Dem Mythos Wagner auf der Spur : Lohengrin am Wasserfall

In Leipzig wurde Richard Wagner vor 200 Jahren geboren. Die Stadt und ganz Sachsen feiern ihn mit zahlreichen Ausstellungen.

von
Genie im Liebethaler Grund. 1933, zum 50. Todestag Wagners, wurde das wuchtige Denkmal eingeweiht.
Genie im Liebethaler Grund. 1933, zum 50. Todestag Wagners, wurde das wuchtige Denkmal eingeweiht.Foto: Jens Dauterstedt, Tourist-Inof Pirna

Irgendwie gespenstisch wirkt der Liebethaler Grund. Das Flüsschen Wesenitz rauscht durch das enge Tal, dessen alte Bäume ihre Kronen wie zu einem Deckengewölbe schließen. Unvermittelt taucht in diesem Urwald ein mystisches Monument auf. Ein wuchtiger, wie aus der dahinterliegenden Felswand herausgerückter Sandsteinsockel, auf dem sich eine Bronzefigur erhebt: Wagner als Gralsritter, zu seinen Füßen fünf allegorische Figuren. Das Ganze mehr als zwölf Meter hoch. Das größte Wagner-Denkmal der Welt.

In dieses Tal, so heißt es, habe es Richard Wagner während seines Arbeitsurlaubes in Graupa bei Pirna immer wieder gezogen. Der Wirt des damaligen Gasthauses Lochmühle ließ sogar auf eine Postkarte drucken: „Hier war Richard Wagners Lieblingsplätzchen ... Er machte vom Murmeln und Rauschen des Wasserfalls Aufzeichnungen und verwendete sie für seine Musik.“ Eine Bronzetafel beteuert dem Reisenden, er befinde sich an der „Werdestaette des Lohengrin“. Zu Wagners 50. Todestag im Jahre 1933 wurde die Einweihung des Denkmals zelebriert. Nach dem Krieg überwucherten Grünzeug und Unbehagen das Monstrum. Inzwischen wurde der Künstler wieder befreit. Dennoch blieb der mystische Ort im feuchten Grunde ein Geheimtipp für Wagner-Wanderer. Wie überhaupt Sachsen.

Wagner in Sachsen? Wer in Bayreuth oder seinem Exil in der Schweiz auf den Spuren des Künstlers wandelte, wird das Fragezeichen ganz fett setzen oder gar verstimmt sein. Im Sächsischen sind es vor allem Denkmale, die an den einstigen Mitbürger erinnern, die meisten wesentlich kleiner als das im Liebethaler Grund. Oder Tafeln, auf denen steht: „Hier befand sich das Haus, in dem Wagner …“. Der Bauboom der Gründerjahre und die Bomben des Krieges zerstörten die meisten Originalstätten. Und so kommt es selten vor, dass die Gästeführer sagen können, über diese Schwelle sei auch Wagner gegangen, ganz zu schweigen von Häusern, in denen er sich eingerichtet hatte. Was also trauen sich die Sachsen da?

Spätestens hier wird Thomas Krakow ums Wort bitten. Der Vizepräsident des Richard-Wagner-Verbandes International und Koordinator des Richard-Wagner-Jahres in Leipzig schuf den Slogan „Richard ist Leipziger“. Den ließ er unüberlesbar an eine Fassade im Leipziger Sträßchen am Brühl hängen. Dort, wo vor mehr als 100 Jahren jenes kleine Gasthaus abgerissen worden war, in dem besagter Richard im Mai 1813 das Licht der Welt erblickt hatte. Den Aufschrei von Wagnerianern, wie man ein Genie so respektlos beim Vornamen nennen könne, steckte er weg. Nicht aber die Versuche, mangels Geburtshaus Leipzigs Rolle in der Wagner-Vita in die Bedeutungslosigkeit sinken zu lassen.

„Hier wurde Wagner nun mal geboren“, sagt Krakow. „Und hier haben wir auch noch die meisten Stätten, an denen er tatsächlich präsent war: die Thomaskirche, in der er getauft wurde; die Alte Nikolaischule, in der er als Jugendlicher – wenn auch ziemlich erfolglos – lernte; das Königshaus am Markt, wo er als Student bei seinem Onkel Adolph lebte; das Grab seiner Mutter und seiner Lieblingsschwester auf dem Johannisfriedhof; die Häuser, in denen er Musiker besuchte, die seine Lehrer wurden … und: in der Handelsstadt Leipzig wurde ihm in die Wiege gelegt, was ihn so speziell machte: die Fähigkeit zur Selbstvermarktung.“

Wagner in Sachsen. Ein Auge zugedrückt, und man kommt auch nach Ermlitz, gleich hinter der Grenze zu Sachsen- Anhalt. In dem Örtchen ist man ohnehin vor allem mit Leipzig verbunden. Und so besuchte Theodor Apel, der Sohn der Schlossherren, die Leipziger Nikolaischule, lernte dort Wagner kennen und lud ihn nach Ermlitz ein. „Ja, auf diesem Hammerklavier hat Wagner wirklich gespielt“, kann also die heutige Schlossherrin Gabriela Mackenthun mit Bestimmtheit sagen. Die Freundschaft der beiden jungen Männer, des Schriftstellers und des Komponisten, war intensiv und schaffensreich. Aber nicht lebenslang. Mit Apels Augenlicht erlosch auch Wagners Interesse an ihm. Rund 40 Briefe – zum Teil energische Forderungen nach Aufmerksamkeit, Besuchen und auch Geld –, die Wagner an seinen Freund richtete, blieben erhalten. Sie sind Teil einer kleinen Ausstellung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar