Reise : Das verlorene Schloss

Teupitz liegt südlich vor den Toren Berlins, inmitten von Seen. Doch Fontanes Sehnsuchtsort gibt heute viele Rätsel auf

Stefan Berkholz

Lass uns doch mal nach Teupitz fahren, schlägt die Freundin am Sonntagmorgen vor. Teupitz? Warum ausgerechnet Teupitz?? Da gibt es ein Wasserschloss, sagt sie fröhlich, da gibt es jede Menge Seen und weit ist es auch nicht. Und außerdem, setzt sie nach, außerdem liegt es im Süden von Berlin. Da waren wir auch noch nicht so oft, wir düsen ja immer nur nach Norden. Na schön, fahren wir nach Teupitz.

Eine runde halbe Stunde benötigt man mit dem Auto vom Stadtrand Berlins. Leicht zu machen, der Ort hat sogar eine eigene Abfahrt an der Autobahn. Teupitz also. Herrliche Lage. Links ein See, rechts noch einer. Im Internet heißt es, Teupitz sei eine der ältesten Städte der Mark Brandenburg und mit rund 1800 Einwohnern sicherlich auch eine der kleinsten Städte in ganz Deutschland. 1186 erstmals erwähnt, um 1300 mit einer Burg Tupcz versehen, dem späteren Schloss. Auch Theodor Fontane sei bezaubert gewesen von Teupitz und seinem See, heißt es weiter. Und heute sei das ganze Schenkenländchen, wie das Schloss Teupitz, ein beliebtes Ausflugsziel. Das klingt nach einem viel versprechenden Tagesausflug.

Am Ortseingang findet sich eine Informationstafel. Zwei Freibäder sind eingezeichnet, ein Zeltplatz. Am Ende des Orts ein Schloss. Dazu ein Rathaus, eine Apotheke, eine Sparkasse, zwei Friedhöfe, daneben das Krankenhaus und ein Sportplatz auch. Also rein ins Städtchen.

Erst durch ein Stück verwildertes Moorland. Dann voller Elan hinein in den Ort. Eine geschwungene Häuserreihe wie anno ’77 /’78 (oder war es ’65 /’66?). Originalkulisse, wie gemacht für einen Film. Grau war es, düster und bleiern. Leerstand links, Ruine rechts. So sieht es heute noch aus.

Man landet auf dem Marktplatz. Deutscher Humor kläfft einen an. „Vorsicht freilaufender Hund!“, heißt es schön knallig an einer verrammelten Tür, rot auf gelb, ein Dobermann fletscht die Lefzen. „Wenn Hund kommt, flach auf den Boden legen und auf Hilfe warten. Wenn keine Hilfe kommt – VIEL GLÜCK!“ Ein reizender Empfang für Gäste.

Der Platz sieht ganz schmuck aus. Im Dreieck stehen die Häuser beieinander, in jeder Ecke führt eine Straße weiter. Die Fassaden sind restauriert, die meisten jedenfalls. „Geli“ bietet „Schönheit mit Anspruch“. Im Haus daneben ist eine Wohnung zu mieten. Eine andere unternehmungslustige Frau bietet „Kreativkurse“ an. Auf der dritten Seite werden „Blühende Zeiten“ versprochen. Bücher, Tee und Keramik sind angezeigt, man erkennt aber nur Kitsch und ein paar Kinderbücher durch die Scheibe.

Am alten Marktbaum hängt ein Holzschild: „Ich habe Sehnsucht, den Teupitzsee wiederzusehen. Ist es seine Schönheit allein, oder zieht mich der Zauber, den das Schweigen hat?“ So schwärmte also einst Theodor Fontane. Heute wirkt die Stille im Ort eher abweisend. Gegenüber sieht es nach einem Aprilscherz aus. Auf gebastelten Plastikbuchstaben ergibt sich eine Inschrift, die nicht mehr ganz taufrisch wirkt: „Kunst am Markt“, heißt es. Als Datum ist der „31.12.2006. 12:00 Uhr“ angegeben. Neugierig macht das schon. Ein „BiKuT e.V.“ hat für eine Schaufensterdekoration gesorgt. „Verein für Bildung, Kultur, Tourismus und Gewerbe im Schenkenländchen“. Die Fensterauslage hat zehn bunte Ostereier im Korb zu bieten, drei Möhren aus Bast, zwölf Blumenblüten aus Styropor.

Auf einem Pappaufsteller wird das Jubiläum „700 Jahre Teupitz“ angezeigt. Soll vor zwei Jahren gewesen sein. Seltsam. Im Internet steht eine andere Zahl. Zum Jubiläum sind auch Broschüren herausgekommen. Eine heißt: „Die Schatten des Adolf-Hitler-Platzes“. Der liegt heute genau hinter uns, heißt natürlich anders. Eine andere Publikation lautet: „Nicht irgendwohin, sondern nach Teupitz“. Es ist eine Stadtgeschichtsschreibung, genauer gesagt, die „Literarische Entdeckung einer märkischen Kleinstadt“. Auch eine Führung zum Flughafen Schönefeld wird angekündigt, ein Kabarett „Die Märkwürdigen“, und einige Flyer mit Wanderwegen sind zu erkennen.

Der Neugierige drückt die Nase an die blinde Ladentür. Eine originale Ostlampe hängt von der niedrigen Decke. Das Linoleum wellt sich. Auf dem Kachelofen liegen Tannenzweige, mitten im April. Zwei Stühle stehen ratlos herum, ein Tisch langweilt sich. Sonst? Ödnis, Trostlosigkeit. Ob dieser Laden je auf hat, ist nicht zu erkennen.

Allerlei Fremde stromern herum. Manche mit Ortsplan ausgerüstet. Man ist auf der Suche. Wonach bloß? Endlich, am Ende des Orts, das Schloss. Ein Schild hat den Weg dorthin gezeigt. Vor dem Schloss: eine Schranke. „Das war mal ein Hotel“, beteuert ein Wanderer. Heute versagen ein Zaun und eine Schranke den Zugang. „Privatgrundstück“, heißt es, „Betreten verboten“. Kein weiterer Hinweis, nichts. Auf dem Gelände spielt ein angeketteter Schäferhund verrückt. Mit dem Wanderplan in der Hand macht eine Gruppe wieder kehrt. „Was machen wir jetzt?“, fragt eine Frau. „Fahren wir halt woanders hin“, antwortet der Begleiter.

Nach einer letzten Kehre haben wir die Nase voll. Die Verbundsteine auf der Straße künden noch vom Aufschwung Ost, auch die Bürgersteige sind durchgefegt. Die Gartentore voller Hundeschilder zeugen von deutscher Wehrhaftigkeit, ein Neubau von vollendeter Geschmacklosigkeit. Nur die gebogenen Straßenlaternen, die haben etwas. Man denkt unwillkürlich an Vandalismus. Dann erkennt man, dass sie überall in Reih und Glied gebogen sind. Alle in gleicher Weise. Offenbar der couragierte Entwurf eines Designers, vielleicht sogar eines Künstlers.

Etwas verstört kommt die Freundin aus der Dorfkirche zurück, immerhin ein Kleinod aus dem 14. Jahrhundert. Eine schöne Kirche, ja, still und gut, aber: „Da drin läuft ein Mann mit wirem Blick ruhelos im Kreis herum“, berichtet die Freundin entgeistert. Ja, und? „Gruselig war’s.“ Gegenüber verspricht ein Bauschild bessere Zeiten: „Hier, am Fontane Platz, entstehen dem Ortsbild angepasst 9 Ferienwohnungen in gehobener Ausstattung mit direktem Wasserzugang“. Das Schild wirkt schmuddelig, die Träume haben schon Moos angesetzt.

Es gibt diese Orte immer noch, in denen die Uhren stehen geblieben sind, obwohl manche Fassade eine neue Zeit vorgaukelt. Im Sommersonnenschein mag die Gegend ein Traum sein. Es gibt auch einen Dampfer über den See. Und Tretboote. Und Ruderboote auch. Und eine versteckte Bank auf einem Steg im Schilf. Vielleicht schmeckt das Eis am Markt. Heute ist der Himmel grau. Wir verlassen Teupitz mit einem leichten Schaudern.

Der Ausflug endet dann aber doch noch versöhnlich. Auf der Rückfahrt über die Landstraße kehren wir im Café Seeblick in Motzen ein. Eine unscheinbare, aber wahre Perle am Wegesrand. Der Landeskonservator sollte den ganzen Laden umgehend und zwar vollständig unter Bestandsschutz stellen. So rein bekommt der staunende Besucher die untergegangene Zeit selten in öffentlichen Räumen noch zu sehen. Kassettendecke aus plastiniertem Eierkarton (oder wie hieß das Material damals?), gepolsterte Eisengestelle als Stühle, Schwingtüren mit Krisselglas, gülden umkränzte Hängelampen, und im zweiten großen Saal verkrümeln sich ein paar Zigarettenraucher hinter der Glastrennwand.

Das Café ist ein einziges Wunder. Der Kaffee kommt nicht mehr so aufgebrüht wie zu seligen Zeiten, dem Kuchen fehlt die übliche Glibberschicht oben drauf, und der deutsche Schlager aus den Lautsprechern fehlt auch – aber sonst: Ein Ambiente wie dunnemals. Hausgebackener Käsekuchen mit Rosinen, klassische Musik, Walzer, Strauß. Wiener Kaffeehausatmosphäre wie unter Honecker.

Brandenburg steckt voller Schätze und Überraschungen. Und: Sie stehen in keinem Reiseführer.

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