China-Rundreise, Teil 1 : Stau bei Kaiserin Cixi

Einmal durch China - wohin führt das? Notizen zwischen Sommerpalast und Terrakotta-Armee.

Hella Kaiser
Souvenirs
Die Chinesen mögen es eng: Selbst ihre Ware - hier Souvenirs in der Pekinger Altstadt - stellen sie selten luftig hin. -Foto: Hella Kaiser

Menschengewusel vor der Halle des Wohlgefallens, Gedränge im Garten der Tugend und kein Durchkommen zur Halle der Erheiterung: Der Sommerpalast vor den Toren Pekings ist der größte Park Chinas. Etliche Kilometer liegen zwischen Ost- und Westtor. Mittendrin achteckige Pavillons, Pagoden und Tempel in einer Gartenlandschaft am Kunming-See. Idyllisch, wären nicht so unglaublich viele Menschen hier. Es ist unmöglich, die Deckenmalereien im überdachten Wandelgang zu bewundern, wenn man immerzu angerempelt wird. „Heute ist Sonntag, da kommen noch mehr Einheimische als sonst“, sagt Xiao-hei, Deutschstudent und Stadtführer. Lächelnd entlässt er uns ins Geschiebe. Treffpunkt am Steinschiff der Kaiserin Cixi in zwei Stunden.

Die Rundreise durch „die Metropolen Chinas“ ist nur mit Halbpension gebucht. Gut so. Dann kann man abends auf eigene Faust essen gehen. „Ganz einfach“, versichert Xiao-hei, in vielen Restaurants gebe es Speisekarten mit Fotos drauf. Kaum haben wir Platz genommen, wird uns prompt so ein Bilderbuch vorgelegt. Drei Kellnerinnen bauen sich an unserem Tisch auf und schauen gespannt zu, worauf wir tippen werden. Der Hühnertopf sieht verlockend aus, ob er sehr scharf ist? Die jungen Frauen verstehen kein Englisch und kichern. Eine vierte Kraft wird aus der Küche geholt. Ihre Englischkenntnisse erschöpfen sich im freundlich wiederholten „Hello, hello“. Wir ordern – und alles ist hervorragend und preiswert. Das Lächeln der Kellnerinnen ist gratis. Trinkgeld wird verschämt abgelehnt.

Frühmorgens ist Peking schon hellwach. Xiao-hei ist pünktlich zur Stelle. „Jetzt bekommen Sie gleich richtig mit, dass wir ein Volk von 1,3 Milliarden Menschen sind“, sagt er. Die Busse sind gestopft voll. „Die U-Bahn sollten Sie so früh am Tag und auch spätnachmittags meiden“, warnt der Chinese. Komme man auf der Treppe ins Straucheln, könne das gefährlich werden …

Auf den Bürgersteigen hasten Menschen vorüber, die Autos stecken fest. Unser Kleinbus ist auf eine sogenannte Schnellstraße eingebogen, zentimeterweise quält er sich vorwärts. IOC-Chef Samaranch sei einst im Hubschrauber über die Metropole geflogen, erzählt Xiao-hei, und habe beim Anblick der Staus anerkennend gemurmelt: „Schön, dass die Parkplätze schon lange vor den Olympischen Spielen fertig sind.“

Die wenigen Fahrradfahrer begnügen sich mit dem handbreiten Raum zwischen Rinnsteinen und Autos. Biegt ein Auto rechts ab, springen sie im letzten Moment vom Rad. Wer als Fußgänger bei Grün eine Kreuzung überquert, muss höllisch aufpassen. Gibt es keine Regeln in diesem Land? „Doch, die Regierung hat viele erlassen“, sagt Xiao-hei. Aber die Fahrer hätten eben keine Moral.

Am Platz des Himmlischen Friedens wachen Polizisten über die Ordnung. Einige in Uniform, und noch viel mehr, so heißt es, in Zivil. „Der Handel auf diesem Platz ist verboten“, sagt Xiao-hei. Sekunden später nähert sich ein Mann und raunt: „Hello, Lolex, Lolex, Student discount.“ Ein anderer blättert einen Fächer mit Postkarten auf. Auch Uhren mit Maos Konterfei sind im Angebot, viel günstiger als in dem offiziellen Devotionalienladen auf dem Platz, nahe dem Mao-Mausoleum.

In Peking kommt man prima individuell zurecht. Man muss sich nur im Hotel aufschreiben lassen, wohin man will. In den meisten Mittelklassehotels wird an der Rezeption Englisch gesprochen. Mit dem Zettel steigt man dann in ein Taxi, reicht ihn dem Chauffeur – und kommt richtig an.

Taxis sind unglaublich billig, und die Chauffeure mogeln nicht. Am Ende der Tour spuckt der kleine Automat im Fahrzeug eine detaillierte Rechnung aus. Aber was will man in einem Taxi bei diesem Verkehr? Mit der U-Bahn ist man viel schneller – und alles ist ausgezeichnet beschildert. Jede Station ist auch auf Englisch ausgewiesen, der Ticketkauf am Schalter kinderleicht.

Auf unserem Zettel steht „Old Town“. Von der U-Bahnstation gehen wir zu Fuß weiter. Wieder zeigen wir den Zettel ein paar Mal, und immer wird uns freundlich die Richtung gezeigt. Viel ist nicht mehr übrig vom alten Peking. Einige Gassen, die sogenannte Touristenmeile, sind halbwegs intakt. Dahinter ist es marode, notdürftig geflickt, halb verfallen.

Wie können Menschen hier leben? Irgendwo am Ende einer schmalen Gasse putzt sich eine Frau die Zähne über einer Wasserrinne, hier und da wird gebacken, gebruzzelt und gekocht. In einer Ecke wird ein Kind abgehalten, die Hose kann anbleiben, sie ist am Po praktischerweise geschlitzt. Wir fühlen uns wie Eindringlinge in fremder Menschen Wohnzimmer – und blicken doch immerzu in freundlich-lächelnde Gesichter.

Ein Maler hat seine Staffelei aufgebaut. Auf seiner Leinwand sehen die bröckligen Mauern richtig romantisch aus. Bald wird das gemalte Bild historisch sein. Längst ist das Viertel von hässlichen Hochbauten umzingelt, Bulldozer sind zu hören.

Auf dem gebuchten Programm steht – natürlich – die Verbotene Stadt. Aber deren Hallen und Höfe sind nicht halb so spannend wie der Weg dorthin. Am Fuße des grün bewachsenen „Kohlehügels“ herrscht helles Gezwitscher. Vögel tirilieren in Dutzenden von Käfigen, die in den Bäumen hängen. Unten sitzen alte Männer und plaudern. Oh, ein Vogelmarkt? „Nein“, sagt Xiao-hei. „Die Leute treffen sich hier und bringen ihre Vögel von zu Hause mit.“

Könnte man bloß verstehen, worüber hier palavert wird. Die Sprache ist ein Hindernis. Dabei braucht man nur „Ni hao“ zu wünschen, schon strahlen die Leute. Ni hao heißt Guten Tag.


BADALING

Es gibt verschiedene Orte, an denen man die Große Mauer bewundern kann. Aber die meisten Pauschaltouristen werden nach Badaling gekarrt. Bereits 1957 wurde hier ein großes Teilstück des steinernen Grenzwalls restauriert. Es gibt Shops, Cafés und Restaurants. Wir haben knapp zwei Stunden Zeit. „Sie können nach Osten gehen oder nach Westen“, sagt Xiao-hei. Er empfiehlt die östliche Seite: „Dort geht es steiler hinauf, deshalb sind da immer weniger Leute.“

Heute hätten wir sowieso Glück, es sei ziemlich leer. Er kenne das auch anders. Beim Frühlingsfest etwa oder während der Ferienzeiten der Chinesen, die neuerdings je eine Woche im Mai und September Urlaub machen können. Dann sei praktisch das ganze Volk gleichzeitig auf den Beinen – und viele buchten Trips zu den heimatlichen Sehenswürdigkeiten. „Wenn die Massen dann abends verschwunden sind, finden sich auf der Großen Mauer mehr als hundert einzelne Schuhe“, amüsiert sich Xiao-hei. Es wimmele so vor Leuten, dass leicht ein Schuh des Vordermannes abgetreten werde. Absolut keine Chance, den Schlappen zwischen der schiebenden Menge wieder aufzuheben. Auf der Mauer kann man shoppen: T-Shirts, Hüte, in Stein gemeißelte Bilder und alberner Schnickschnack. Geht man weit genug, dünnt sich die Riege der Händler aus. Und das gigantische Bauwerk entfaltet seine Wirkung.


XI'AN

Einige Krieger der Terrakotta-Armee waren schon in Ausstellungen in Europa zu sehen. Aber nur hier, nahe Xi’an, kommen sie richtig zur Geltung. In einer Halle stehen auf einem riesigen Feld rund 7000 Figuren, oft 1,80 Meter groß. 1974 stießen vier Bauern beim Brunnengraben auf Scherben – es war der Beginn der sensationellen Entdeckung. Einer der Bauern, Yang Quanyi, sitzt täglich am Eingang des riesigen Souvenirdepots und signiert Bildbände. Gerade macht er Pause. Aber sein Lehnstuhl ist da, eine Teetasse mit Deckel und eine lange Pfeife. Einige Bücher hat er schon auf Vorrat signiert. „Er war pfiffiger als die übrigen drei Bauern“, sagt Xiao-hei. „Er hat was aus dem Zufall gemacht, nun lebt er sehr gut.“

In der Nähe der Ausgrabungsstätte ist das Grab des Qin Shi Huangdi, der die Terrakotta-Armee 246 vor Christus formen ließ. Unter seinem 64 Meter hohen Grabhügel vermuten Archäologen weitere Schätze. Wann wird man sie heben? „Keine Ahnung“, sagt Xiao-hei. Man munkle von Gift, das der Herrscher sich mit ins Grab legen ließ. So habe er sich auch nach dem Tod vor Feinden schützen wollen. Außerdem: Eine neue Attraktion brauche breitere Straßen und noch mehr Parkplätze. Die riesigen, die man für die Besucher der Terrakotta-Armee gebaut habe, reichten schon jetzt nicht mehr aus.

Xi’an ist eine angenehme Stadt. Auf der rund 14 Kilometer langen, an manchen Stellen gut zwölf Meter breiten Stadtmauer kann man in aller Ruhe flanieren. Die Mauer ist picobello restauriert.Vor vier Jahren wurde der mächtige Glockenturm am Südtor renoviert, ein „Gesichtsprojekt“, heißt es. Damit werden Regierungsbauten bezeichnet, die vor allem Besuchern Eindruck machen sollen. Auch das im Bau befindliche neue Theater und gigantische Wasserspiele seien „Gesichtsprojekte“. Hinter den Fassaden nimmt man es allerdings nicht so genau. Das neue, hohe Grand New World Hotel, ein komfortables Vier-Sterne-Haus, wurde exakt vor ein Stück Stadtmauer gesetzt. Vom Zimmer aus gucken wir auf riesige Satellitenschüsseln, die in eine Tempelanlage montiert sind.

In Xi’an gibt es auch ein quirliges muslimisches Viertel. Aber selbst dort wissen die Leute nicht, wie man richtig feilscht. Überhaupt möchte man alle Chinesen zur Schulung in ein arabisches Land schicken. Denn: Sie können es einfach nicht. „Was kostet der Buddha?“ – „1500 Yuan.“ – „Zu viel“, sagt man und wendet sich ab. Schon purzelt der Preis, ohne dass der Kunde zu Wort kommt. 1000 Yuan, 500 Yuan, 350 Yuan … Was so schnell an Wert verliert, kann nichts taugen. Da kauft man eben nicht. Und schaut sich lieber um. Vor einem Restaurant hocken acht junge Männer in den gleichen grünen Kitteln und ziehen Krabben auf Spieße. Abenteuerlich hoch beladen rollen dreirädrige Karren vorbei. Wie kann bloß ein einzelner Mensch solche Lasten Pedale tretend vorwärtsbringen? Die Busse sind auch hier brechend voll – und viele fahren abends ohne Licht. Warum nur? So viele Eindrücke, so viele Fragen.

In der kommenden Woche setzen wir die Rundreise durch China fort. Es geht per Flugzeug nach Guilin und von dort mit dem Schiff auf dem Li-Fluss nach Yangshuo. Die letzte Station der Reise ist Schanghai.

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