China : Absage oder jetzt erst recht?

Wer eine Chinareise gebucht hat, steckt in einem moralischen Dilemma.

Carina Frey,Andreas Heimann

Die Olympischen Sommerspiele im August in Peking sollen China touristisch nach vorne bringen. Die ganze Welt wird auf den Gastgeber schauen. Und sie wird durch farbenfrohe Fernsehbilder etwas über die Vielfalt von China als Reiseland erfahren – so weit die Theorie. Denn schon jetzt schaut die Welt auf China – allerdings wegen der Menschenrechtslage in Tibet. Mancher, der seine Chinareise schon gebucht hat, bekommt da moralische Bedenken. Fahren oder nicht – diese Entscheidung fällt nicht ganz leicht.

Ist es vertretbar, Urlaub zu machen, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden? Das ist eine schwierige Frage, findet auch Christian Thies, stellvertretende Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover: „Die Vorfälle in Tibet sind zu verurteilen. Ich finde es erwägenswert, eine Reise aus moralischen Gründen abzusagen, auch wenn es sicher noch wichtigere Dinge zu tun gibt.“ Thies sieht zum Beispiel Politiker stärker in der Pflicht als Urlauber.

Bei der Entscheidung für eine Reise spielten mehrere Überlegungen eine Rolle – etwa die Frage, ob die eigene Meinung überhaupt richtig ist. Denn möglicherweise wird das, was Menschen in Deutschland verurteilenswert finden, von den Bewohnern des Landes als richtig empfunden. Bei China sei die Situation jedoch eindeutig: „Da geht es um den Schutz von Minderheiten und die Einhaltung von Menschenrechten. Da kann man schon sagen, dass China nicht auf dem richtigen Weg ist – was übrigens viele Menschen im Land genauso sehen“, sagt Thies.

Durch den Verzicht auf eine China- reise gegen Pekings Politik zu protestieren, sei kein vielversprechender Ansatz – denkt dagegen Torsten Kirstges. Ein Reiseboykott würde die politische Führung nicht so stark treffen, dass sich ein Umdenken in der Tibetfrage erzwingen lasse, sagt der Tourismusforscher an der Fachhochschule Wilhelmshaven. Denn die Bedeutung des Tourismus für Chinas Wirtschaft sei nicht so groß, dass sich ein erheblicher Druck ausüben lasse.

Ein Reiseboykott bringe sogar Nachteile, sagt Kirstges: „Tourismus trägt immer auch zur Verständigung zwischen Völkern und Kulturen bei. Das geht langsam, aber sehr nachhaltig und kann von der politischen Führung auf Dauer auch gar nicht verhindert werden.“ Reisen nach China ermöglichten den Menschen dort Kontakte zu Europäern. Solche Kontakte seien positiv für die gesellschaftliche Entwicklung eines Landes. „Auf diese Weise lassen sich auch Berührungsängste und Vorurteile abbauen, die es auf chinesischer Seite gibt.“

Hinzu komme, dass China kein Land sei, in dem die Einnahmen aus dem Tourismus fast vollständig bei der Regierung landen. Ein Reiseboykott träfe daher nicht zuletzt die Chinesen, die Kontakte ins Ausland suchen und in der Reisebranche arbeiten. Urlauber könnten aber durchaus Konsequenzen ziehen, so der Forscher. Vernünftig sei zum Beispiel, über die Reiseform nachzudenken. Statt sich für die Standard-Pauschalrundreise zu entscheiden, seien Begegnungsreisen, bei denen Treffen mit Einheimischen fest zum Programm gehören, eine gute Alternative, sagt Kirstges. „Das halte ich für sehr sinnvoll.“ Wenn es die Möglichkeit gibt, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten und eigene Werte zu vermitteln, dann könnte das eine Reise eher legitimieren, meint auch Philosoph Thies. „In China sehe ich das aber kritisch. Als Tourist kommt man eher wenig mit den Menschen zusammen, weil man die Sprache nicht spricht.“

Bei einem Boykott stellt sich auch die Frage, was das eigene Handeln überhaupt bewirkt. „Wenn man als Einzelperson im stillen Kämmerlein entscheidet, nicht nach China zu reisen, besteht das Risiko, dass es nur der eigenen Gewissensberuhigung dient“, sagt Thies. Wer seinen Protest öffentlich machen möchte, könne mit Freunden oder der Reisegruppe darüber sprechen oder zum Beispiel den Veranstalter auffordern, Chinareisen auszusetzen. Wenn viele Menschen dem Land fernblieben, habe das Auswirkungen, etwa weil Devisen verloren gehen. Jeder müsse für sich entscheiden, sagt Thies.

Ein kostenloser Reiserücktritt aus moralischen Gründen wird dabei allerdings nicht das Ergebnis sein – denn für einen solchen Schritt fehle Touristen die Handhabe, sagt die Reiserechtlerin Sabine Fischer von der Verbraucherzentrale Brandenburg in Potsdam. Absagen lasse sich eine Reise zwar immer, allerdings müssten im Falle Chinas die Urlauber die Stornokosten tragen. Das dürften bei „Olympia-Reisen“ im August derzeit – also gut viereinhalb Monate vor den Spielen – etwa 30 Prozent des Reisepreises sein. Wer moralische Bedenken hat, sollte mit einem Reiserücktritt allerdings nicht lange warten. Denn je näher der Reisetermin heranrückt, desto höher wird auch der Stornokostenanteil.

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