Reise : Der verkaufte Traum

Das Märchen von Tausendundeiner Nacht kann wahr werden in Marrakesch. Auch Deutsche tragen dazu bei und eröffnen Hotels in alten Gemäuern

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Die Musiker, Köche und Akrobaten bevölkern abends wieder den Platz Djemaa el Fna, das Herz von Marrakesch und einen der berühmtesten Plätze Nordafrikas. In den kleinen Imbissen, die nur abends aufgebaut werden, brutzeln und garen Köche vor den Augen der Kunden Fleischspieße, Schnecken oder die schmackhafte marokkanische Schurba (Suppe). Drei junge Turner bilden eine menschliche Pyramide. Marokkanische Familien lauschen einem Trio von Trommlern. Zunächst ist nicht zu spüren, dass hier Ende April bei einem Terroranschlag auf das Café „Argane“ 17 Menschen starben. Das bekannte Lokal ist hinter einer beigefarbenen Plastikplane versteckt. Doch davor legen Menschen Blumen nieder. Auf handgemalten Schildern steht „Nein zum Terror“. Fast täglich demonstrieren kleine Gruppen von Marokkanern gegen die Gewalt. Denn der Anschlag hat viele Touristen abgeschreckt, der Souk ist fast gespenstisch ruhig, in vielen Hotels wurden Zimmer storniert.

So erging es auch Julia Bartels. Die 41-jährige Deutsche führt eines der elegantesten Hotels in der Altstadt von Marrakesch, zwölf individuell eingerichtete Zimmer in mehreren Riads, den traditionellen Wohnhäusern der Marokkaner. Gruppiert sind die Zimmer um einen Innenhof, nach außen völlig abgeschottet: einige mit schmiedeeisernem Balkon, andere mit eigener Dachterrasse. Palmen wachsen in den Innenhöfen, in einem kühlt ein Springbrunnen die Luft, in einem anderen findet sich sogar ein kleiner Swimmingpool. Die verschachtelten Häuser und Höfe sind durch Gänge verbunden, auf den Dachterrassen wird das Frühstück serviert.

Die gelernte Juristin mit den blond gelockten Haaren hat das Hotel 2003 nach dem Tod ihres Vaters übernommen, eines ehemaligen deutschen Botschafters in Rabat, der hier seinen Alterswohnsitz mit Gästehaus eingerichtet hatte. An den Wänden hängen Bilder arabischer Künstler, die er von seinen Botschafterposten in der Region mitgebracht hatte. „Nach dem Anschlag kamen nur Absagen“, sagt Julia Bartels. So erging es auch ihrer deutschen Kollegin Sabina Benchaira, einer gelernten Hotelfachfrau, die eines der ersten Riad-Hotels in der Altstadt aufgemacht hat, das „Sherazade“. Doch Benchaira ist Profi und prognostiziert: „Im Herbst, nach der heißen Sommerzeit, geht es wieder los.“

Es gibt überraschend viele deutsche Frauen, die in Marrakesch als Geschäftsfrauen tätig sind. Julia Bartels, Sabina Benchaira und Sandra Wittlinger, gelernte Hotelfachfrau und Beraterin für Hotel- und Restaurantentwicklung, sitzen bei einem Kaffee im großen Innenhof des Riad el Cadi. „Insgesamt sind wir vielleicht zehn deutsche Frauen, die in Marrakeschs Altstadt ein Hotel führen“, sagt Benchaira. Die deutschsprachigen Frauen der Stadt haben sogar einen eigenen Stammtisch, zu dem sie sich einmal im Monat treffen.

Die 45-jährige Benchaira hat die Liebe nach Marokko verschlagen, bei ihrer ersten Interrail-Reise, die sie bis nach Marrakesch führte. Gemeinsam mit ihrem marokkanischen Ehemann eröffnete sie 1997 ihr Hotel in der Altstadt, das mit seinen 23 Zimmern zu den größten gehört. „Damals hielten uns alle für verrückt, die Marokkaner wollten nur raus aus den heruntergekommenen Altbauten.“ Bis dahin gab es nur billige, sehr einfache Herbergen in der Altstadt, ohne individuelle Bäder. Wohlhabendere Gäste gingen ausschließlich in die Hotels der Neustadt.

Es waren die Ausländer, die das Potenzial der traditionellen Häuser erkannten. Von den etwa 1000 Riads in der Altstadt von Marrakesch sind daher heute 90 Prozent im Besitz von Ausländern. Auch die meisten Hotels werden von Ausländern geführt. „Die Hotels der Marokkaner entsprechen nicht dem europäischen Geschmack“, meint Benchaira. Dort fänden sich oft bunte Plastikblumen und kitschige Gegenstände. „Wir verkaufen den Traum von Tausendundeiner Nacht, so, wie die Europäer ihn sich vorstellen“, erklärt sie ganz pragmatisch.

Doch die Konkurrenz ist groß geworden. Immer neue Riad-Hotels und Gästehäuser eröffnen, insgesamt sollen es 600 bis 800 in der Altstadt sein. Und in der Neustadt und am Stadtrand in den Palmenhainen werden weiterhin neue Hotels gebaut. „Der Boom hält an“, sagt die 31-jährige Wittlinger, die Hotels berät. Bei den Franzosen sei der Riad schon „seit etwa zehn Jahren durch“, sie gingen jetzt in Hotels im Palmenhain. Aber die skandinavischen Länder und Osteuropa seien gerade erst dabei, Marrakesch und die Altstadt als Reiseziel zu entdecken, weil es erst seit kurzem günstige Nonstop-Flüge gibt. Auch die Deutschen hätten Marrakesch noch nicht lange auf dem Radar.

Die drei deutschen Geschäftsfrauen mit ihren unterschiedlichen Lebensläufen fühlen sich wohl in Marokko. Wittlinger macht es Spaß, dass man hier Dinge ausprobieren und gleich mit anpacken kann, es weniger formal und bürokratisch zugeht. Benchaira ist durch ihre Ehe am tiefsten eingetaucht in die marokkanische Gesellschaft – und lässt ihren Mann nach außen hin schon mal den Boss spielen. Julia Bartels fühlt sich ernst genommen und respektiert als Geschäftsfrau in dem islamischen Land – ihr Mann arbeitet in Berlin, wo sie das halbe Jahr über lebt. „Die Gäste sind oft überrascht darüber, dass eine Frau hier allein ein Hotel managen kann“, sagte die Mutter eines fünfjährigen Sohnes.

Sie selbst wiederum ist beeindruckt von den vielen kämpferischen marokkanischen Frauen, die eine entscheidende Verbesserung der rechtlichen Stellung der Frau bei einer Reform des Familienrechts durchsetzen konnten. Und so ist ihr, der Pendlerin zwischen Marrakesch und Berlin, die Idee gekommen, eine Studienreise zum Thema „Frauen in Marokko“ anzubieten. Sie soll Deutsche mit selbstbewussten und engagierten Marokkanerinnen zusammenbringen, in Marrakesch und in den Berber-Dörfern des Atlas, und damit „einige Klischees über die Lage der Frau infrage stellen“, wünscht sich Bartels.

Geleitet wird die Studienreise von Jamila Hassoune, einer kulturell engagierten Buchhändlerin, die mit ihrer „Karawane der Bücher“ seit Jahren die Schulen der Atlas-Dörfer mit Lektüre versorgt und wegen ihres Engagements bereits zur „Frau des Jahres“ in Marokko gewählt wurde. Eine Reise vom Riad, das dem europäischen Traum vom Orient nahekommt, hinaus ins wahre Leben der Marokkanerinnen im 21. Jahrhundert.

Bei der Studienfahrt „Frauen in Marokko“ (14.–21. November) wohnen die Reisenden im Riad el Cadi. (www.riyadelcadi.com). Die Tour kostet ab 1516 Euro pro Person im Doppelzimmer zuzüglich Flug. Information und Buchung beim Hamburger Veranstalter Marokko erleben, Telefon: 040 / 43 19 07 52, www.marokkoerleben.de

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