Deutsche Siedler : Neue Heimat Mecklenburg

In Linstow auf der Seenplatte steht ein Unikum: das Wolhynier Umsiedlermuseum.

von
Nachgestellt. So prächtig wie in Linstow sahen die Pferde der Flüchtlingstrecks der Wolhyniendeutschen nicht aus.
Nachgestellt. So prächtig wie in Linstow sahen die Pferde der Flüchtlingstrecks der Wolhyniendeutschen nicht aus.Foto: Brandstädter

Wer von Westen aus blickend gleich hinter der Elbe schon immer den Beginn der russischen Steppe vermutet hat, könnte sich in Linstow bestätigt fühlen. In dem Dörfchen der Mecklenburgischen Seenplatte fällt ein hoch aufragender Ziehbrunnen auf. Wie in der Puszta. „Kranichbrunnen“ hieß er bei den Menschen, denen das Wolhynier Umsiedlermuseum des Heimatvereins Linstow gewidmet ist. Dahinter verbirgt sich keineswegs verstaubtes Brauchtum, sondern engagierte Museumsarbeit für Toleranz und Verständigung, gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt. Hier treffen sich Wissenschaftler aus Ost und West, werden internationale Verbindungen gepflegt, von Kanada bis nach Sibirien. Je nachdem, wohin es sie verschlagen hat im Verlauf ihrer Geschichte, die Deutschen aus Wolhynien in der heutigen Westukraine.

Östliches findet sich noch mehr, wie etwa im Namen der um 1350 auf einer Anhöhe errichteten „Kiether“ Kirche, einem Begriff der Elbslawen für „Gestrüpp“. In der Nordwand des ursprünglichen Backsteinbaus hat auf einem Kriegerdenkmal die Inschrift „wider den Bolschewismus“ die DDR überlebt. Das Linstower Gutshaus wurde vom Eigentümer, einem früheren Berliner Kunstsammler, aufwendig ökologisch saniert und beherbergt heute ein kleines Hotel. In den Zimmern hängen Grafiken der Russischen Avantgarde.

Das restaurierte Umsiedlerhaus gewährt Einblick in den Alltag der Wolhyniendeutschen. Eine Führung lohnt sich, denn das kleine Gebäude steckt voller Geschichten, und so mancher Gegenstand erscheint dem Besucher heute rätselhaft.

In der oberen Etage der Bildungsscheune bietet sich Gelegenheit, sich in eine bebilderte Geschichte der Wolhyniendeutschen zu vertiefen. Man blickt in die zerfurchten Gesichter hart arbeitender Menschen. Und der Besucher stutzt: Auch der Pianist Swjatoslaw Richter wurde in der Nähe von Schitomir, Ostwolhynien, geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Er hatte einen deutschen Vater, Theofil, ebenfalls Pianist und Absolvent des Wiener Konservatoriums.

Bereits um 1800 entstanden die ersten Kolonien deutschsprachiger Siedler, zumeist Glaubensflüchtlinge. Zu einem regelrechten Landsturm kam es Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Auswanderer lutherischen Glaubens folgten den scharenweise durch Preußen ziehenden Werbern der russischen Regierung, und so lebten kurz vor dem Ersten Weltkrieg rund 250 000 Deutsche in etwa 300 Kolonien. Eine kleinere Gruppe, die sogenannten Bug-Holländer, war da bereits freiwillig im Zuge der Stolypinschen Agrarreform weiter nach Sibirien gewandert. Sie erhofften sich ein besseres Leben, denn ihr Landbesitz verhielt sich inzwischen umgekehrt proportional zum Kinderreichtum .

Zum Museumsfest reisen Wolhyniendeutsche an

Auf ein ruhiges Leben durfte in Wolhynien niemand hoffen. Zwischen Russland, Polen und der Ukraine mit ständig wechselnder Herrschaft lebte man „wie das Huhn in der Bahnhofshalle“, wie es einst der Kirchenmusiker Ewald Weiss beschrieb. Im Verlauf ihrer Siedlungsgeschichte erlitten die Wolhyniendeutschen mehrfach Deportation, Flucht und Vertreibung, gerieten in die Mühlen des stalinschen Machtapparates mit Repressionen, Lagerhaft in der „Trudarmee“ und Zwangskollektivierung. Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes 1939 wurden die West-Wolhynier unter dem Motto „Heim ins Reich“ von Hitlers Propaganda-Maschinerie missbraucht und auf Kosten der polnischen Bevölkerung umgesiedelt, bis im November 1943 schließlich auch die letzten mit dem Rückzug der deutschen Armee in großen Trecks das Land verließen. Rund 70 Familien fanden in Linstow eine neue Heimat.

Diese bewegende Geschichte kann vor Ort auch als Film gesehen werden. Immer muss der Pferdewagen mit Sack und Pack beladen werden. Doch während in Linstow heute die wohlgenährten Rösser nur eine Runde um die Bildungsscheune drehen müssen, heißt es in dem Bericht des Joseph Weiss zur Deportation im Juli 1915: „Die kleinen flachen Brunnen der Ukrainer reichten kaum für die Versorgung des eigenen Viehs, nicht aber für 150 zusätzliche Pferde und etwa 60–70 Kühe. Kurzum, die Katastrophe begann sich abzuzeichnen.“ Und weiter: „Allmählich erreichte der Elendszug bei David-Gorodock den Pripjet. Hier in den Sümpfen ließ man die vielen Menschen unter freiem Himmel campieren, bis eine Seuche ausbrach und viele starben.“

Zum Museumsfest reisen Wolhyniendeutsche aus ganz Deutschland an. Da passiert es dann, dass eine betagte Frau verträumt erzählt, wie sie an warmen Sommerabenden vor dem Haus saßen und den wunderschönen Gesängen der Ukrainer lauschten, die über die Felder herüberschallten ... Oder wenn der energiegeladene Eduard Bütow von seinen Ahnen und der Historiker Nikolaus Arndt von spannender Forschungsarbeit berichten. Bei der Jugend scheint die Liebe zu Wolhynien zuerst einmal durch den Magen zu gehen. Bei den Großeltern habe es immer so gut geschmeckt und die wolhynischen Piroggen seien „ganz anders“ als die russischen. Nun planen sie eine Facebook-Seite.

Schon 1993 eröffnet, ist Linstow das erste und bislang einzige authentische Freilichtmuseum in Deutschland, das sich mit der Geschichte deutscher Siedler im Osten befasst. Als später zufällig der Kontakt zum Historischen Verein Wolhynien e.V. in Bayern hergestellt war, freute der sich riesig darüber, dass „sie nun ein Museum hatten, ohne einen einzigen Spatenstich gemacht zu haben“, wie Museumsleiter Johannes Herbst scherzhaft anmerkt. Besonders liegen ihm die Projekte für Schulklassen am Herzen, in denen Fremdenhass und rechter Gewalt entgegengewirkt werden soll. Herbst hofft auf eine öffentlich finanzierte Vollzeitkraft, denn neben dem Beruf sei die wachsende Arbeit trotz der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter kaum mehr zu schaffen. Deren Reihen lichten sich und bringen so die Existenz des Museums in Gefahr.

Doch das, worauf Linstow so verzweifelt hofft, das gibt es bereits. Allerdings weit, weit weg, im tiefsten Sibirien. Dort fiel Historikern aus Irkutsk die ungewöhnliche Bauweise einer Siedlung in der Taiga auf und im vergangenen Jahr wurde im Dorf Pichtinsk feierlich ein Museum der Bug-Holländer eingeweiht – mitsamt einer Vollzeitstelle. Es ist dem Freilichtmuseum Talzy am Baikal unterstellt – und mit der Transsib erreichbar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben