Reise : Das Glühen am großen Fluss

Die Langnase, die an diesem verregneten Nachmittag durch Chizhou schlendert, ist gewiss nicht die erste Langnase, die durch diese Gassen und Straßen spaziert. Aber sie wird so angestarrt. Und es ist schon ein sehr überraschendes Erlebnis, wenn man schon ein paar Tage in China unterwegs war, in diesem China, das sich nach etwa 2000 Jahren Geschichte in knapp einer Dekade mal eben neu aufbaut, sich mal eben erhebt zum Hotspot der Welt, dann ist es wirklich schon sehr überraschend, wenn man angestarrt wird wie eine Erscheinung. Chizhou ist mit seinen 1, 4 Millionen Einwohnern wohl nur in chinesischen Augen der letzte Weiler von China, und doch drehen sich die Menschen um nach der Langnase im Regen, freundlich, staunend kommen Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm des Weges, und die Kinder zeigen lachend auf die Langnase, und wenn sie nah genug dran sind im Gedränge der Markthalle, dann stupsen sie die Nase an. China rocks the world mit ungebremster Expansion, mit ungehemmtem Kapitalismus, den sie sich in Manchester abgeschaut haben müssen, damals, als in Europa die Industrialisierung begann und keine Rücksicht nahm auf Mensch und Natur?

Oder doch auch in Chizhou? Der Taxifahrer, der die westliche Erscheinung dann am Ende anhand eines vorbereiteten Zettels mit chinesischen Schriftzeichen zum Schiff auf dem Jangtse bringt, war irgendwann auf der Fahrt ganz aufgeregt und zeigte auf eine große Baustelle und sagte irgendetwas, was die Langnase nicht verstand. Dem Taxifahrer aber war es so wichtig, dass er es am Schiff den englischsprachigen Chinesen noch einmal wiederholte. Er hatte gesagt: „Da kommt im nächsten Jahr der Flughafen hin, und dann kommt das Fieber auch zu uns.“

Ein Flughafen? Die Baustelle war eigentlich mehr eine Brache, mit ein paar Bulldozern darauf, ein paar Kränen. Im nächsten Jahr? Aber weiß man’s in diesem China des 21. Jahrhunderts? Das Fieber nämlich ist zu hören, zu riechen, zu sehen. Und selbst wenn man eine an sich sehr gemächliche Flussfahrt von Chongqing nach Schanghai auf dem Jangtse unternimmt, begleitet einen das Fieber. Es lärmt in Chongqing aus den Docks, es qualmt und stinkt ein paar Flussmeilen abwärts aus den Schloten am Ufer, es platscht aus den Kohlebergwerken direkt in die Frachtkähne, und wenn die überlaufen, dann platscht es ungebremst ins Wasser. Ins Wasser? In die Brühe. Und bis spät in die Nacht blitzt es auf, wenn die Schweißgeräte immer noch keine Ruhe geben.

Nur am dritten Tag der Reise, da ist das Fieber nicht zu sehen, weil es schon vom Wasser verschluckt ist. Das Schiff stampft dann über den Drei-Schluchten-Stausee, und auf dem ist nur noch der Wahn zu sehen, den das Fieber produziert hat. Im Schiff, der „Victoria Prince“, hängen chinesische Malereien. Da sind auch die Schluchten drauf und der Fluss, gewaltige Schluchten sind dies, und unten am Boden, da, wo das Wasser fließt, sind sie sehr eng. Steil und mächtig erheben sich die Berge an den Ufern, und man ahnt die wilde Schönheit dieser grandiosen Flusslandschaft. Aber wenn man dann an Deck tritt und das Gemälde mit dem Original vergleichen will, dann sieht man, dass die Wirklichkeit nur noch eine Fälschung ist. Die Schluchten, sie sind nicht mehr, seitdem der Stausee angeschwollen ist auf einen Pegelstand von derzeit etwa 160 Metern. Der reißende Fluss ist ein behäbiger Strom, die Berge sind Hügel, die Loreley oder jede Moselfahrt kann es an Erhabenheit mit den drei Schluchten aufnehmen. Hier und da ragen noch Bauernhütten aus dem Wasser, sieht man die Bauern ihre Felder bearbeiten – und daneben steht ein Schild, 175 steht darauf, was die endgültige Staustufe sein wird, die im nächsten Jahr erreicht wird. Die Markierung liegt höher, als das Bauernhaus ist, das wird dann auch verschwunden sein im Wahn.

Am Nachmittag erzählt Michael Yang, der Flussbegleiter, die Geschichte des Flusses. Er spart auch keineswegs die Probleme aus, die dieses gigantische Bauprojekt mit sich gebracht hat, die Probleme der Umsiedlung von mindestens 1,2 Millionen Menschen – zwei Städte, elf Kreisstädte, 1352 Dörfer wurden geflutet. Er spricht die Verseuchung des Wassers an – von Chongqing an waren die riesigen Rohre zu sehen, aus denen alles Mögliche fließt, nur kein Wasser, es sind viele Rohre, allein der Großraum Chongqing hat im vergangenen Jahr 800 Millionen Tonnen Industrieabwasser in den Jangtse geleitet, und die 30 Millionen Menschen, die im Einzugsgebiet dieser Metropole leben, produzieren auch täglich Abwasser, das ungefiltert in den Fluss gelangt. Schließlich die Sedimentierung – der Jangtse ist ein Gebirgsfluss, er führt Unmengen Sand mit sich, und eigentlich sollte der Staudamm und seine Turbinen jährlich 84,7 Millionen Kilowatt produzieren, ob es dort jemals hinkommt, ist fraglich, weil die Sedimente, die der Fluss mitbringt, den Turbinen sehr, sehr schnell zusetzen werden. Man sieht draußen die Hügel vorbeiziehen, man hört den Vortrag, und auch wenn Michael Yang bei aller Offenheit das Projekt natürlich preist in höchsten Tönen, so bleibt es doch Irrsinn.

So eine Jangtsefahrt von Chongqing nach Schanghai über 2350 Kilometer ist also mitnichten eine Fahrt durch die Herrlichkeit der Natur – dafür ist es eine höchst spannende Reise durch die chinesische Realität. Und wer das Glück hat, am Abend zur Staumauer zu kommen, der kann ein spektakuläres, illuminiertes Schauspiel erleben. Denn das ist die Fahrt durch das größte Schleusensystem der Welt. Man weiß von dem Irrsinn, man kennt das Verbrechen an Menschheit und Natur, aber man steht doch rechtschaffen staunend in diesem Meisterwerk der Technik, welches das Schiff in fünf Stufen wieder auf den normalen Wasserpegel hievt. Man steht als Mensch klein da, wenn sich hinter einem die mächtigen Schleusentore schließen, und das Schiff dann binnen weniger Minuten 20 Meter tiefer sinkt.

Es ist gigantisch, aber das ist ja das Ziel, das scheint das Ziel allen Strebens in China zu sein, gigantisch zu werden wie der Moloch, der am Ende der Flussfahrt liegen wird: Schanghai. Dazu fahren all die Lastkähne flussabwärts, neunzig Prozent davon voll geladen mit Kohle, es herrscht ein Verkehrsaufkommen auf dem Jangtse, das vergleichbar ist mit der Berliner Stadtautobahn morgens um acht. Man hat diese Schiffsfülle nur schemenhaft wahrgenommen, es herrschte auf dieser Reise Dauerdunst, Nebel waberte von morgens bis abends über den Fluss. Und hier, hinter dem Stausee, da die Fahrt durch dünner besiedeltes Gebiet führt, kann man auch annehmen, dass es wirklich nur Nebel ist und nicht auch noch Smog. Es wird dann eine sehr getragene Reise mit den Annehmlichkeiten, die das Schiff zu bieten hat. Etwa den wirklich ganz wunderbaren Kabinen mit einem kleinen Balkon davor, von dem man aus die ruhige Landschaft beobachten kann und die vielen rostigen Kähne, was in dieser Kombination auf eine merkwürdige Weise skurril ist. Ansonsten wird auf der „Victoria Prince“ das wahrscheinlich auf Kreuzfahrten übliche Programm geboten, mit gemeinsamem Frühstück, gemeinsamem Lunch, gemeinsamem Dinner. Das war nun nicht gerade die Spitze der chinesischen Kochkunst, und für die amerikanischen Gäste lag tatsächlich auch einmal Pizza auf dem Büfett, ein anderes Mal wurden Hamburger gereicht, und der Hotdog fehlte nicht, natürlich auch mit Stäbchen zu speisen, was in dieser Kombination auch auf eine erstaunliche Weise skurril ist. Dringend empfohlen sei hingegen die an Bord zu genießende Massage.

Und die diversen Landgänge. Zum Beispiel nach Nanjing, in der jeder Einwohner per Erlass von 1978 verpflichtet ist, elf Bäume in seinem Leben zu pflanzen. Man sieht es der Stadt an, und die Fahrt hoch zum Mausoleum des Dr. Sun Yat-Sen, des Begründers des modernen Chinas, ist eine Fahrt durch wunderschöne Grünlandschaft. Andererseits hat die Stadt die Bepflanzung auch dringend nötig, der Straßenverkehr ist bereits sehr dicht, und täglich kommen 350 neu angemeldete Autos dazu. China boomt, 350 täglich, es braucht eine Menge Bäume, um all die Abgase zu absorbieren, die der dann in Kürze stehende Verkehr ausstößt.

Und dann fährt die „Victoria Prince“ in den Hafen von Schanghai ein. Schanghai, 17 Millionen Menschen leben und arbeiten und hetzen inzwischen dort, in der Ferne ist die Skyline von Pudong zu sehen, der Stadtteil, der vor 15 Jahren noch Reisanbaugebiet war und der heute mit seinen Wolkenkratzern Manhattan erblassen lässt, sehr, sehr langsam bewegt sich die „Prince“ die letzten Flussmeilen.

Und dann wird es atemlos an Land, dann strömen die Massen über den Bund am Huangpu River, diesen Boulevard mit Blick auf Pudong, dann lassen sie sich raufschießen im Fahrstuhl zum 88. Stock des Jin Mao Towers, der 340 Meter hoch ist, dann schauen sie rüber, wo schon der nächste Turm entsteht, noch höher, noch spektakulärer, dann wälzen sie sich durch die Nanjing Road, dann bieten die Händler per Katalog ihre gefälschte Ware an, diese oliginell Lolex, wo kommt bloß all das Zeug her, wo wird diese Masse hergestellt, riesige Fabriken müssen das sein, Lolex, Lolex, Lolex, Shoes, Shoes, Shoes, Bags, Bags, Bags, auf Schritt und Tritt, auch Ladys, Ladys, Massage, Massage, und es will halt jeder seinen Schnitt machen im kommunistischen Kapitalismus, und in den Straßen ist Energie, alles verströmt Energie, es ist, als ob es jeden Moment einen riesigen Knall geben wird, aber der wird schon seit Jahren prophezeit für China und ist doch ausgeblieben, und alles rennt und alles hetzt und der Markt glüht – und Langnasen, nein, Langnasen sind in Schanghai nun wirklich keine Sensation mehr.

Fortsetzung von Seite R 1

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