierung, die Kleinode europäischer Gründerzeit- und Jugendstilarchitektur, die klassische Moderne, die Bauhaus-Konstruktionen und die musealen Sammlungen, die nicht wie in Dresden vom Hofe, sondern mit dem Geld der „neureichen“ Bürger zusammengetragen wurden oder die jetzt dazugekommen sind.

Nicht wenige dieser Sammlungen befinden sich in Gemäuern, die denselben Epochen entstammen wie die darin ausgestellten Kunstwerke. Die Kunstsammlungen Chemnitz – zu deren Schätzen zählt unter anderem eine der weltweit umfassendsten Strumpfsammlungen – sind in einem Museumsbau aus dem Jahre 1909 untergebracht. Der berühmteste Neuzugang ist die seit Ende 2007 zu erlebende Sammlung Gunzenhauser, die der Münchner Galerist auch deshalb nach Chemnitz gab, weil mit dem sanierten Sparkassengebäude aus dem Jahre 1930 die einhüllende Architektur und ausgestellte Kunst eine Symbiose bilden. Werke von Lovis Corinth hängen hier, von Conrad Felixmüller, von Paula Modersohn-Becker, von deren Zeitgenossen. „Und 30 Bilder von Otto Dix“, betont Kurator Thomas Friedrich. „Wir haben mit 290 Stücken die umfassendste Sammlung seiner Werke. Dadurch können wir die Vielfalt von Dix’ Handschriften veranschaulichen. Allein damit holen wir Kunstfreunde nach Chemnitz.“

Die meisten Fenster sind weiß verhängt. Die Kunstwerke baden so in milchigem Licht. Nur hier und da wurde ein Ausblick eingerichtet: drinnen die Bilder und Skulpturen, draußen die Neubaufassade, das Hotelhochhaus, die historischen Rathaustürme, der stets flutende Verkehr …

Das Tietz, 1913 als das damals größte und vornehmste Geschäftshaus Sachsens eröffnet, birgt heute unter anderem die naturhistorische Sammlung, die Bürger 1868 ihrem Heimatort geschenkt hatten. Das Wort „steinreich“ hat hier übrigens doppelte Bedeutung: Im Lichthof des Hauses erheben sich zahlreiche Stämme eines vor 290 Millionen Jahren bei einem Vulkanausbruch in der Region verkieselten „steinernen Waldes“. Auf eine ähnliche Perspektive darf sich das Kaufhaus Schocken freuen. Der Stahlbetonskelettbau von 1929/30, eines der wenigen erhalten gebliebenen Gebäude des Expressionisten Erich Mendelsohn, soll zum Haus der Archäologie umgebaut werden.

Aber auch einstige Produktionsstätten bekamen eine neue Funktion. In einem thematisch maßgeschneiderten Gemäuer – einer Werkzeugmaschinenfabrik und zuletzt Gießerei – an der Zwickauer Straße lebt das Sächsische Industriemuseum. Das alte Wanderer-Werk, früher Produzent von Schreibmaschinen, Fahrrädern und Autos, beherbergt das Veranstaltungszentrum Chemnitz-Arena. Ein einstiges Verlagshaus bietet die Hülle des Künstlerhauses Weltecho, dessen Veranstaltungs- und Ausstellungskalender unbedingt einen Seiten-Blick wert ist.

Sehenswert sind nicht zuletzt einige Chemnitzer Wohnviertel. Westlich der City hebt sich der Kaßberg aus dem Tal, ein Jugendstil-Stadtviertel, das die Bomber weitgehend verschonten. Die Fassaden hier lassen ahnen, dass nicht stimmt, was die Chemnitzer jahrhundertelang gern erzählten, nämlich dass aller in ihren Fabriken erarbeitete Reichtum in Leipzig verhökert und in Dresden verprasst wurde: Stuck, Kunstguss und buntes Glas, glänzende Majolikaornamente, ein Bilderbuch eines Zeitgeistes, in Stein gehauene und in Metall getriebene bürgerliche Wohlhabenheit zeigt sich.

Hat es Chemnitz also geschafft, sich den Grauschleier vom Antlitz zu reißen? Noch nicht ganz. Real existierender Dreckecken wegen, und weil das alte Image nicht so einfach zu polieren ist. Dennoch – warum nicht mal Chemnitz?

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