Reise : Der Teufel hat Knopfaugen

Der Overland Track führt durchs felsige Herz von Tasmanien. Komfort gibt’s nicht, aber reichlich Abenteuer

Ilona Schäkel

Im Cradle Mountain Visitor Centre herrscht Hochbetrieb. Backpacker und Naturliebhaber, passionierte Wanderer und australische Familien, eine bunte Mischung aus aller Herren Länder drängt sich um den Infotresen in der Blockhütte. Eine Frage eint sie alle: Wie wird das Wetter? Sid und Mary, die beiden Ranger, die heute Innendienst schieben, strahlen demonstrative Gelassenheit aus: „Nun ja, es könnte ein bisschen regnen.“ Dann heften sie uns den begehrten Trackpass an den Rucksack.

Hinter uns liegt eine zwölfstündige Überfahrt durch die kabbelige Bass Strait von Melbourne nach Devenport. Vor uns das Abenteuer: Der Overland Track, 74 Kilometer durch das felsige Herz Tasmaniens zwischen Cradle Mountain und Lake St. Clair. Für rund achttausend Wildnishungrige ist dieser Weg Jahr für Jahr das Ziel ihrer Träume – selbst auf die Gefahr hin, bei strömendem Regen in knöcheltiefem Schlamm zu versinken. Denn das Hochland Tasmaniens ist unberechenbar: abrupte Wetterwechsel, heftige Böen und hohe Luftfeuchtigkeit sind normal – manchmal schneit es sogar mitten im Sommer.

Als der Track 1913 eröffnet wurde, war die Wanderung noch ein ausgesprochen beschwerliches Unterfangen. Inzwischen ist der Weg durchgehend markiert und teilweise mit Holzbohlen befestigt, um die empfindliche Alpinlandschaft zu schützen. Sechs einfache Hütten bieten Wanderern Unterkunft. Sorgfältige Vorbereitung ist für diesen Mehrtagestrip ein Muss. Läden, Hotels oder Restaurants gibt es nicht. Auch keine Müllabfuhr. Wer keine organisierte Tour bucht, muss alles, was er zum Leben braucht, in den Park hinein- und wieder hinausbefördern.

Ein letzter Check der Ausrüstung, dann quetschen wir uns in den klapprigen Shuttlebus, der uns nach Ronny Creek bringt. Das Hüttenbuch, das in einem kleinen Holzverschlag am Eingang zum Track deponiert ist, liest sich wie eine Weltkarte: Eben haben sich zwei Deutsche auf den Weg gemacht, gefolgt von einem Vater aus Liverpool mit seinen drei Söhnen und einem Pärchen aus Quebec. Wir bilden die Nachhut und sind rasch allein inmitten von sumpfigen Bächen und wogenden Buttongrass-Wiesen. Nur die kehligen Schreie der Currawongs, schwarzer Rabenvögel mit stechend gelben Augen, begleiten uns.

Viel Zeit zum Genießen bleibt nicht. Schon bald führt der Pfad aus der beschaulichen Ebene über grob behauene Felsstufen hoch hinauf. Auf den ersten vier Kilometern sind rund vierhundert Höhenmeter zu überwinden – der steilste Abschnitt der ganzen Wanderung. Die letzten hundert Meter zum Marions Lookout sind die reinste Kletterpartie. Über unseren Köpfen kleben bunte Windjacken wie Schmetterlinge im Berg. Wir sind froh über die Stahlketten im Fels, die uns wenigstens das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Eine kleine Ewigkeit später stehen auch wir im Windschatten eines Felsvorsprungs und bestaunen das grandiose Panorama über dem Dove Lake.

Auf den Holzplattformen hinter der Hütte im Waterfall Valley geht es zu wie auf einem Outdoor-Basar. Zeltplanen rascheln, Kochgeschirr klappert, Rucksäcke und Wanderschuhe liegen verstreut herum. Linda, eine resolute Rangerin, meldet sich zu Wort. Wildnisregel, Lektion eins: „Dein Rucksack ist deine Lebensversicherung, lass ihn niemals aus den Augen!“ Sie berichtet von gefräßigen Beuteltieren, den Wombats und listigen Currawongs, die sich darauf spezialisiert haben, arglosen Wanderern prall gefüllte Vorratspäckchen zu plündern. Antje und Bernd, ein Pärchen aus Stuttgart, quälen ganz andere Sorgen. Die beiden haben in Hobart die falschen Gaskartuschen gekauft – ohne Kocher ist die Reise hier oben beendet, denn im Nationalpark ist offenes Feuer verboten.

Knapp tausend Meter über dem Meeresspiegel, auf der Hochebene hinter dem Waterfall Valley, glitzern unzählige tiefblaue Seen wie Pailletten in der Sonne. Kugeliges Buttongrass bedeckt die sanften Hügel, als wollte es sie vor dem schneidigen Wind beschützen. Ein paar kahle Eukalyptusbäume, die irgendwann einmal einem Blitzschlag zum Opfer gefallen sind, recken ihre knorrigen Äste in den Himmel. Hier oben wächst neues Leben langsam.

Trotz eisiger Temperaturen lassen wir uns die Gelegenheit zu einem Bad im Lake Windermere nicht entgehen, um Staub und Schweiß der letzten zwei Tage abzuwaschen. Hinter den höchsten Gipfeln Tasmaniens versinkt langsam die Abendsonne und taucht die weite Ebene in Pastell – wie auf einem romantischen Gemälde von Caspar David Friedrich.

In der Hütte knapp oberhalb des Sees treffen wir Antje und Bernd wieder. Die beiden sind in einem Gewaltmarsch zurück zur Rangerstation gewandert, um neue Kartuschen zu kaufen. Die Option auf eine der schönsten Wanderungen Australiens, die man, seitdem vor drei Jahren ein Registrierungssystem eingeführt wurde, im Sommer oft mehrere Monate im Voraus buchen muss, lässt sich niemand leichtfertig entgehen.

Die Wolken liegen wie eine dicke Daunendecke über dem Pine Forest Moor. Heute beginnt die bisher längste Etappe: 18 Kilometer durch den feuchten Myrtle Beech Forest. Ein mühsames Auf und Ab über Felsbrocken und grobes Wurzelgeflecht, glitschigen Lehmboden und trübe Wasserlachen. Der Wald ist in märchenhaften Nebel getaucht, bärtiges Moos hängt von den Ästen und die Baumstämme sehen aus wie mit grünem Samt gepolstert.

Allmählich spüren wir unsere Füße, jeder Zentimeter zwischen Schulterblatt und Hüfte erinnert daran, dass wir seit zwei Nächten eine weiche Matratze vermissen. Erleichtertes Aufatmen also, als nach sechseinhalb Stunden endlich das Dach der New Pelion Hut, der größten und modernsten Hütte entlang dem Track, durch die Bäume schimmert. Innen warten – ausnahmsweise – Etagenbetten. Mitten in der Nacht schrecken wir auf: Ein wütendes Kratzen und Schaben lässt uns das Blut in den Adern gefrieren. Im Lichtkegel unserer Stirnlampen blitzen zwei Knopfaugen auf, wenige Sekunden lang starren wir in ein schwarzes, stupsnasiges Fellgesicht mit weißer Halskrause. Schließlich hört der „Tasmanian Devil“ auf, die Fliegengaze vor den bodentiefen Fenstern weiter zu bearbeiten, um an unsere Vorräte zu gelangen, und flüchtet in die Dunkelheit.

Am Pelion Gap, der Schneise zwischen Mount Pelion East und Mount Ossa, dem höchsten Berg Tasmaniens (1617 Meter), markieren ein paar zurückgelassene Rucksäcke den Sidetrack zum Gipfel. Auch wir machen uns an den Aufstieg über beinahe hüfthohe Stufen, die Giant Stairs. Die Flanke des Mount Doris entpuppt sich als Kleinod der Natur: Leuchtend grünes Moos spannt sich hier oben wie Kunstrasen über die Felsen, zarte weiße Blüten sprießen aus puscheligen Cushion Plants und ein glasklares Bächlein plätschert über das Plateau – so perfekt, als hätte ein japanischer Landschaftsgärtner der Natur ein wenig auf die Sprünge geholfen.

Der Pfad führt weiter über Geröll und exponierte Klettersteige. Kurz unter dem Gipfel des Mount Ossa, dessen quadratische Felssäulen in einen makellos blauen Himmel ragen, müssen wir passen. Zu steil ist die Felswand, zu heftig zerrt der Wind an unseren Haaren. Abgekämpft, aber glücklich kehren wir nach drei Stunden zum Pelion Gap zurück. Die letzten neunzig Minuten zur Kia Ora Hut sind nach diesem Ausflug ein Kinderspiel.

Auf der letzten Etappe versperrt eine stattliche Tiger Snake den Weg, gut sechzig Zentimeter lang und armdick – eine der giftigsten Schlangen der Welt. Wir treten vorsichtig den Rückzug an und überlegen fieberhaft, was Linda uns über den Umgang mit dieser Spezies eingeschärft hat: „Keep calm and don’t try to catch the snake!“ Wer wollte so ein Tier auch fangen? Zwei buscherprobte Australier kommen zu Hilfe: Aus sicherer Entfernung dreschen sie mit ihren Wanderstöcken auf den Felsboden, bis das Reptil gemächlich in seinem Unterschlupf am Wegesrand verschwindet.

Die Fahrt von der Narcissus Hut über den Lake St. Clair am Ende der Tour dauert knapp dreißig Minuten, dann katapultiert uns das Boot wieder in eine Welt mit Wasserklosett und Café Latte. Fünf Tage sind wir gewandert, ohne Verkehrslärm, Geldautomat und Supermarkt. Kein Strom und keine Dusche, dafür Flüsse, aus denen man trinken kann. Und das Zelt stand jede Nacht aufs Neue unterm Sternenhimmel.

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