Clubreisen : Bei Tisch sollt ihr acht Freunde sein

Club Méditerranée wird 60, der deutsche Robinson-Club 40 Jahre alt. Spaß, Sport und Animation gibt’s immer noch, doch der Gast darf auch allein sein.

Horst Schwartz
Disco unter Palmen, auch das ist Cluburlaub anno 2010, etwa in der Robinson-Anlage auf dem Gaaf-Alif-Atoll (Malediven). Foto: Tobias Hauser/laif
Disco unter Palmen, auch das ist Cluburlaub anno 2010, etwa in der Robinson-Anlage auf dem Gaaf-Alif-Atoll (Malediven). Foto:...Foto: Tobias Hauser/laif

Der Belgier Gérald Blitz hatte vor 60 Jahren eine zündende Idee. Dem damals 38-Jährigen mit der bewegten Vergangenheit als Mitglied der Résistance, Leistungssportler und Diamantenschleifer schwebte nach Kriegswirren und entbehrungsreichen Jahren eine völlig neue Urlaubsform vor: Ferien in der Gemeinschaft mit viel Sport und Aktivitäten im Freien. Willkommen im Club! Dieser Urlaubsidee folgten später auch die Deutschen: Auch der Club Robinson feiert in diesen Tagen – seinen 40. Geburtstag. Ein Blick zurück zu den Anfängen einer Ferienform, die noch heute modern ist.

Komfortable Quartiere waren Gérald Blitz, dem Erfinder des Cluburlaubs, unwichtig. Ihm genügten alte Armeezelte, die er 1950 am pinienbestandenen Strand von Alcudia auf Mallorca aufbauen ließ. 2300 Franzosen ließen sich im Geburtsjahr des Cluburlaubs locken mit Feriengenuss ohne lästige Etikette. Nahezu 10 000 mussten sich auf einer Warteliste gedulden.

Ein Erfolg, doch eine Fortsetzung gab es im Jahr darauf nicht: Die prüden spanischen Behörden, die damals auch das Tragen von Bikinis unter Strafe stellten, verboten den Cluburlaub mit seinen suspekt lockeren Umgangsformen. Blitz wich nach Baratti an der toskanischen Küste aus. Noch im selben Jahr lernte er Gilbert Trigano kennen, wie Blitz einst Kämpfer in der Résistance. Der Journalist und gelernte Buchhalter Trigano war zu der Zeit in dem Unternehmen seines Vaters tätig, das den Club von Blitz mit Zelten und Campingausrüstung belieferte. Trigano trat schließlich drei Jahre später in die Geschäftsführung des Clubs ein. Inzwischen hatte Blitz auf der griechischen Insel Korfu ein erstes Hüttendorf im polynesischen Stil gebaut. Die sollten das Image des Clubs lange prägen, auch dann noch, als sie aus dem Angebot verschwunden waren; Club Méditerranée war längst vom gemeinnützigen Verein zum kommerziellen Reiseveranstalter mutiert.

Ab 1963 baute der Club nur noch Bungalowanlagen. Auch das „Collier de bar“, die Perlenkette als Zahlungsmittel, trug zum freiheitlichen Image des Club Med bei. Zwar hat die Perlenkette den Wandel der Zeiten nicht überlebt, doch die Achtertische aus der Gründungsepoche sind geblieben. Serviert wird erst, wenn alle acht Plätze besetzt sind – das zwingt die Urlauber an den Tisch und damit zur Geselligkeit. Entstanden ist diese Einrichtung allerdings aus einem ganz praktischen Umstand heraus: Die Gäste der ersten Jahre reisten mit dem Zug in Achterabteilen an. Die dort geknüpften Freundschaften sollten nach Blitz’ Vorstellung mühe- und nahtlos im Cluburlaub fortgesetzt werden. Auch das – mittlerweile unter Warenschutz gestellte – System der G.O.s ist geblieben, der Gentil Organisateur genannten Clubmitarbeiter vor Ort. Ein Cluburlauber heißt Gentil Membre.

Der Club Med betreibt heute „die größte Sportschule der Welt“. 60 Sportarten können in den 80 Clubresorts rund um den Globus betrieben werden. Jeglicher Sport ist im Preis inbegriffen, lediglich für Intensivkurse muss extra gezahlt werden. Für sportliche Kinder wurde in acht Clubs die Club-Med-Akademie der Champions kreiert, in der sie Fußball oder Tennis, Wasserski oder Segeln, Golf oder Karate lernen. In 20 Clubresorts gibt es für die Kids sogar eine Zirkusschule mit fliegendem Trapez. Außerdem engagiert sich Club Med auch noch in der Kreuzfahrt: 1989 hieß es „Leinen los“ für die „Club Med 1“, das größte jemals gebaute Passagier-Segelschiff mit Kapazität für 450 Passagiere.

Längst haben die Clubanimateure dazugelernt und gehen den Gästen nicht mit ihren Mitmachwünschen auf den Keks. „Entsprechend dem heutigen Zeitgeist“, betont eine Clubsprecherin, „bieten wir unseren Gästen zu jeder Zeit die Wahl zwischen individuellem Rückzug auf großem Raum und Unterhaltung mit Menschen aus aller Welt.“ Individueller Rückzug auf großem Raum: Das bedeutet viel Platz, und den zu beschaffen ist teuer. Derzeit investiert der Club unter dem heutigen Geschäftsführer Henri Giscard d’Estaing, dem Sohn des früheren französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing, viel Geld, um bis 2012 zwei Drittel aller Clubanlagen auf das Niveau von vier oder fünf Tridents zu heben. Tridents, Dreizacke, nennt der Club Med seine „Sterne“, die er an die Resorts vergibt. Der neue Club Sinai Bay in Ägypten, der noch in diesem Jahr eröffnet wird, besitzt vier Tridents und einen Bereich mit fünf Tridents – im Komfort ist er Lichtjahre vom Zeltclub im Gründungsjahr entfernt. „Wer sich in Englisch oder Französisch nicht ganz sicher fühlt, hat in Sinai Bay keine Probleme“, heißt es in einer Verlautbarung des Clubs zur Neugründung, „deutschsprachige G.O.s helfen, wo sie können.“

Die Sprache ist wohl einer der Gründe dafür, dass der Club Med in Deutschland nie so richtig auf einen grünen Zweig kam, auch als der Veranstalter Dertour von 1998 bis 2006 exklusiv den Vertrieb übernahm: Der Marktanteil liegt derzeit bei schlappen 4,1 Prozent. Zwar gibt es einige Clubs mit deutschsprachigem Personal, aber grundsätzlich will der Club Med keine einheitliche Clubsprache etablieren – also keine „deutschen“ Clubs ins Leben rufen. „Gerade die Internationalität ist es, die unsere Urlauber schätzen und die wir auch bieten möchten“, betont die Clubsprecherin.

Genau das Gegenteil ist beim Robinson-Club der Fall, der soeben sein 40-jähriges Bestehen feiert: Beim Marktführer buchen 64 Prozent der Deutschen, die einen Cluburlaub verleben möchten. Vor allem auch wegen der Clubsprache Deutsch. Nun ist es keineswegs so, dass eher Ungebildete der Sprache wegen bei Robinson buchen: Fast 52 Prozent der Urlauber haben einen Hochschulabschluss. Zwei von drei Cluburlaubern verfügen über ein Netto-Haushaltseinkommen von mehr als 4000 Euro.

Der Hotelbetreiber Steigenberger und der Reiseveranstalter Tui riefen vor genau 40 Jahren den Robinson-Club ins Leben, weil es in einem neuen Steigenberger-Hotel in Jandia Playa auf Fuerteventura zu wenige Gäste gab. Vier Jahre später eröffnete Robinson die erste nach eigenem Konzept entwickelte Anlage in Kenia. Heute sind im Katalog mit dem Titel „Zeit für Gefühle“ 24 Clubanlagen zu finden, darunter nur eine in Deutschland: der Robinson Club Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern. Seit mehr als 20 Jahren ist Robinson eine 100-prozentige Tui-Tochter.

330 000 Urlauber buchten vergangenes Jahr bei Robinson. Sieben von zehn Clubgästen sind Stammgäste, die alljährlich von Club zu Club wechseln. Sie bleiben Robinson treu, auch oder gerade weil er sich im Laufe der Jahre sehr gewandelt hat. „Früher hatten die Gäste nur Interesse an den Aktivitäten“, beschreibt eine Robinson-Sprecherin die auffälligste Veränderung, „heute verlangen die Gäste viel Komfort, vor allem bei den Zimmern.“ Auch die Unterhaltung ist dem Zeitgeist gefolgt. Früher wirkten viele Urlauber bei den berühmt-berüchtigten Gästeshows mit, heute arbeiten in allen Unterhaltungssparten nur Profis. Fazit: „Es gibt heute viel weniger Klamauk auf der Bühne.“

Essen war bei Robinson immer ein großes Thema. Statt überbordender Büfetts bekommen Robinson-Gästen heute „Klasse statt Masse“, kleinere, aber feine Portionen serviert. Doch eines hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht geändert: Der Robinson-Club hat sich, von vielen unbemerkt, von Anfang an den Umweltschutz auf seine Fahnen geschrieben. Schon die Anlage Jandia Playa wurde mit regenerativen Energien betrieben. Als im April 2008 der Robinson-Club in Agadir eröffnet wurde, ging mit ihm die größte Solaranlage des Landes in Betrieb. Das Wörtchen „Club“ wurde zwar einst als nicht mehr zeitgemäß aus dem Namen gestrichen. Gleichwohl: Für den Clubgedanken sehen neben den Franzosen auch die Robinsons noch eine rosige Zukunft.

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