Reise : Das Atelier am Wasserfall

In Bad Gastein wird die gute alte Sommerfrische belebt – mit einem spannenden Kulturfestival

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Idylle reicht nicht mehr. Bad Gastein sucht kreative Wege in die Zukunft. Foto: mauritius
Idylle reicht nicht mehr. Bad Gastein sucht kreative Wege in die Zukunft. Foto: mauritiusFoto: Mauritius

Das rote T-Shirt von Philipp Fürhofer ist verschmiert, Farbtuben stapeln sich im Raum, aus dem Laptop klingt Musik. Neben dem Künstler das halbfertige Werk: eine Alpenidylle, zwei kleine Figuren am Fuß eines mächtigen Wasserfalls, geborgen in mythischer Landschaft. Doch der naive Friede auf dem Acrylbild ist vielfach gebrochen. Der 29-jährige in Berlin lebende Künstler meint, dass Pathos, Glaube, Glück, all diese Dinge heute synthetisch daherkommen. Allerlei „Quatsch“, wie er es nennt, hat er hinter das Bild montiert, kitschige Plastiktaschen, Spritzpistolen und eine brennende Glühbirne.

Vor dem Fenster hat Fürhofer indes keine synthetische, sondern echte, urwüchsige Natur: Der gewaltige Wasserfall von Bad Gastein wälzt sich, aus den Hohen Tauern kommend, sprühend und brüllend ins Tal hinunter, Gischt schleudert gegen die Scheiben des alten k. u. k-Kraftwerks, das diesen Sommer zur „Kunstresidenz“ geworden ist. Sieben junge Künstler haben hier Atelier bezogen – als Gäste des Festivals „sommer.frische.kunst“, das noch bis Mitte September dauert.

Die Koreanerin Kyung-Hwa Choi-Ahoi fängt seit Jahren mit unfassbarer Disziplin Alltagsbeobachtungen in Zeichnungen ein, genau zwei pro Tag, mehr als 4500 sind bereits entstanden. Henrik Eiben will den Malereibegriff mit Stoffen, Hartschaum und Glas erweitern. Und Mirko Reisser, bekannt als DAIM, hat eine Mauer über dem Kraftwerk – dort, wo die größte der Bad Gasteiner Thermalquellen entspringt –, mit einem kraftvollen Graffito verziert.

Das Kraftwerk steht tief im Tal, dort, wo das Wasser am stärksten ist und krachend auf den Fels schlägt. „Ich fühle mich wie trockener Schwamm, der das alles aufsaugt und sich durchspülen lässt. Man kann hier gut loslassen“, sagt Eiben. Und Fürhofer ergänzt: „Dieser Ort hat definitiv eine gute Energie. Das Wasser bringt eine irre Kraft mit sich, es ist eine fantastische Inspirationsquelle.“

Die Dynamik, die vom Wasserfall, dem Kraftwerk und den Thermalquellen ausgeht, will Doris Höhenwarter jetzt nutzen, um das Ortszentrum wiederzubeleben. Die Leiterin des Kur- und Tourismusverbands hat, gemeinsam mit der Hamburger Kunstsammlerin Andrea von Götz, das Festival „sommer.frische. kunst“ entwickelt – es soll gewissermaßen die Rettung sein. Denn ein Investor, ausgerechnet aus Wien, lässt fünf der wichtigsten Gebäude Bad Gasteins seit Jahren leer stehen. Der Ort ist zwar weit davon entfernt, eine „Geisterstadt“ zu werden, wie die österreichische Presse hämisch lästert, aber der Glanz des einst mondänen Kurbades ist verblasst.

Betroffen sind insbesondere die Gebäude, die für die Identität der 4000-Einwohner-Gemeinde besonders wichtig sind. Das Badeschloss etwa: Erbaut hat es der letzte Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo – der vor allem berühmt wurde, weil er Mozart in Richtung Wien vergrault hat. Nach 1871 wurde das Badeschloss zum bevorzugten Sommersitz von Kaiser Wilhelm I. und von Bismarck, die hier den anderen Kaiser, Franz Joseph, empfingen. Oder das Hotel Straubinger gleich gegenüber: Seit 1470 im Familienbesitz, unglaubliche 27 Generationen lang. Heute verwehrt ein hässlicher Bauzaun den Zugang. Marmortafeln, selbst schon wieder historisch, halten die Vergangenheit lebendig. Eine erinnert an Franz Grillparzer, der im Straubinger logiert hat, eine andere an Franz Schubert. Der „Liederfürst“, heißt es dort, habe in Gastein eine Symphonie begonnen, die „durch ein Mißgeschick“ verschollen sei. Heute weiß man, dass es sich um die Große C-Dur Symphonie handelt. Und die erfreut sich größter Beliebtheit auf den Konzertpodien.

Joseph Angerer, 79, hat die Ausläufer der großen Zeit noch mitbekommen. Heute betreut er ehrenamtlich das kleine, aber vorzügliche Gasteiner Museum im ehemaligen Grand Hotel d’Europe. Früher führte er ein Sportgeschäft, auch der Schah von Persien war zu Besuch. „Der hatte noch nie ein Skigeschäft gesehen. Er konnte überhaupt nicht Skifahren, aber er war so begeistert, dass er sofort alles kaufte, was ich im Laden hatte.“ In den 60er Jahren begann Bad Gastein, sich zum Wintersportort zu wandeln. Das Publikum veränderte sich auch. „Wir haben 1,2 Millionen Übernachtungen im Jahr“, erzählt Angerer. „Früher war es nur ein Drittel. Aber dieses Drittel brachte zehnmal so viel Geld in die Stadt.“ Wie gesagt, die Belle Epoque ist lange vorbei. Das kommerzielle Zentrum Bad Gasteins hat sich zum Bahnhof verlagert. Dort empfangen gleich zwei Thermen – die „Felsentherme“ und die „Alpentherme“ – Tagesbesucher. Viele Gasteiner Drei- und Vier-Sterne-Hotels haben eigene Anschlüsse, die das radonhaltige Thermalwasser, das vor 2500 Jahren versickert ist, direkt in die Hotels leiten. Es kommen immer noch Kurgäste, darunter viele Selbstzahler. Doch sie bleiben keine drei Wochen mehr, wie es eine klassische Kur verlangt. So viel Zeit nimmt sich kaum noch jemand.

Gerade deshalb will „sommer.frische.kunst“ mit seinem Namen auf die gute alte Sommerfrische anspielen. Besucher sollen sich wieder Zeit nehmen. Sie können dabei zum Beispiel Werke der sieben Kunstresidenz-Bewohner im Hotel „Miramonte“ und in einem kleinen gläsernen Pavillon neben dem Gasteiner Museum besichtigen, Jazzkonzerte und Theateraufführungen besuchen oder sich Kinofilme mit Gastein-Bezug ansehen, etwa mit Georg Thomalla, der hier begraben ist. Die Lichtinstallation „Shining“ von Tomas Hoke bringt noch bis 18. September den Ortskern zum Leuchten, und in der Schlucht, wo die radonhaltigen Thermalquellen entspringen, präsentieren weitere österreichische Künstler ihre Werke.

Auch nach Ende des Festivals empfiehlt sich ein Besuch. „Oktober ist hier die schönste Zeit“, sagt Doris Höhenwarter, „der Skitrubel hat noch nicht begonnen, es ist ein super Bergmonat, keine Hitzegewitter, tolle Fernsicht.“ Und die Chance, eine ganz neue Nahsicht auf Bad Gastein zu gewinnen.

Informationen: Das Festival „sommer.frische.kunst“ ist noch bis zum 18. September zu erleben. Internet: www.sommer-frische-kunst.at

Informationen für Kurgäste bei der Touristeninformation Bad Gastein, Telefonnummer: 00 43 / 643 23 39 30, im Internet: www.gastein.com

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