Reise : Der lange Lauf zum Koalabären

Wandern im Regenwald, Fliegen überm Strand, coole Glitzermeilen: Queensland bietet viele spannende Kontraste

Elisabeth Binder

Mit der Erläuterung von Schwimmwesten hält sich Clinton nicht auf. Seine Sicherheitsvorkehrungen vor dem Start beschränken sich darauf, eine kleine Schiefertafel mit der Aufschrift „Caution Aircraft Landing“ in den pudrig weißen Sand vom 75-Mile-Beach auf Fraser Island zu pflanzen. Dann hüpft der junge Pilot auf den Steuersitz seines Wasserflugzeugs, in dem schon sechs Passagiere angeschnallt warten. Nach erstaunlich kurzem Anlauf zieht er eine elegante Schleife über dem von smaragden bis azur schimmernden Pazifik. „Wenn der Motor ausfällt, müssen wir eh am Strand landen“, sagt er lässig auf eine entsprechende Nachfrage. „No worries.“ Ohne weitere Umschweife erklärt er dann ausführlich eines der Naturwunder dieser größten Sandinsel der Welt, die auch zum Weltnaturerbe zählt. Wohl nirgends sonst kann man eine Wanderdüne, einen Süßwassersee und den Pazifik gleichzeitig sehen. Willkommen in Queensland, Australien, dem Land der Kontraste, geeint durch ein Mantra, das man hier so oft hört wie nichts anderes: „No worries!“ Keine Sorge.

Nach ein paar Tagen Queensland sieht man sich selbst von einer fast leichtfertigen Sorglosigkeit erfasst. Lässt seine Handtasche auch mal unbeaufsichtigt rumliegen und verliert die typischen europäischen Anspannungen. Sorgen? Worüber? Eher ist mal ein mildes Lächeln fällig, als Clinton gleich drei begeisterte Schleifen über ein altes Schiffswrack zieht, das seit den 30er Jahren malerisch am Strand vor sich hinrostet und von den Einheimischen als große Sehenswürdigkeit betrachtet wird. Dabei haben sie dort viel Besseres zu bieten, jedenfalls aus der Sicht von Gästen, die aus Europa mehr als 16 000 Kilometer angereist sind.

Clinton landet ein paar hundert Meter zu früh am falschen Jeep. Es gibt immer einige davon, deren Insassen gerade am Meer picknicken. Also rollen wir noch am Strand entlang bis dahin, wo Ranger Peter Myer auf die kleine Sechsergruppe wartet, die er an diesem Tag auf eine individuelle Besichtigungstour mit über die Insel genommen hat. Auf und ab geht es über holprige Sandpisten, dann weiter zu Fuß durch den Regenwald, vorbei an Würgefeigen, die sich mit kurios aussehenden Schlingästen um Bäume wickeln und sie im Lauf von Jahrhunderten ersticken, dabei selber zu natürlichen Skulpturen emporwachsen mit bizarren Zöpfen und Kanten, vorbei an gefährlichen Dornensträuchern, die „Wait-a-While“ heißen, weil man eine ganze Weile lang auf Hilfe warten muss, wenn man sich darin mal verfangen hat. Vorbei an Palmen und dem hell plätschernden Eli Creek, immer begleitet vom Schreien der Kakadus. Zur Belohnung für den Marsch gibt es ein Picknick am Lake McKenzie.

An diesem Sonntagmorgen ist der „Second Beach“ menschenleer. Das Wasser im See ist glasklar, fühlt sich weich und warm an beim Schwimmen, man kann es sogar (no worries!) trinken. Zusammen mit dem schneeweißen Sand lassen sich damit auch die Schokoladenflecken restlos auswaschen, die das Picknick im T-Shirt hinterlassen hat. Picknicks sind beliebt in Queensland, dessen britische Prägung immer wieder hervorschimmert. Da gibt es Sandwiches mit Hühnchen und Avocado, die hier auch Baumbutter genannt wird, Karottenkuchen, Äpfel und Mangos. Und einheimischen Wein, denn auch in Queensland hat man inzwischen begonnen, auf dem boomenden australischen Weinmarkt kräftig mitzumischen.

Bei O’Reillys im „Hinterland“ haben sie bereits eigene Weinberge. Der Hotelkomplex auf 1000 Meter Höhe in den Bergen des Lamington-Nationalparks hat jedoch ebenfalls noch mehr Attraktionen und bietet Kombinationspakete mit Fraser Island an. Seit den 20er Jahren nimmt die Familie O’Reilly Pensionsgäste auf. Für den kinderreichen Clan gab es dort oben, wo man nur über schmale und teils einspurige Serpentinenstraßen hinkommt, bald eine kleine Dorfschule und eine winzige weiße Kirche, St. Joseph. Man wohnt teils in TV- und telefonfreien Zimmern mit einem grandiosen Ausblick auf die Berge in der Ferne und die schönen roten Vögel, Crimson Rosellas, die in der Abenddämmerung auf der Brüstung der Terrasse landen.

Beliebt ist dieses zünftige Resort vor allem wegen der guten Wandermöglichkeiten, zum Beispiel auch über die originellen Tree Top Walks. Da kann man auf schwankenden, aus hölzernen Planken erstellten Hängepfaden durch die Baumkronen von bis zu 1000 Jahre alten Regenwaldbäumen spazieren gehen und den ganzen Reichtum der hiesigen Vogelwelt aus nächster Nähe inspizieren. Manche der 25 Meter hohen Kronen kann man zudem über extrasteile Stahlleitern erreichen. Auch hier gibt es fröhliche Ranger, die einem die Besonderheiten der Vegetation erläutern. Die Funnel Web Spider zum Beispiel hat hier ihr Zuhause und lebt in kleinen Tunneln mit dem Durchmesser eines Bambusstocks längs des Wegesrandes. Wenn man von ihr gebissen wird, muss man binnen einer Viertelstunde ärztlich behandelt werden. Der Ranger stochert versonnen in drei verschiedenen Tunneln, ehe er die skeptischen Blicke der Europäer bemerkt. „No worries“, sagt er. „Wir haben einen Helikopter hier.“

Anheimelnder ist nach dem Büfett-Dinner im historischen Speiseraum die Nachtwanderung zu den gigantischsten Glühwürmern, die man sich vorstellen kann. Sie hängen wie Monsterspots im Wald, dicht an dicht, als wollten sie eine Kinoleinwand füllen mit ihrem geheimnisvollen Licht.

Von Fraser Island kann man zum Beispiel mit der Fähre nach Hervey Bay fahren, von dort weiter mit dem Flugzeug nach Brisbane und sich dort von O’Reillys abholen lassen. Auf dem Flugfeld steht eine alte Propellermaschine, die so aussieht, als warte sie nur darauf, dass Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart gleich vorbeikommen und Abschied nehmen. Stattdessen gibt es hinten einen Knall, eine Flamme ist zu sehen, schwarzer Rauch steigt auf. Niemand macht sich da was draus. Nur der Captain hat anscheinend Erfahrung mit schreckhaften Europäern und merkt später en passant an, das habe lediglich mit der Klimaanlage zu tun und komme schon mal vor. „No worries.“ Auch der Flughafen wirkt recht sorglos, weder Pass- noch Röntgenkontrolle, nur ein Hinweisschild, dass es verboten sei, Waffen an Bord zu bringen, und bei Zuwiderhandlung ein Bußgeld drohe.

Komischerweise kommt ausgerechnet in Hervey Bay die Erkenntnis, was eigentlich das Großartige an Australien ist. Die unendlich weite Natur, na klar. Vor allem aber ist es die Rückkehr in ein verlorenes Paradies, in eine heile, alte Welt, in der man unbefangen reisen und sein kann. Nicht nur, dass man keine exotischen Krankheiten fürchten muss. Es ist Urlaub von neuen Ängsten und Terror. Australien wirkt so wie die Schweiz der globalisierten Welt.

Man kann sich den kurzen Flug auch sparen und lieber mit dem Mietwagen die Sunshine Coast runterfahren, vielleicht noch eine oder mehrere Erholungsnächte in Coolum Beach einplanen. Im Frühling, also im Oktober, blühen fliederfarben die Jacarandabäume und wetteifern mit den Purpurtönen der Bougainvillea, von denen sich gelber Ginster anmutig absetzt. In der Ferne hängen Flying Foxes, große Fledermäuse, träge an Eukalyptusbäumen, Ananasplantagen wechseln sich ab mit Zuckerrohrfeldern. Man sollte in Noosa stoppen, nicht nur wegen der hübschen Geschäfte und der großzügigen Straßencafés, sondern auch, weil man in der australischen Antwort auf St. Tropez ein Gefühl dafür bekommen kann, wie nett manche Orte an der Cote d’Azur gewesen sein müssen, bevor sie von der Schickeria erobert worden sind. Auch Montville verbreitet diesen Charme des Anfangs. Da reihen sich malerische kleine Läden voller Kunsthandwerk aneinander, und es gibt gemütliche Pubs.

Zu den Sehenswürdigkeiten gehören der Ausblick auf die Glasshouse Mountains, die für die Aboriginals eine spirituelle Bedeutung haben, und der Eumunda Market, auf dem man zum Beispiel Didgeridoos, australische Kleidung und farbenfrohen Schmuck bekommt. In Queensland denkt man ausgesprochen umweltfreundlich, das Wort Ökotourismus begegnet einem allenthalben. Außerdem sind die Queenslander besessen von „ökologisch wertvollem“ Essen. Man muss sich nur mal in der Käserei von Maleny die vielen verschiedenen Sorten erläutern lassen. Vielleicht auch wegen dieses Bewusstseins schmecken die Blätter im Cesar’s Salad so saftig fett, haben die Erdbeeren dieses süße Dunkelrot und die Mangos und Ananas so ein fröhliches Gelb. Man sollte sich nicht den Barramundi entgehen lassen, den einheimischen Fisch, der auf dieser Tour am besten im Kingfisher Bay Resort auf Fraser Island geschmeckt hat.

Während die Sunshine Coast eine natürlich ruhige bis unaufgeregt elegante Behaglichkeit ausstrahlt, assoziiert man bei der „Gold Coast“ südlich von Brisbane sofort Miami Beach. Vielleicht sind es die vielen Vergnügungsparks, vielleicht auch die Läden und Kneipen von Surfers Paradise. Natürlich die glitzernden Hochhäuser. Den besten Überblick hat man vom Q 1, einem 230 Meter hohen neuen Wohnturm. Im 77. und 78. Stock gibt es eine coole Skybar. Wer das Gold-Coast-Feeling perfekt abrunden will, müsste sich vermutlich im Palazzo Versace einquartieren, der für viele Australier und Asiaten seit der Eröffnung im Jahr 2000 als Sehnsuchtsort und Inbegriff des europäischen Luxuslebens gilt.

Gleich nebenan in der Marina kann man sich wieder den typischeren Erfahrungen dieses Kontinents hingeben und auf einem Whale-Watching-Boot durch kräftigen Seegang hinausfahren, um anzuschauen, wie Walfamilien den Weg in die Sommerfrische in der Antarktis gestalten. Von Mai bis November sind sie unterwegs mit Augen so groß wie Grapefruits und einer gesunden Neugier, weswegen es lohnt, ein bisschen zu lärmen an Bord und die Wale so für Fotos an die Oberfläche zu locken. Die Chancen, die Tiere zu Gesicht zu bekommen, sind recht groß, denn die Population ist von zwischenzeitlich 200 wieder auf 12 000 gewachsen.

Wer nach der glitzrigen Goldküste ein bisschen Abgeschiedenheit sucht, sollte eine Buschwanderung versuchen. Bis zum „Gold Coast Hinterland Great Walk“ sind es etwa zwei Stunden, wenn man wegen des ungewohnten Linksverkehrs lieber vorsichtig fährt. Der Apple Tree Park ist Ausgangspunkt für eine Wanderung über schmale Pfade, vorbei an Wasserfällen, Sandpapierfeigen und spazierstockgeraden Walkingstick-Palmen. Die Steigungen sind über Felsenstufen ganz gut zu bewältigen, beim Durchqueren der Flüsse von Fels zu Fels ist man mit leichten Gore- Tex-Wanderschuhen am besten ausgerüstet, wenn das Wasser nicht gerade von oben hineinschwappt.

Viele kommen auch wegen der landestypischen Tiere nach Australien. Wer die körpernah erleben will, plant ein paar Tage in Brisbane ein, der aufstrebenden Hauptstadt von Queensland. Die eignet sich auch gut als Standquartier für Tagesausflüge in die beschriebenen Gegenden. Zu den großen Attraktionen gehört die Lone Pine Koala Sanctuary, die es als erster und größter Koala-Park der Welt mit 75 Jahren Erfahrung und 130 Koalas bis ins „Guinnessbuch der Rekorde“ geschafft hat. Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Gäste gehört das sogenannte Koala Cuddling, das Kuscheln mit den kleinen Beuteltieren. „No worries, der tut nichts“, sagt die Tierpflegerin, während sie Wilari vorsichtig auf die nach ihren Anleitungen zusammengelegten Hände niederlässt. So ganz glücklich sieht er nicht aus, während er seine Krallen in den Jerseystoff des Polohemds gräbt. Für ein Wesen, das sich ausschließlich von Eukalyptusblättern ernährt und da auch nur etwa 50 Sorten von 800 möglichen akzeptiert, riecht der Achtjährige doch recht streng. Aber niedlich sieht er aus. Vielleicht wirkt das Tier auch deshalb so sympathisch, weil es täglich mindestens 19 Stunden schläft.

Vom Koala für weitere Naturerlebnisse gestählt, fällt es gar nicht mehr schwer, im großen Freigehege die seidigen Kängurus zu streicheln und dem Kleinen, das gerade noch seinen Kopf im Beutel der Mutter vergraben hat, Futter hinzustreuen. Wer ein ausgeprägtes Herz für Tiere hat, wird sich hier nur schwer wieder losreißen können.

Kurz bevor man von diesem letzten Kontinent der Seligen abhebt, krallt sich die globale Wirklichkeit wieder ins Gemüt. Mit einer routinierten Bewegung wirft die Sicherheitsbeamtin die Nagelschere, die versehentlich ins Handgepäck gerutscht ist, in den Mülleimer. Dass die Kosmetika in einem Drei-Liter-Plastikbeutel untergebracht sind, lässt sie noch durchgehen, legt aber fürsorglich einen Ein-Liter-Beutel dazu, damit man seine Sachen bis zu den nächsten Stopps in Seoul und Frankfurt am Main korrekt umsortieren kann. Hinter der Datumsgrenze wartet eine andere Welt, in der der Ausdruck „No worries“ nur noch eine schöne Ferienerinnerung ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben